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Thomas Bach im Gespräch : „Boykotte sind auch Diskriminierung“

IOC-Präsident Bach: „Das IOC und die olympischen Fachverbände haben auch eine Verantwortung gegenüber den Gastgebern“ Bild: AFP

Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, trifft viele Staatsoberhäupter - darunter umstrittene. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Begegnungen mit Putin und Poroschenko sowie die Olympische Agenda 2020.

          So wie Sie in der vergangenen Woche in Sotschi ist noch nie ein IOC-Präsident von einem Sportpolitiker angegangen worden. Marius Vizer, der Präsident der Vereinigung der Sport-Weltverbände Sportaccord, ließ in seiner Begrüßungsrede als Gastgeber der sportpolitischen Konferenzwoche kein gutes Haar in Ihrer Amtsführung. Was war denn da los?

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Ich weiß nicht, was ihn da geritten hat, seine Willkommensansprache in dieser Form zu halten. Da ist alle Motivforschung aber auch überflüssig, weil schon sehr bald erkennbar geworden ist, dass er mit seiner Meinung ziemlich alleine dasteht.

          Was wird jetzt aus Herrn Vizer?

          Das ist kein Thema, das mich beschäftigt. Das IOC wird seine Politik fortsetzen, direkt mit den von uns anerkannten Verbänden zu sprechen, wenn es olympische Themen zu erörtern gibt. Da brauchen wir keine Zwischenstation, die sich hier einschalten will.

          Das heißt, Vizer wird nicht mehr gebraucht?

          Wir sprechen mit den Verbänden direkt.

          Sie haben in Sotschi auch den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin wiedergesehen und mit ihm ein Gespräch geführt. Worum ging es denn da?

          Es ging unter anderem um die Nachnutzung der Sportstätten in Sotschi nach den Winterspielen. Wir haben uns ausgetauscht, was an Positivem da ist und was noch gemacht werden kann.

          Sie haben in Ihrer Rede in Sotschi ja nicht nur Vizers Angriffe pariert. Sie haben auch bei den Verbänden dafür geworben, Veranstaltungen nach Sotschi zu vergeben. Wieso diese Parteinahme?

          Wir wollen die Nachhaltigkeit der Sportstätten sichern. Gerade im Bezug auf Sotschi ist hier viel Kritik geübt geworden, weil durch die politischen Umstände die Nachnutzung nach den Spielen nicht gerade erleichtert wurde. Als ich dort war, habe ich gesehen, wie gut es funktionieren kann. Ich war beim Federation Cup im Tennis und kurz danach auch bei der gleichzeitig stattfindenden Mixed-Weltmeisterschaft im Curling. Ich wollte eine Anregung geben, von diesen Sportstätten entsprechend Gebrauch zu machen.

          Ist das nicht eher der Versuch, ein olympisches Vermächtnis der 50-Milliarden-Dollar-Spiele nachzuliefern, das es auf natürliche Weise nicht gegeben hätte?

          Nein. Die Sportstätten sind ja zum Teil schon umgebaut worden im Zuge der vorher bestehenden Nachnutzungsplanung. In einer der Sportstätten, die jetzt als Veranstaltungshalle dient, findet zum Beispiel im Moment eine Eisshow statt, in anderen werden Konzerte gegeben, in einer dritten befindet sich nun ein Tennis-Leistungszentrum. Hier wird eine Planung umgesetzt, die dazu geführt hat, dass im Winter in Sotschi und in den Bergen kein Hotelzimmer frei war.

          Wobei die Wintersportverbände sehr zurückhaltend waren mit der Vergabe von hochklassigen Wettkämpfen.

          Es ist ein gemischtes Bild. Es hat Weltcups im Bob und Rodeln und jetzt eine WM im Curling gegeben. Was fehlt, ist Biathlon beispielsweise oder Eisschnelllauf, auch die wollte ich ermutigen.

          Sie helfen halt ein bisschen nach, um Ihr eigenes Reformwerk „Olympische Agenda 2020“ mit Leben zu erfüllen?

          Das ist eben auch im Sinne der Olympischen Agenda 2020, dass wir nicht nach der Schlussfeier von Olympischen Spielen nach Hause fahren und dann sagen, schaut, wie ihr mit euren Sportstätten zurechtkommt. Das IOC und die olympischen Fachverbände haben auch eine Verantwortung gegenüber den Gastgebern.

          Wie würden Sie denn Wladimir Putins Verhältnis zum Sport beschreiben?

          Er ist ein begeisterter Sportler, der sich in vielen sportlichen Bereichen auch sehr gut auskennt und mitfiebert. Er ist auch jemand, der um den Wert des Sports im Erziehungs- und Schulsystem weiß, darum, dass der Sport Werte vermittelt, und er ist interessiert daran, sie umzusetzen. Und er ist sich sehr bewusst, dass Athleten gute und oftmals die besten Botschafter eines Landes sind.

          Glauben Sie nicht, dass er den Sport auch zur Selbstdarstellung und zur Beschönigung seiner vielkritisierten Politik benutzt?

