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Thomas Bachs „Agenda 2020“ : Kein teures Futter für Weiße Elefanten

  • -Aktualisiert am

Thomas Bachs IOC-Reformwerk hat auch Auswirkungen auf Pyeongchang 2018 Bild: Picture-Alliance

Die Olympier stimmen über Thomas Bachs „Agenda 2020“ ab. Geht es nach dem Reformwerk des IOC-Präsidenten, wird bei den Winterspielen 2018 außerhalb des Gastgeberlandes Südkorea gerodelt.

          Der Dampfer namens „Agenda 2020“ ist fertig gebaut, am Montag und Dienstag wird Thomas Bach ihn in Monte Carlo vom Stapel lassen. Sein Reformwerk, das 40 Empfehlungen an die 127. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) umfasst, soll an diesen beiden sporthistorischen Tagen von den etwa 100 Olympiern angenommen werden, und es sieht nicht aus, als würde es auf großen Widerstand stoßen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Gleich nach der zweitägigen Taufe sticht Bach in See. Als erstes, so kündigte der IOC-Präsident an, wird geprüft, welche Auswirkungen die Neuerungen auf die aktuellen Veranstalter haben werden. Eines der Kernziele der Agenda sind preisgünstigere, nachhaltigere Olympische Spiele. Betroffen sind die Winterspiele 2018 in Pyeongchang und die Sommerspiele 2020 in Tokio, wo schon fleißig gebaut und ums Geld gestritten wird. „Wir sind in Gesprächen mit beiden Organisationskomitees“, sagte Bach in Monte Carlo schon vor der entscheidenden Session, „über die potentiellen Möglichkeiten, die die Agenda ihnen bieten wird.“ Im Falle eines positiven Votums der Vollversammlung könnten sie sofort mit der Implementierung beginnen.

          Tokio wird sich dafür stark machen, dass die in Japan beliebten Baseball und Softball noch rechtzeitig ins Programm aufgenommen werden. Die Empfehlung Nummer eins sieht ein solches Vorschlagsrecht vor. Und Pyeongchang? Die Zeichen mehren sich, dass der koreanische Gastgeber, der vor drei Jahren unter anderen München aus dem Rennen warf, sich den Bau einer Bob- und Rodelbahn sparen kann. Das heißt, nicht nur kann, sondern nach Wunsch des IOC sogar soll. Aus Lausanne wurde bereits die Aufforderung an das Organisationskomitee gerichtet, die Bauarbeiten für die 120 Millionen Dollar (97,6 Millionen Euro) teure Sportstätte zu beenden.

          Die betroffenen Weltverbände sind informiert, dass ihre Wettkämpfe 2018 außerhalb Koreas stattfinden sollen. In Frage käme die Bob- und Rodelbahn in Nagano, wo bei den Spielen 1998 die Wettkämpfe ausgetragen wurden. Dazu müssten Südkorea und Japan zwar ihre historisch bedingten Spannungen überwinden; dass sie das zum Wohle des Sports können, haben sie mit der gemeinsamen Veranstaltung der Fußball-Weltmeisterschaften 2002 aber schon bewiesen. Ansonsten kämen auch Anlagen in Europa oder Nordamerika in die Verlosung.

          Grund für das IOC-Bremsmanöver ist die mangelnde Chance auf eine Nachnutzung des Geschlängels, dessen Unterhalt voraussichtlich 3,5 Millionen Dollar (2,8 Millionen Euro) kosten würde – teures Futter für einen Weißen Elefanten. In der ersten der 40 Empfehlungen, die den Bewerbungsprozess reformieren sollen, heißt es, ein Gastgeber dürfe die Wettkämpfe ganzer Sportarten außerhalb der Olympiastadt oder, in Ausnahmefällen, außerhalb des Landes austragen lassen. Als Gründe werden geographische Gegebenheiten oder mangelnde Nachhaltigkeit genannt.

          Pyeonchang jedoch will sich die Bahn gar nicht sparen. Sie sei wichtig für koreanische Athleten, heißt es beim Organisationskomitee Pocog, aber tatsächlich gibt es kein Nachnutzungskonzept, das die Olympier überzeugt hätte. Und außerdem rückt ein schon länger andauernder Streit zwischen der Provinz Gangwon und der koreanischen Zentralregierung die Finanzlage der Organisatoren in ein ungünstiges Licht.

          Nach den Wettbewerben zurück nach Pyeongchang

          Weil die Zentralregierung nicht 75 Prozent der Kosten für den Bau des Stadions rausrücken will, in dem die Eröffnungs- und die Schlussfeier stattfinden sollen, drohte die Provinz gar mit der Rückgabe der Spiele. Eine halsbrecherische Drohung. Cho yang-ho, der erst seit Juli an der Spitze des Organisationskomitees steht, hat am Samstag bei seinem Bericht an die IOC-Exekutive in Monte Carlo erst einmal um Aufschub gebeten, bevor er näher auf die Budget-Lage eingehen kann.

          Die Befürchtung dass Bobfahrer, Rodler und Skeleton-Piloten durch eine Auslagerung in die olympische Isolation geraten könnten, soll durch die Empfehlung Nummer 18 entkräftet werden, in der es heißt, dass die „Athleten-Erfahrung“ künftig zu einem Kriterium für die Evaluierung von Bewerbern gehören wird. Um auch den Schlittenfahrern diese Erfahrung zu vermitteln, würden sie vor und nach ihren Wettkämpfen nach Pyeongchang geflogen – zwei Flugstunden trennen Nagano von dem koreanischen Wintersport-Retortengebiet. Dort könnten sie Eröffnungs- und Schlussfeier und die einzigartige Atmosphäre im Athletendorf genießen. Auch die Siegerehrungen würden in Pyeongchang stattfinden. Entschieden ist noch nichts, aber eines steht fest: Kaum ist Bachs Dampfer vom Stapel gelaufen, wird er sich nicht mehr vom Kurs abbringen lassen.

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