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IOC-Vollversammlung : Neue Energie für die deutsche Bewerbung

  • -Aktualisiert am

Großer Kopf über allen: IOC-Präsident Thomas Bach hat seine „Agenda 2020“ schnell unter seine Leute gebracht. Bild: dpa

Eine Mischung aus Wandel und Aufbruch: Die „Agenda 2020“ nährt den Optimismus des DOSB-Präsidenten Hörmann für das Projekt Olympia.

          Pack mer’s“, sagte Alfons Hörmann auf gut Allgäuerisch. Der frisch bestätigte Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) war in die Formel-1-Metropole Monte Carlo gekommen, um aufzutanken, und fühlte sich gut bedient. Die „Agenda 2020“ des Präsidenten Thomas Bach, die von der Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Montag im Sturm und ohne eine einzige Gegenstimme oder Enthaltung beschlossen wurde, verleiht ihm neue Energie. Sie soll auch den Bewerbungsabsichten der deutschen Städte Berlin und Hamburg für die Sommerspiele 2024 größeren Rückhalt in der Bevölkerung verschaffen. „Aus dieser Mischung von Wandel und Aufbruch“, erläuterte Hörmann seine bajuwarische Schnellfassung, „wächst Zuversicht und Optimismus für das Projekt Olympia in Deutschland“.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Das Problem wird höchstens sein, die Reformen mit ihren Details und Verästelungen den potentiellen Bewerbern und vor allem ihrer Basis, die sich zunächst in Meinungsumfragen für die Bewerbung aussprechen muss, zu kommunizieren. „Wie übersetze ich das für die Hamburger und Berliner?“, fragte sich Hörmann. Schließlich sind viele von ihnen der Meinung, dass Olympische Spiele zu teuer seien – und dem Gastgeber zu wenig brächten.

          Olympische Spiele sollen flexibler und moderner werden

          Die „Agenda 2020“ könnte diese Überzeugung erschüttern. Ein erster Schritt ist ein Workshop Ende Januar für Repräsentanten der beiden Städte, in denen es um das Bewerbungsverfahren und die künftige Ausgestaltung Olympischer Spiele geht. Das IOC startet bereits am 15. Januar eine Beratungsphase für potentielle Bewerber. Dass Olympische Spiele kostengünstiger, flexibler, nachhaltiger, für den Veranstalter individueller und vom Programm her moderner werden sollen, ist inzwischen klar. Aber auf welche Weise? Schon das Bewerbungsverfahren, in das nach dem DOSB-Beschluss am 21. März 2015 entweder Hamburg oder Berlin eintreten wird, hat teuren Ballast abgeworfen. Die professionell gestylten Präsentationen werden auf vier Zentralveranstaltungen beschränkt, wobei das IOC sich an den Reisekosten beteiligt.

          Mit Schrecken denken die Münchner Bewerber um die Winterspiele 2018 noch an das zehnmalige Schaulaufen in aller Welt mit dem absurden Höhepunkt beim Treffen der Nationalen Olympischen Komitees von Australien/Ozeanien in Neukaledonien. Die Kosten für den Besuch der IOC-Evaluierungskommission tragen die Olympier künftig selbst.

          DOSB-Präsident Alfons Hörmann: „Pack mer’s“

          Insgesamt schätzt der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper die Ersparnis auf zehn Prozent – auf 50 Millionen Euro sind die deutschen Bewerbungskosten bisher angesetzt. Auch die Veröffentlichung des Vertrags, den das IOC mit dem künftigen Gastgeber abschließt, dürfte viele Ärgernisse und Spekulationen aus der Welt schaffen. Darin wird unter anderem auch bekanntgegeben, welchen Beitrag das IOC zu den Veranstaltungskosten leistet. Bei Sommerspielen ist das mehr als eine Milliarde Dollar.

          Olympische Spiele der Zukunft: Einzelne Sportarten auslagern

          Stärker als bisher soll Wert darauf gelegt werden, dass bereits existierende oder temporäre Sportstätten genutzt werden. Hamburg zum Beispiel müsste ein Olympiastadion erst noch bauen und könnte sich einen wandelbaren Plan machen. Der Neubau einer teuren Anlage für Kanuslalom könnte sich die Hansestadt auch sparen. Warum nicht auf die Anlage in Markkleeberg in Sachsen zurückgreifen, die eigentlich zum Berliner Sportstättenkonzept gehört? Dass einzelne Vorkämpfe oder sogar ganze Sportarten aus der Olympiastadt ausgelagert werden können, eröffnet vielfältige Möglichkeiten.

          Radsport in Bremen statt in Hamburg. Oder Handball-Vorrundenspiele in den Hochburgen Kiel oder Schwerin. „Was nach außen gar nicht so revolutionär klingt“, sagte Hörmann, „zieht manchmal bedeutende Folgen nach sich. Manche Sportart wird sich noch wundern, was in den Paketen alles enthalten ist.“ Hörmann erwartet sogar besorgte Kommentare von Sportarten, die eine Zergliederung ihrer olympischen Wettbewerbe befürchten. Und eine weitere Frage dürfte noch für Aufregung sorgen. Welche lokal bedeutende Sportart werden die Bewerber wohl zusätzlich fürs Programm vorschlagen? Das dürfen sie nämlich jetzt. „Ich glaube“, sagte Hörmann, „dass es uns mit diesem Paket gelingen müsste, diejenigen zu überzeugen, die konstruktiv kritisch oder gleichgültig und offen für Argumente sind. Bei ewigen Pessimisten wird es schwierig.“

          IOC-Mitglied Richard Pound, ein streitbarer Kandier, der keine Angst vor unpopulären Äußerungen hat, ist jedenfalls fest überzeugt von der positiven Wirkung der „Agenda 2020“ auf Olympiabewerber. Am Dienstag, kurz bevor die historische 127. IOC-Vollversammlung in Monte Carlo zu Ende ging, regte er an, die Bewerbung für die Winterspiele 2022 noch einmal zu öffnen. Man erinnert sich: Graubünden, Stockholm, Krakau, Oslo, Lwiw und München gingen dem IOC unterwegs verloren – bis auf die Stadt in der Ukraine aufgrund mangelnden Rückhalts an der Basis. So blieben nur noch Peking und das schwächelnde Almaty (Kasachstan) übrig.

          Bach lehnte ein solches Ansinnen zum wiederholten Male ab. „Man kann auch nicht bei einem 10.000-Meter-Lauf aussteigen, wenn es regnet, und wieder einsteigen wollen, wenn die Sonne herauskommt“, sagte er. Genauso sollen potentielle Bewerber die neuen Beschlüsse sehen: als Klimawechsel zum Besseren. Vielleicht ergibt sich schon für 2024 ein regeres Bewerberinteresse. In Monte Carlo wurde beschlossen, dass die Sommerspiele für dieses Jahr 2017 bei der Vollversammlung in Lima vergeben werden.

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