          Die Organisation von sportlichen Großveranstaltungen ist natürlich immer auch die Darstellung eines Landes. Dort präsentiert sich ein Land so, wie es gerne gesehen werden will. Das ist im Prinzip legitim. Die Grenzen werden nur dann überschritten, wenn aus Anlass der Sportveranstaltungen versucht würde, Ideologien, politische Vorstellungen zu transportieren, eben auch inhaltlich tätig zu werden.

          Müssen Sie bei Ihren vielen Treffen mit Regierenden und Staatsoberhäuptern ständig aufpassen, dass diese Grenze nicht überschritten wird?

          In all diesen Gesprächen ist die Rolle des Sports in der Gesellschaft ein wichtiges Thema. Bei denen, die man zum ersten Mal sieht, mehr als bei denen, die man wiedersieht. Ich werde nicht müde, zu erklären, wie wir die Rolle des Sports sehen, nämlich politisch neutral, ohne apolitisch zu sein. Der Sport muss, wenn er international funktionsfähig sein will, sein sportliches Gesetz, seine sportlichen Regeln auf internationaler Ebene durchsetzen können. Nur das gewährleistet, dass im Sport alle Menschen gleich sind. Egal, woher sie kommen, egal, welche politischen Ansichten sie haben, egal, welche sexuelle Orientierung sie haben. Der Sport ist der einzige Bereich in unserem menschlichen Leben, wo tatsächlich alle gleich sind. Es ist nötig, dass wir über eine gewisse verantwortungsvolle Autonomie verfügen, um das durchzusetzen. Es ist wichtig, dass alle Staats- und Regierungschefs diese politische Neutralität akzeptieren. Und akzeptieren, dass wir mit allen im Dialog sind und nicht nur mit ihnen und ihren Freunden. Bei diesen Gesprächen treffe ich auf breite und immer stärkere Zustimmung.

          Bach trifft Putin: „Wir haben uns ausgetauscht, was an Positivem da ist“

          Fallen in diesen Rahmen auch die immer wieder aufkommenden Boykottforderungen von politischer Seite?

          Ja. Weil daraus erkennbar wird, dass Boykotte dem Sinn und der Funktion des Sports in dieser Gesellschaft widersprechen. Boykotte sind auch Diskriminierung. Sie schließen damit jemanden aus. Und der Sinn des Sports ist es nicht, jemanden auszuschließen und zusätzliche Mauern zu errichten. Durch ihn können manchmal die letzten Kommunikationskanäle offen gehalten werden. Das ist, wenn Sie so wollen, mehr die philosophische Sichtweise. Pragmatisch gesehen hat die Geschichte gezeigt, dass Sportboykotte nichts bringen.

          Da würden manche Leute entgegnen, das sei nicht eine Frage des Erfolgs, sondern eine Frage der Haltung.

          Haltung kommt viel eher zum Ausdruck, wenn man für seine Sache einsteht, und nicht, wenn man Dialog verweigert. Haltung zeigt sich, wenn man in der Lage ist, auf jemanden zuzugehen und zu sagen, wir sehen die Welt anders, wir haben gewisse Werte, und mit denen kommen wir zu euch. Haltung ist nicht, wenn ich sage, dessen Meinung gefällt mir nicht, dessen politisches System gefällt mir nicht, mit dem rede ich nicht. Das ist keine Haltung. Das ist Gesprächsverweigerung. Dies führt nur noch zu einer größeren Spirale an gegenseitigem Misstrauen und Konfrontation. Das ist unsere Haltung in Bezug auf Olympische Spiele. Wenn wir Spiele vergeben, heißt das nicht, dass die IOC-Mitglieder sich durch die Stimmabgabe für ein Land in allen Facetten mit seinem politischen System einverstanden erklärt haben. Nicht alle, die für London gestimmt haben, waren Monarchisten. Und das gilt auch für andere Punkte. Aber wir zeigen unsere Haltung, indem wir es Gastgebern zur Auflage machen, dass bei den Spielen die olympischen Werte der Nichtdiskriminierung und gewisse Mindeststandards wie freie Berichterstattung gesichert werden - für die Dauer der Spiele und die Teilnehmer.

          Am Dienstag vergangener Woche, einen Tag nachdem Sie mit Wladimir Putin gesprochen hatten, haben Sie den ukrainischen Staatspräsidenten Petro Poroschenko in Lausanne empfangen. Worum ging es da?

          Dort ging es zunächst um die Situation der ostukrainischen Athleten. Wir haben schon vor längerer Zeit ein Hilfsprogramm finanziert (in Höhe von 300 000 Dollar), um diese Athleten mit Hilfe des Nationalen Olympischen Komitees in sichere Gebiete, vornehmlich nach Kiew zu bringen, damit sie trainieren und sich auf die Spiele 2016 in Rio vorbereiten können. Präsident Poroschenko hat auch über seine Pläne zur Reform im Erziehungs- und Gesundheitssystem gesprochen und welche wichtige Rolle er dort dem Sport beimisst. Er hat sich dagegen ausgesprochen, den Sport als politisches Mittel zu nutzen und hat auch gesagt, er wende sich gegen politisch motivierte Sportboykotte.

