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Weltverband Aiba : Der Geldhahn für die Boxer ist zu

Mit sich selbst verstrickt: Die Aiba ist beim IOC radikal in Ungnade gefallen. Bild: AP

Der Boxverband Aiba hat ohne Olympia keine Zukunft. Und beim IOC ist er radikal in Ungnade gefallen. Daher ist es keine Überraschung, wenn die Vollversammlung den Boxern nun vorerst die Tür weist.

          Der Weltverband des olympischen Boxens (Aiba) ist finanziell fast am Ende. Es ist zu erwarten, dass an diesem Mittwoch die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne ihm zumindest vorerst die Tür weist. Der Verband, der auf eine düstere Tradition von Kampfmanipulation, finanziellem Missmanagement und ominösen Führungsfiguren zurückblickt, soll endgültig von der Organisation des Boxturniers bei den Olympischen Spielen nächstes Jahr in Tokio ausgeschlossen werden. Der olympische Geldhahn bleibt damit für lange Zeit zu. Die IOC-Exekutive hatte eine interne Untersuchungskommission damit beauftragt, die Lage zu analysieren, und schon im Mai eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen – eine in ihrer Härte beispiellose Maßnahme gegen einen olympischen Verband.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Auch mit der Olympia-Qualifikation wird die Aiba, das formale Einverständnis der Session vorausgesetzt, nichts mehr zu tun haben. Die IOC-Exekutive hat vergangene Woche bereits die Vorschläge einer Arbeitsgruppe dafür gebilligt. Die Aiba aber, deren Führungszirkel nach der IOC-Session an ihrem Sitz, ebenfalls in Lausanne, zusammentreten wird, kann dann wohl nur noch ihre Handlungsunfähigkeit feststellen. In einem Brief, den der scheidende Generalsekretär Tom Virgets in der vergangenen Woche an die Aiba-Exekutivmitglieder geschrieben hat und aus dem internationale Nachrichtenagenturen ausführlich zitieren, stellt er fest, die Entscheidungen des IOC hätten den Bankrott der Aiba zum Ziel gehabt.

          „Ton und Inhalt des Reports legen nahe, dass die Entscheidung, die Aiba zu suspendieren, schon vor langer Zeit gefallen ist und dass die Informationen und Daten, die wir zur Verfügung gestellt haben, benutzt wurden, um unsere Schwächen zu identifizieren, so dass uns die Entscheidung den größtmöglichen Schaden zufügen würde.“ Ende 2017 war der bisherige Präsident Ching-Kuo Wu aus Taiwan zum Rücktritt gezwungen worden. Ein Jahr später sperrte ihn die Aiba auf Lebenszeit wegen „grober Fahrlässigkeit und finanziellen Missmanagements“. Ihm wurde vorgeworfen, Schulden in Millionenhöhe angehäuft zu haben. Wu ist weiterhin Mitglied des IOC. Kritik an der Politik der Aiba fehlt in dem Brief.

          Finanziell ist die Aiba abhängig von den olympischen Einnahmen. Für das Organisieren des Turniers in Tokio hätten ihr 15,5 Millionen Euro zugestanden. Man habe gehofft, durch Lizenzgebühren für sieben geplante olympische Qualifikationsturniere Einnahmen zu generieren, schreibt Virgets in dem Brief. Nun, da das IOC weder die Weltmeisterschaft noch die „World Series of Boxing“ akzeptiert habe, gebe es keine Einkommensquelle mehr. Am Mittwochabend vergangener Woche gab das IOC bekannt, dass es zwischen Januar und April 2020 fünf Qualifikationsturniere außerhalb der Aiba-Kontrolle geben werde, jeweils eines für Europa, Afrika, Asien und Amerika, und im Mai eine übergreifende Veranstaltung. Die Qualifikation hätte laut Virgets 7,6 Millionen Euro eingebracht. So aber habe der Verband nur noch gut 350.000 Euro auf dem Konto. Man versuche, Außenstände von einer Million Dollar einzutreiben. Ein Verfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas gegen die IOC-Beschlüsse könne sich die Aiba aber ebenso wenig leisten wie einen außerordentlichen Kongress, um, wie vom IOC gewünscht, eine komplett neue Führung einzusetzen.

          Ein Angebot des russischen Verbandspräsidenten Umar Kremlew stehe immer noch im Raum, die 14 Millionen Euro Schulden der Aiba aus eigener Tasche zu begleichen. Das IOC verlange allerdings, schreibt Virgets, dass ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen die einwandfreie Herkunft des Geldes bescheinige und dass Kremlew die Zahlung nicht mit Bedingungen verknüpfe. Um Geld zu sparen, heißt es weiter in dem Brief, werde der Mitarbeiterstab der Aiba auf drei Personen verkleinert. 2016 umfasste er 30 Angestellte. Er selbst, schreibt Virgets, werde ebenfalls gehen.

          Beim Turnier in Tokio wird das IOC seine Politik konsequenter durchsetzen, als die Aiba das zu tun bereit war. So soll der Frauenanteil kräftig erhöht werden. 186 Männer und 100 Frauen dürften starten, in Rio waren es noch 250 Männer und 36 Frauen. Gekämpft werde in acht Gewichtsklassen für Männer und fünf für Frauen. Virgets schreibt, es gebe keine Garantie, dass die Aiba grundsätzlich olympischer Verband bleiben könne, selbst wenn sie ihre Schulden begleiche und eine neue Führung einsetze, mit der das IOC zufrieden sei.

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