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Aus für Russen und Belarussen : Kehrtwende bei Paralympics nach Boykott-Drohung

Rolle rückwärts: IPC-Präsident Andrew Parsons Bild: AP

Nach der scharf kritisierten Entscheidung, Russen und Belarussen bei den Paralympics starten zu lassen, revidiert das IPC seine Entscheidung. Zuvor sei die Lage in den „Athletendörfern eskaliert“.

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          Die Paralympischen Spiele von Peking finden nun doch ohne Athleten aus Russland und Belarus statt. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) machte am Donnerstag, keine 24 Stunden nach seiner umstrittenen Entscheidung zur Zulassung der Sportler unter neutraler Flagge, eine Rolle rückwärts. Zuvor hatten mehrere Teams und Athleten mit einem Boykott der Spiele gedroht. Auch aus Deutschland gab es deutlichen Protest gegen die ursprüngliche Entscheidung.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Wir vom IPC sind der festen Überzeugung, dass Sport und Politik sich nicht vermischen sollten“, sagte Präsident Andrew Parsons nach der Kehrtwende: „Der Krieg ist jedoch ohne unser eigenes Verschulden zu diesen Spielen gekommen, und hinter den Kulissen nehmen viele Regierungen Einfluss auf unsere geschätzte Veranstaltung.“ Die eskalierende Situation habe das IPC „in eine einzigartige und unmögliche Lage gebracht“. Schließlich sei der Druck der Mitgliedsverbände zu groß geworden. „Mehrere Nationale Paralympische Komitees, von denen einige von ihren Regierungen, Teams und Athleten kontaktiert wurden, drohen damit, nicht anzutreten“, führte Parsons aus: „Sie haben uns gesagt, dass es schwerwiegende Folgen für die Paralympischen Winterspiele 2022 in Peking haben könnte, wenn wir unsere Entscheidung nicht überdenken.“

          Seit dem Beschluss zur Zulassung der russischen und belarussischen Sportler sei „die Situation in den Athletendörfern eskaliert und ist inzwischen unhaltbar geworden“, begründete Parsons die Kehrtwende. Es gehe nun darum, „die Integrität dieser Spiele und die Sicherheit aller Teilnehmer zu wahren“. Bei den Athleten aus Russland und Belarus bat Parsons um Entschuldigung. „Sie sind Opfer der Handlungen ihrer Regierungen“, sagte der Brasilianer. Insgesamt sind 83 Athleten vom Ausschluss betroffen.

          Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) begrüßt die Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), die russischen und belarussischen Athleten nun doch von den Paralympics in Peking auszuschließen. „Es ist eine wunderbare Kehrtwende“, sagte DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher: „Uns, den Athletinnen und Athleten, aber auch den meisten Nationalen Paralympischen Komitees ist eine unwahrscheinliche Last abgefallen. Wir wollten diese Entscheidung nicht verstehen, dass hier zeitgleich ukrainische Athleten um ihre Familien bangen, die in Luftschutzkellern sitzen, und sie hier mit Athleten aus den Ländern, die ihr Land überfallen haben, in einen friedlichen Wettkampf gehen sollen“, sagte Beucher. Die IPC-Entscheidung sei „einfach nur schön“.

          Direkt nach der Entscheidung am Mittwoch hatte es Entsetzen und Empörung bei mehreren Delegationen gegeben. Das IPC beschloss zunächst lediglich, Russen und Belarussen zu neutralen Athleten zu erklären, ihnen im Falle eines sportlichen Erfolges Nationalflagge und Nationalhymne vorzuenthalten und die Länder nicht im Medaillenspiegel aufzuführen.

