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Thomas Bach im Interview : „Erschrecken und in Teilen innere Wut“

Auch vom Papst geschätzt: Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Bild: dpa

Seit Freitag liegen weitere klare Belege für russisches Staats-Doping vor. Auch Thomas Bach spricht jetzt von Beweisen. Bereut er nun, das russische Team nicht von den Spielen in Rio verbannt zu haben?

          Der Abschlussbericht von Richard McLaren zum russischen Staatsdoping hat die alten Aussagen mit mehr Details belegt. Glauben Sie, was darin steht?

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Der Schlussbericht hat Antworten auf viele Fragen gegeben, die im ersten Bericht noch offen waren. Der Bericht als solcher ist in seinen Beweismitteln auch stärker und neutraler, weil er sich löst von den Aussagen von Herrn Rodschenkow, dem ehemaligen Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors und ehemaligen russischen Geheimagenten. Das heißt, dass Herr McLaren Beweise vorlegt, die darüber hinausgehen.

          Philip Craven, der Präsident des Internationalen Paralymischen Komitees, hat gesagt, ihn ekelt das russische Doping-System an. Können Sie ihm da zustimmen?

          Das ist eine Frage der Semantik. Für mich gilt Erschrecken. In Teilen auch innere Wut. Aber weder Wut noch Angst sind gute Ratgeber. Deswegen muss man sich in verantwortlicher Position sofort die Frage stellen: Wie ist damit umzugehen? Was kann man dafür tun, dass sich so was hoffentlich nie mehr wiederholt? Daher hat Philip Craven auch der IOC-Entscheidung vor den Spielen in Rio de Janeiro zugestimmt.

          Bereuen Sie es vor diesem Hintergrund, dass das IOC die russische Mannschaft nicht von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen und stattdessen den internationalen Verbänden die Prüfung der Einzelfälle übertragen hat?

          Nein. Auch dazu hat Professor McLaren einen wichtigen Hinweis gegeben. Er ist gefragt worden, ob internationale Verbände an dieser Verschwörung mitgewirkt haben. Seine Antwort war: nein, mit Ausnahme des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF, bei dem Spitzenfunktionäre an der Vertuschung von Doping-Fällen beteiligt waren, d. Red.). Und er ist gefragt worden, ob das Russische Olympische Komitee in diese Verschwörung verwickelt sei. Seine Antwort war: nein.

          Die IAAF ist mit einer Komplettsuspendierung vorangegangen. Ihre Hauptbegründung bleibt es aber, dass dem Russischen Olympischen Komitee, der Organisation, die Athleten zu Olympia entsendet, keine Beteiligung am Staatsdoping nachgewiesen werden kann?

          Noch mal: die IAAF hat ihr spezielles Problem der Beteiligung von Mitgliedern ihrer früheren Führung an diesem System zu klären. Das unterscheidet sie von allen anderen Fachverbänden und dem IOC. Deshalb stellt sich für das IOC die Frage der Abwägung zwischen individueller Gerechtigkeit und kollektiver Verantwortung auf andere Art und Weise als für die IAAF.

          Das sieht aber nicht nach einer konsequenten und abschreckenden Reaktion aus auf einen Staat, der skrupellos die olympischen Werte mit Füßen tritt.

          Auch hier gilt, was in der Politik gilt. Die angeblich so einfachen Lösungen entsprechen nicht immer der Komplexität der Probleme und der faktischen Lage. Jede Entscheidung hat sich an Recht und Gesetz zu orientieren. Das ist eine wesentliche Errungenschaft der modernen Demokratie.

          Es gibt aber Beispiele, wo Nationale Olympische Komitees (NOK) suspendiert wurden, obwohl sie keine Schuld auf sich geladen hatten, sondern Opfer staatlicher Einmischung wurden, wie zuletzt Kuweit. Könnte man nicht auch ein staatliches Doping-Programm als Einmischung werten?

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