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IOC: Claudia Bokel im Gespräch : „Ich werde versuchen, auf russische Athleten zuzugehen“

  • Aktualisiert am

Marathonläuferin Lilija Schobuchowa redet über Doping in Russland Bild: dpa

Claudia Bokel ist Vorsitzende der IOC-Athletenkommission. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über den Doping-Skandal in Russland, Trauer bei Olympia und „ewige“ Verbandspräsidenten.

          Drei russische Athletinnen, die 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa, die Marathonläuferin Lilija Schobuchowa und die Diskuswerferin Ewgenija Pecherina, behaupten in einer ARD-Dokumentation vom Mittwoch, in ihrem Land würden Sportler zum Doping gezwungen, ja müssten sogar dafür bezahlen. Und positive Tests würden vertuscht. Was waren Ihre Gefühle, als Sie das gesehen haben?

          Zuerst habe ich gedacht, das darf doch nicht wahr sein. Dann wollte ich mehr wissen. Das Einzige, was ich kenne, sind die Anschuldigungen, die ich im Fernsehen gesehen habe. In dem Film sind Gesichter, die man kennt. Ich hätte ganz gerne gehabt, dass die Sportler zu der Athletenkommission kommen und dort sagen, dass sie Sorgen haben. Aber das ist vielleicht auch nicht so einfach.

          Wie erklären Sie sich das?

          Vielleicht sind wir nicht bekannt genug. Vielleicht brauchte man in jedem Land einen Ansprechpartner. Vielleicht müssen wir eine Hotline einführen. Erfahrungsgemäß sind aber solche Hotlines nicht sehr gut genutzt. Es gibt sie ja in manchen Ländern, in Deutschland auch. Schwierig ist, dass sehr viele Anschuldigungen kommen und nicht immer was dran ist.

          Was könnten Sie denn tun, um mehr über die russischen Verhältnisse zu erfahren?

          Ich werde versuchen, auf russische Athleten zuzugehen. Ich weiß nur nicht, wie einfach das ist, zunächst werde ich mit den Athletenkommissionen der Wada (Welt-Anti-Doping-Kommission) und der IAAF (Internationaler Leichtathletik-Verband) sprechen. Mit denen sind wir sowieso ständig in Kontakt. Und wir bekommen natürlich, hoffentlich bald, den Bericht der IAAF-Ethikkommission.

          Die drei Athletinnen, die in der Dokumentation Vorwürfe erheben, sind selbst wegen Dopings gesperrt. Behandeln Sie solche Leute sonst nicht eher wie Ausgestoßene?

          Das ist keine einfache Situation. Aber wenn Sportler tatsächlich keinen anderen Ausweg gesehen haben, als Dopingmittel zu nehmen, müsste man ohnehin mit ihnen sprechen. Wenn das so sein sollte, müssen wir erst recht da dran.

          Ein Beitrag Ihrer Arbeitsgruppe für Thomas Bachs Reformwerk „Agenda 2020“ beschäftigt sich mit Doping, unter dem Thema „Schutz des sauberen Athleten“. Darunter verstehen Sie ein Umdenken, es soll stets davon ausgegangen werden, dass Sportler nicht gedopt sind. Haben Sie die jüngsten Nachrichten da nicht ins Wanken gebracht?

          Im ersten Moment denkt man, bin ich da denn völlig auf dem falschen Weg? Aber nein, ich glaube immer noch, dass die Mehrheit der Sportler sauber ist.

          Ist das nicht eine naive Haltung?

          Nein. Es geht ja noch weiter. Der Forschungsfonds, in den das IOC zehn Millionen investiert und die Regierungen der Welt eingeladen hat, auch zehn Millionen Dollar beizutragen, ist dabei sehr wichtig. Es sollen neue Wege gegangen und ungewöhnliche Gedanken entwickelt werden in der Frage: Was kann man tun, damit es für die Sportler leichter wird, zu beweisen, dass sie sauber sind?

          Auch Sie stimmen von diesem Montag an auf der Außerordentlichen Session in Monte Carlo über Bachs 40 Empfehlungen zur Modernisierung des Geschäftsmodells IOC ab. Wie dringend war die „Agenda 2020“ denn nötig?

          Ich glaube, es ist genau der richtige Zeitpunkt. Wenn ein neuer Präsident kommt, kann der Versuch unternommen werden, Dinge zu ändern. Ich bin extrem zufrieden, was in die Agenda 2020 alles für die Sportler aufgenommen wurde.

          Ihre Arbeitsgruppe schlägt feierliche Siegerehrungen vor für Sportler, die nachrücken, weil der ursprüngliche Medaillengewinner gedopt war. Ist so etwas denn nachholbar?

          Der Sportler ist nun wirklich doppelt gestraft. Was ihm an Gefühlen verwehrt bleibt. Und finanziell. Wenn er erst Jahre später seine Medaille bekommt, muss er entsprechend gewürdigt werden. Er verpasst schon so viel, und ich glaube, das kehrt man heute noch zu sehr unter den Teppich. Mein Traum ist eine Extra-Siegerehrung noch während der Spiele. Ansonsten hoffe ich, dass man das in einem entsprechenden Rahmen, etwa den nächsten Weltmeisterschaften, nachholen könnte.

          Es gibt in der Agenda einen auf den ersten Blick unscheinbaren Punkt 18, der auch von Ihrer Arbeitsgruppe kommt. „Die Unterstützung des Athleten verstärken.“ Was verbirgt sich dahinter?

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