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IOC-Präsidentschaftswahl : Gespannt auf den Tag P

  • -Aktualisiert am

Die Bühne für die wichtigen IOC-Entscheidungen in Buenos Aires ist bereitet Bild: AP

Das Internationale Olympische Komitee erlebt eine der spannendsten Wochen seiner Geschichte. Sie könnte mit der Wahl von Thomas Bach zum ersten deutschen Präsidenten enden.

          4 Min.

          Willkommen in der Stadt des Papstes. Bei der 125. Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Buenos Aires geht es zwar nur um einen irdischen Job und weltliche Güter. Doch das Treffen ist von großer Tragweite. Die bedeutendste sportpolitische Organisation der Welt erlebt hier, in einem Hotel an Dock 3 des windigen Yachthafens Puerto Madero, eine der spannendsten Wochen ihrer 119 Jahre dauernden Geschichte. Die wichtigste Entscheidung: Ein neuer Präsident wird gewählt. Der Belgier Jacques Rogge wird nach zwölf Jahren den Stuhl frei machen - seine Amtszeit ist abgelaufen. Ein Sechser-Feld von Kandidaten stellt sich zur Wahl.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Der Tauberbischofsheimer Vizepräsident Thomas Bach ist Favorit. Außerdem werden die Olympischen Sommerspiele 2020 vergeben. Bewerber sind Istanbul, Madrid und Tokio. Hier wird ein knappes Rennen erwartet, in dem viele Tokio als aussichtsreichen Bewerber ansehen, Istanbul nach einem desaströsen Sommer von der Spitzenposition auf den letzten Rang zurück gefallen ist, Madrid aber auf den letzten Metern den entscheidenden Satz nach vorne gemacht haben könnte. In einer weiteren Abstimmung muss die Vollversammlung eine der törichtsten Entscheidungen reparieren, die je eine IOC-Exekutive getroffen hat: Ringen, von dem Spitzengremium aus dem Olympischen Programm geworfen, dürfte wohl aus dem Sportarten-Limbo an seinen angestammten Platz zurückkehren, zum Nachteil der Neu-Bewerber Squash und Baseball/Softball.

          Bachs größter Rivale: Richard Carrión

          Eine knappe Woche vor der Präsidentenwahl am kommenden Dienstag bewegt sich der 59 Jahre alte Wirtschaftsanwalt Thomas Bach auffallend zuversichtlich durch das IOC-typische Hotelgetümmel aus Mitgliedern, Würdenträgern, Spindoktoren und Last-Minute-Lobbyisten. „Gespannt, mit froher Erwartung und kampfentschlossen“, so beschreibt er sein Vorgefühl auf den Tag P - den Zielpunkt jahrelangen strategischen Denkens, das er, ganz taktischer Fechter, niemals öffentlich eingestanden hat. Bach muss in diesen Tagen viel essen, schließlich gilt es, beim Frühstück, Lunch und Dinner noch ein paar Extra-Punkte zu sammeln.

          101 IOC-Mitglieder werden erwartet, sechs dürfen nicht abstimmen, weil sie Landsleute der Kandidaten sind. 95 wären also wahlberechtigt, 48 Stimmen müsste der Sieger für sich gewinnen. Er wird für acht Jahre gewählt und kann sich später für vier weitere Jahre zur Wahl stellen. Die geheime Abstimmung könnte über mehrere Runden gehen, wobei jeweils der Schwächste ausscheidet - so lange, bis einer der Kandidaten die Mehrheit auf sich vereint. Es geht also für die Bewerber auch um das Gewinnen von Zweitwählern. Ein heikles Geschäft.

          Die IOC-Präsidentschaftskandidaten im Überblick (für vollständige Ansicht anklicken): Thomas Bach (oben, von links), Sergej Bubka, Wu Ching-Kuo sowie (unten, von links) Richard Carrión, Ng Ser Miang und Denis Oswald
          Die IOC-Präsidentschaftskandidaten im Überblick (für vollständige Ansicht anklicken): Thomas Bach (oben, von links), Sergej Bubka, Wu Ching-Kuo sowie (unten, von links) Richard Carrión, Ng Ser Miang und Denis Oswald : Bild: dpa

          Auch Bachs Konkurrenten sind natürlich nicht untätig: Richard Carrión, der IOC-Finanzchef aus Puerto Rico, hat in den vergangenen Monaten einen ganz neuen, verbindlichen Charme entwickelt und wird als größter Rivale des fränkischen Juristen angesehen. Vizepräsident Ng Ser Miang, ein Geschäftsmann aus Singapur, übt sich eher in geräuschlosem Netzwerken und gilt daher als unberechenbar.