          Also auch gegen Boykotte „zugunsten“ der Ukraine?

          Er hat betont, dass die Ukraine offen ist und Sportler aus allen Ländern zu Wettkämpfen empfängt, auch aus Russland, und es hier keine Boykotte gibt. Am Wochenende zuvor hatten Boxkämpfe zwischen ukrainischen und russischen Boxern stattgefunden...

          ... der ukrainische Cruisergewichtler, Alexander Usyk, Olympiasieger von 2012, besiegte in Kiew den Russen Andrej Knyazew durch technischen K.o. in der achten Runde, und die Ukraine Otamans schlugen das Russia Boxing Team 3:2.

          Das ist ein weiteres Zeichen, wie Sport in schwierigen Zeiten helfen kann. Ich habe noch einmal deutlich gemacht, dass die Rolle des Sports darin besteht, auf der einen Seite die Kommunikationskanäle offen zu halten, auf der anderen Seite aber auch die Möglichkeit bietet, gegenseitiges Vertrauen aufrechtzuerhalten. Die direkte Begegnung beugt auch einer gewissen Dämonisierung vor, die in solchen Auseinandersetzungen manchmal naheliegt. Im Sport begegnen sich Menschen nach wie vor und halten die Regeln des Sports ein. Das war aus den Umständen heraus eine ziemlich breite Diskussion.

          Könnte man aus Poroschenkos Worten schließen, dass ein Boykott der Fußball-WM 2018 in Russland durch die Ukraine - vorausgesetzt, sie qualifiziert sich - nicht in Frage käme?

          Er hat gesagt, er sei gegen sportliche Boykotte.

          In der gleichen Woche haben Sie noch zwei politische Konfliktparteien Europas besucht. Sie waren in Serbien und am selben Tag auch noch in Kosovo. Was gab es dort zu besprechen?

          Morgens waren wir in Serbien und sind dann nach Kosovo gereist, um zu zeigen, welche Brücken der Sport schlagen kann. Wir haben die Situation in Serbien, dass der Kosovo nach wie vor als integraler Bestandteil Serbiens betrachtet wird, während über hundert Staaten Kosovo als unabhängigen Staat anerkannt haben. Als erste internationale Organisation hat das IOC im Interesse der Athleten Kosovo anerkannt. Bei den Gesprächen im Vorfeld hatte es, um das sehr diplomatisch auszudrücken, auch viel Skepsis auf serbischer Seite gegeben, da gab es Opposition. Aber jetzt hat das Nationale Olympische Komitee Serbiens gesagt, ihr wisst, wir waren dagegen, aber ihr sollt auch wissen, wir halten uns an die internationalen Regeln und die Entscheidungen des IOC. Deshalb wird es Sportverkehr geben, und es wird keine Boykotte geben, sondern es wird auf der sportlichen Ebene vielleicht auch wieder Vertrauen geschaffen und Kommunikation aufrecht erhalten.

          Haben Sie in Belgrad auch mit serbischen Politikern gesprochen?

          Die politische Führung wollte nicht reden.

          Schade.

          Wichtig ist, dass es sportlich funktioniert. Und dass die politische Seite die entsprechenden sportlichen Entscheidungen anerkennt.

          Im Kosovo wiederum haben Sie noch am gleichen Tag in der Hauptstadt Pristina von Präsidentin Atifete Jahjaga die Verdienstmedaille bekommen.

          Es ging bei meinem Besuch darum, das jüngste Kind der olympischen Familie willkommen zu heißen und zu ermutigen, auf den Nachbarn zuzugehen. Auch dafür zu sorgen, dass innerhalb des Kosovo alle Minderheiten, inklusive der serbischen Minderheit, in den Sport integriert werden und keinerlei Diskriminierung stattfinden darf, sondern dass im Gegenteil der Sport begriffen werden soll als ein Mittel zum Zusammenwachsen einer Gesellschaft. Ich war sehr glücklich, dass sowohl die Staatspräsidentin als auch der Ministerpräsident das so bestätigt haben.

          Im Sprint durch den Kosovo: Dort traf Bach auch Präsidentin Atifete Jahjaga

          Fühlen Sie sich als IOC-Präsident ein bisschen wie in den Weltraum geschossen? Wie weit haben Sie sich seit Ihrer Wahl im September 2013 von Deutschland entfernt?

          Ich bin Deutscher, habe deswegen auch meine Wurzeln in Deutschland behalten und führe das im Rahmen der Möglichkeiten fort. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, suche ich meine fränkische Heimat auf, um ein paar gute Bratwürste zu essen und einen schönen Franken-Silvaner zu trinken. Das werde ich nicht vergessen und auch nicht aufgeben.

          Den zweiten Teil des Interviews mit Thomas Bach lesen Sie in der Print-Ausgabe der F.A.Z. vom 30. April 2015 oder im E-Paper.

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