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IOC-Session : Die Phantome von Lima

  • -Aktualisiert am

Verdüstertes Happening in Peru: Carlos Nuzman belastet die IOC-Session Bild: AP

Die Doppel-Vergabe an Paris (2024) und Los Angeles (2028) wird einstimmig ratifiziert. Aber über allem schweben düster die greifbar abwesenden IOC-Mitglieder.

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          Was ist nur los mit den Vollversammlungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC)? Schon die letzte im Juli in Lausanne fühlte sich an wie Sprudel ohne Kohlensäure – obwohl dort die historische Doppel-Vergabe der Olympischen Sommerspiele an Paris 2024 und Los Angeles 2028 eingefädelt wurde. Und die 131. Session in Lima, bei der die Entscheidung am Mittwoch zur Freude der Delegationen aus Frankreich und den Vereinigten Staaten ratifiziert wurde – bisher wie kalter Kaffee.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Etwas ist anders geworden verglichen mit den früheren Jahrmärkten der Eitelkeiten: Die IOC-Mitglieder gehen mit ernsthaften Mienen ihren Aufgaben nach – Präsident Thomas Bach hat sie alle im Griff. Aber die Tatsache, dass sie immer weniger zu sagen haben, ist es nicht allein. Nicht nur die anwesenden IOC-Mitglieder wirken verschattet. Über allem schweben düster auch die greifbar abwesenden.

          Es sind die vier Phantome von Lima, die das Happening verdüstern: Carlos Nuzman aus Brasilien, der Chef der Olympischen Spiele 2016 in Rio, der im vergangenen Jahr noch vor einem Milliardenpublikum am Fernsehschirm hochtrabende Reden schwang. Scheich Ahmad al Sabah aus Kuweit, der einstige Hobby-Königsmacher der internationalen Sportpolitik, der noch vor kurzem in Versammlungssälen und Diskotheken die Puppen tanzen ließ. Frank Fredericks aus Namibia, mit vier olympischen Silbermedaillen ein Held im Sprint, und als ehemaliger Athletensprecher eine der Lichtgestalten der Bewegung. Und Patrick Hickey aus Irland, der stets so korrekt und staatsmännisch wirkende Vertreter der Nationalen Olympischen Komitees in der Exekutive.

          Vier harte Schläge

          Alle vier stehen im Zusammenhang mit schweren Korruptionsvorwürfen. Wobei Hickey der Einzige ist, der sich in aller Konsequenz abgemeldet hat: Er trat kurz vor der Session – nach einem Treffen mit Bach während der Judo-Weltmeisterschaften in Budapest – von seinem Amt zurück, von dem er sich vorher schon selbst suspendiert hatte.

          Vier harte Schläge für das IOC und Thomas Bach, die dieser allerdings mehr als sportlich nimmt. Bei der Auftakt-Pressekonferenz zur Sitzungswoche in Lima musste er sich zwar 40 Minuten lang kritische Fragen gefallen lassen, hauptsächlich zum Thema Korruption und Glaubwürdigkeit, bevor doch noch jemand auf die Idee kam, ihn auf seinen kühnen Befreiungsschlag mit der Doppelvergabe anzusprechen. Doch der Präsident nahm die Kritik an seiner Organisation, unter deren Dach die Auswüchse möglich waren, nicht an, auch wenn er nicht verhindern kann, dass die Glaubwürdigkeit des IOC weiter Schaden nimmt. Bach wich nicht ab von einem bewährten Rezept: der Distanzierung und Individualisierung, auf die sich Sport-Organisationen auch gerne zurückziehen, wenn um Doping-Fälle geht. „Es gibt keine kollektive Verantwortung des IOC“, sagte Bach. „Einzelpersonen haben Taten begangen, und dafür werden wir Strafen aussprechen, wenn wir Beweise haben.“

          Ehemaliger Sprinter, gefallener Funktionär: Frank Fredericks

          Vier olympische Asse, vier Korruptionsvorwürfe: Hickey wurde vor einem Jahr in Rio de Janeiro von der brasilianischen Polizei gedemütigt – man verhaftete ihn nächtens im Hotelbademantel und bestellte die Presse dazu. Am 29. November wird ihm der Prozess gemacht. Der Vorwurf: Diebstahl, Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Bildung einer kriminellen Vereinigung im Zusammenhang mit dem Schwarzhandel von Tickets. Doch Hickeys Fall war noch längst nicht der ganze Schaden, den sich das IOC durch diese Spiele, die einfach nicht zu Ende gehen wollen, einhandelte. In der vergangenen Woche wurde im Rahmen französisch-brasilianischer Ermittlungen das Haus von Carlos Nuzman durchsucht, dazu die Büros des Nationalen Olympischen Komitees, dessen Vorsitzender er ist. Zwölf Jahre lang war Nuzman IOC-Mitglied, jetzt ist er Ehrenmitglied. Er soll der Vermittler eines Stimmen-Deals im Umfang von zwei Millionen Dollar sein, der zwischen dem brasilianischen Unternehmer Arthur Cesar Menezes Soares und dem Senegalesen Lamine Diack lief, dem einstigen Präsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes.

          Und der Scheich?

          Im Zusammenhang mit den französischen Ermittlungen steht auch der Name des namibischen IOC-Mitglieds Frank Fredericks, der kurz vor der Wahl von Rio von Lamine Diacks Sohn eine verdächtige Überweisung in Höhe von 300.000 Dollar erhielt. Fredericks wurde als Council-Mitglied des Leichtathletik-Weltverbandes suspendiert, er verlor seinen Vorsitz der Evaluierungskommission für die Spiele 2024, blieb aber IOC-Mitglied.

          Und der Scheich? Ahmad al-Sabah bleibt der Session fern - aus Angst vor einer Verhaftung?

          Und der Scheich? Ahmad al Sabah, einst auch Bachs Stimmenwerber, verzichtete auf seine Reise nach Lima, weil er bei den Asiatischen Martial-Arts-Spielen in Turkmenistan gebraucht wird, die vom Olympischen Rat Asiens organisiert werden, dem er vorsitzt. Mit den Ermittlungen der amerikanischen Behörden rund um das Geständnis von Richard Lai, des einstigen Mitglieds der Audit- und Compliance-Kommission des Fußball-Weltverbandes, habe sein Fernbleiben nichts zu tun, erklärte der Scheich. Dabei geht es um Bestechungsgelder von 950.000 Dollar zur Beeinflussung von Wahlen. Scheich Ahmad wird in den Akten als „Mitverschwörer“ geführt. Natürlich hat sein Fehlen auch nichts mit der möglichen Furcht vor einem internationalen Haftbefehl zu tun. Peru könnte ausliefern.

          Und was sagt Bach? Keine Organisation sei immun gegen Fehlverhalten. „Dieser Wirklichkeit müssen wir ins Gesicht sehen.“ Kein Gesetz sei so perfekt, dass es nicht gebrochen werden könnte. Das IOC habe die Regeln und Instrumente, um mit Übertretungen umzugehen. Es sei auch nicht an ihm, eine Meinung zu äußern zum Image des IOC. „Das kommt anderen zu“, sagte Bach. „Aber ich würde mir wünschen, dass sie auf Fakten und Zahlen beruht und nicht auf Vorurteilen.“ Nein, nicht auf Vorurteilen. Doch vielleicht eines Tages auf Gerichtsurteilen.

          Korrektes Auftreten, inkorrektes Gebahren: Patrick Hickey

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