          Den drei weiteren Kandidaten werden geringere Chancen eingeräumt: Dem Schweizer IOC-Juristen und Welt-Ruderpräsidenten Denis Oswald, dem ukrainischen Stabhochsprung-Dauerweltrekordhalter Sergej Bubka und dem Architekten und Box-Weltpräsidenten Wu Ching-Kuo aus Taiwan. Obwohl die Wahlmanifeste der Kandidaten sich in einigen Punkten sehr ähnlich sind - alle versprechen, die olympischen Werte (Streben nach dem Besten, Freundschaft, Respekt), in den Mittelpunkt ihres Schaffens zu stellen -, wählt das IOC auch seinen zukünftigen Kurs. Den Olympioniken Bach, den Geldmann Carrión oder den Diplomaten Ng. Die schwerreiche Organisation, die sich aus Erfolgsgründen niemals eindeutig zwischen Geld und Moral wird entscheiden können, braucht eine starke Führung. Die „stille Diplomatie“, die Rogges Ära kennzeichnet, wird allein nicht mehr ausreichen, um die Identität der Olympischen Spiele gegen alle Anfechtungen zu verteidigen.

          Der Abstieg der Istanbuler Bewerbung

          Ob Bach dafür der richtige ist? Seine Ausbildung auf allen Ebenen ist perfekt, sein Image in Deutschland zwiespältig. Zwei Magazinsendungen des WDR-Fernsehens haben sich zuletzt mehr oder weniger als Aufwärmküche deutscher Sportskandale betätigt, in deren Nähe Bach sich befand, ihm aber keine verfängliche Beteiligung nachweisen können. Auch die Beleuchtung seiner Tätigkeit als Wirtschaftsanwalt und Präsident der Deutsch-Arabischen Handelskammer Ghorfa, die deutschen Firmen für Verkäufe in arabische Länder bescheinigt, keine Waren israelischen Ursprungs zu  enthalten, brachte bislang keine substantiellen Vergehen zu Tage. Bach wehrt sich seit einigen Wochen gegen Medien-Anfragen, die er für ehrenrührig hält, mit Hilfe eines einschlägigen Anwalts. Doch Deutschland ist jetzt weit weg - für Bach ist es entscheidend, in Buenos Aires die IOC-Mitglieder von sich zu überzeugen.

          Der neue IOC-Präsident? Thomas Bach im Gespräch mit der stellvertretenden IOC-Präsidentin Nawal El Moutawakel
          Der neue IOC-Präsident? Thomas Bach im Gespräch mit der stellvertretenden IOC-Präsidentin Nawal El Moutawakel : Bild: dpa

          Eine andere Art von Richtungs-Entscheidung steht bereits an diesem Samstag mit der Wahl der Olympiastadt 2020 bevor. Jeder der drei Bewerber leidet an einer anderen Welt-Krankheit: Istanbul an Gewaltexzessen, Tokio an einer Umweltkatastrophe und Madrid an der Finanzkrise. Istanbul, das mit seiner bereits fünften Bewerbung lange als Favorit galt mit seiner Verbindung zweier Kontinente, der jungen Bevölkerung und der boomenden Wirtschaft, hat sich innerhalb kürzester Zeit in ein Pulverfass verwandelt. Das gewaltsame Vorgehen gegen protestierende Bürger, die Nachbarschaft zum Kriegsschauplatz Syrien und die vielen positiven Dopingfälle, allein 31 in der Leichtathletik, zuletzt gar ein traditioneller Ölringer, haben die Chancen der türkischen Metropole erheblich geschmälert.

          Ringer kehren auf olympische Matte zurück

          Tokio mit seiner zweiten Bewerbung gilt zwar als sicherer Ort, an dem man sogar üblicherweise seine verlorene Brieftasche samt Inhalt auf dem Fundbüro wiederbekommt. Aber die riesigen Mengen aus dem Kraftwerks-Wrack Fukushima ausströmenden radioaktiven Wassers könnten die IOC-Mitglieder abschrecken. Madrid, zum dritten Mal am Start, gilt längst nicht mehr als Außenseiter, schließlich kennt man das Mittel gegen die Geldmangel-Krankheit - Geld. Die meisten Bauten stehen im Übrigen schon, Madrid hat das kleinste Investitionsbudget (1,46 Milliarden Euro, Istanbul: 12,72) und die Lage im alten Europa verspricht ein ruhiges Umfeld, zumal die IOC-Nerven angesichts der Problem-Spiele in Sotschi 2014 und Rio 2016 nicht die besten sind. Alle drei Anwärter werden von den Ministerpräsidenten ihrer Länder begleitet: Shinzo Abe aus Japan, Mariano Rajoy aus Spanien und Recep Tayyip Erdogan aus der Türkei. Aber Madrid hat noch einen weiteren Trumpf zu bieten: Den Kronprinzen Felipe.

          Am kommenden Sonntag werden aller Voraussicht nach die Ringer auf die olympische Matte zurückkehren. Nach dem heftigen Warnschuss im Februar in Lausanne haben sich Griffkünstler aus aller Welt zusammengetan und eine Lobby aufgebaut, die ihresgleichen sucht. Mit dem serbischen Bauunternehmer Nenad Lalovic wählte der Weltverband Fila einen neuen Präsidenten von imposanter Gestalt, der den Sport im Rekordtempo reformierte und die Delegation in Buenos Aires anführt. Überragen wird die Gruppe aber Alexander Karelin, dessen Erscheinung noch heute von den olympischen Ur-Ringern 708 vor Christus zu zeugen scheint. Heute ist er Abgeordneter der russischen Staats-Duma und wahrscheinlich auch in Buenos Aires wieder einmal unbesiegbar.

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