          Der DBS nannte den Beschluss inakzeptabel und ein völlig falsches Signal in der derzeitigen weltpolitischen Lage. Chef de Mission Karl Quade sagte, er sei seit der Gründung des IPC 1989 dessen Mitglied: „Doch für diese Entscheidung schäme ich mich zutiefst.“ DBS-Präsident Beucher, ehemaliger Bundestagsabgeordneter (SPD) und Vorsitzender des Sportausschusses, urteilte: „Das ist enttäuschend und mutlos. Angesichts der täglichen Kriegsgräuel in der Ukraine hätten wir einen solchen Beschluss nicht für möglich gehalten.“

          In der Ukraine tobe eine russische Invasion, und das IPC berufe sich auf Regeln und Paragraphen. Dafür habe er kein Verständnis. „In einer solchen Situation braucht es moralische und politische Entscheidungen, keine juristischen“, sagte Beucher: „Wir respektieren eine demokratisch getroffene Entscheidung, können diese aber nicht akzeptieren.“ Keine 24 Stunden später folgte nun die Kehrtwende des IPC. Die Spiele in Peking sollen am Freitag mit einer Feier eröffnet werden.

          Die ukrainische Mannschaft veröffentlichte am Mittwoch diesen Kommentar: „Während russische und belarussische Bomben auf ukrainische Bürger regnen, hat das IPC jedem ukrainischen Athleten und Bürger einen weiteren Schlag versetzt, indem es russischen und belarussischen Athleten erlaubt, an den Paralympischen Spielen teilzunehmen.“ Niederländer und Briten brachten ebenfalls ihre Empörung über den Beschluss zum Ausdruck.

          IPC-Präsident Andrew Parsons aus Brasilien erwiderte, als ihm dies auf einer Pressekonferenz am Mittwochabend Ortszeit in Peking vorgehalten und er um eine Antwort an die Adresse der Mannschaft gebeten wurde: „Die beste Art, ihren Stolz darauf, Ukrainer zu sein, auszudrücken, ist es, das zu tun, was sie am besten können: sich auf höchstmöglichem Niveau dem Wettbewerb zu stellen. Ich finde, dies ist, wie sie die Stärke des ukrainischen Volkes ausdrücken können: so viele Medaillen wie möglich gewinnen auf dem Spielfeld hier in Peking.“

          Die Regeln ließen nicht zu, den Bruch der olympischen Waffenruhe zu sanktionieren. Die Mannschaften dennoch auszuschließen würde Konsequenzen vor deutschen Gerichten haben – das IPC hat seinen Sitz in Bonn – und den gesamten paralympischen Sport gefährden. Keinen Tag später kam das IPC nun zu einer anderen Bewertung.

          Paralympics: Forster und Fleig deutsche Fahnenträger

          Die zweimalige Goldmedaillengewinnerin Anna-Lena Forster und Pyeongchang-Champion Martin Fleig tragen bei der Eröffnungsfeier der 13. Paralympischen Winterspiele in Peking die deutsche Fahne. Dies gab der Deutsche Behindertensportverband (DBS) am Donnerstag bekannt. Die Monoskifahrerin aus Radolfzell und der Biathlonspezialist aus Freiburg führen die 17 Athletinnen und Athleten sowie die fünf Guides bei der Zeremonie am Freitag (13.00 Uhr MEZ im ZDF) ins Nationalstadion.

          Beide wollen daraus einen Extraschub für ihre ersten Wettkämpfe am Samstag ziehen. „Bei sowas sagt man nicht nein“, sagte Forster dem SID: „Ich bin bislang bei allen Paralympics zur Eröffnungsfeier gefahren, egal ob ich am nächsten Tag Wettkampf hatte. Das gehört für mich einfach dazu. Ich habe immer das Gefühl, dass ich da noch eine Motivation rausziehen kann, weil das Einlaufen ins Stadion einfach ein gigantisches Gefühl ist. Da checkt man: Jetzt geht es richtig los.“

          Für Forster sind es die dritten Paralympischen Spiele. Nach zwei Silber- und einer Bronzemedaille 2014 in Sotschi stand die 26-Jährige 2018 in Pyeongchang gleich zweimal auf dem obersten Treppchen. Nach ihren vier WM-Titeln im Januar gilt sie als heißeste deutsche Medaillenkandidatin in China.  Für Fleig sind es ebenfalls die dritten Spiele, 2018 gewann er in seiner Spezialdisziplin Biathlon Gold über 15 km. In Peking geht er auch im Langlauf an den Start. Erstmals wird damit ein Duo das Team D Paralympics bei Winterspielen ins Stadion führen. 2018 trug Skifahrerin Andrea Rothfuss die Fahne. (sid)

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