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Flüchtlinge in Rio : Eine Olympia-Mannschaft ohne Land

  • -Aktualisiert am

Ort der Olympischen Spiele 2016: Rio am Zuckerhut Bild: dpa

Das IOC stattet für die Olympischen Spiele im Sommer ein Flüchtlings-Team aus. Das Gastgeberland Brasilien befindet sich derweil in der finalen Vorbereitungsphase.

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          Die Olympischen Spiele sollen die Welt nicht nur unterhaltsamer, sondern besser machen – da sind sich alle einig. Aber tun sie das? Gerade für seine Rolle im Spannungsfeld politischer Interessen wird das Internationale Olympische Komitee (IOC), der Besitzer der Spiele, oft erbittert kritisiert, weil angeblich nur das Geld seine Moral bestimme. Ist es in Ordnung, dass Brasilien unter einer dramatischen Rezession ächzt, und doch unter ungeheuren Anstrengungen im August in Rio de Janeiro die Sommerspiele austragen wird? Und dass die Sportler säuberlich nach Nationen aufgeteilt ein Fahnen- und Hymnen-Festival austragen, während Millionen von Flüchtlingen ihre Länder verlassen und nirgendwo mehr hingehören?

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Der Wirklichkeit kann auch die Traumfabrik Olympia sich nicht entziehen. Unermüdlich interpretiert das IOC die Spiele als positiv für die Entwicklung des Landes. Nicht zuletzt trägt es 1,2 Milliarden Euro und erhebliche personelle Hilfe bei. Und in der Flüchtlingsfrage setzen die Olympier ein Zeichen für ihr Selbstverständnis: Bei der Eröffnungsfeier von Rio wird als letzte Mannschaft vor Gastgeber Brasilien ein kleines Team ins Maracana-Stadion einmarschieren, das keine Nation vertritt: ROA – Refugee Olympic Athletes. Dies beschloss die IOC-Exekutive bei ihrer Sitzung in Lausanne. Das Team ROA wird den gleichen Status haben wie ein Land. Es wird im Athletendorf begrüßt wie alle anderen, die olympische Flagge und Hymne ersetzen nationale Symbole.

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          Probleme in Brasilien : Rio improvisiert für Olympia

          „Wir wollen eine Botschaft der Hoffnung senden“, sagte IOC-Präsident Thomas Bach in Lausanne. Das IOC hat mit Hilfe der Nationalen Olympischen Komitees 43 Athleten gefunden, die für ROA in Frage kommen. Sie müssen von den Vereinten Nationen als Flüchtlinge anerkannt sein und sich sportlich qualifizieren. Das IOC sorgt für einheitliche Kleidung, fördert die Vorbereitung der Sportler über sein Solidaritäts-Programm, stellt ihnen Trainer und Betreuer zur Verfügung und wird sie nach den Spielen weiter begleiten.

          Es wird eine Mannschaft von fünf bis zehn Athleten erwartet. Darunter könnte auch Yusra Mardini sein, eine siebzehn Jahre alte Schwimmerin aus Syrien, die derzeit in Berlin bei Spandau 04 trainiert und vom Deutschen Olympischen Sportbund vorgeschlagen wurde. Ein Flüchtling auf dem olympischen Medaillenpodest ist eher unwahrscheinlich – aber eine inspirierende Vorstellung.

          IOC-Präsident Thomas Bach
          IOC-Präsident Thomas Bach : Bild: AFP

          Derweil wird in Brasilien an vielen Fronten gekämpft. Jüngste Katastrophenmeldung: Der angebliche Fund eines menschlichen Arms in der Guanabara-Bucht, wo die olympische Segelregatta abgehalten wird. Die Tageszeitung „O Globo“ hat ein entsprechendes Foto veröffentlicht. Das Organisationskomitee von Rio hat am Mittwoch der IOC-Exekutive zugesagt, dass die Wasserqualität an den Wettkampfstätten – auch in der Lagune, wo die Ruderwettbewerbe stattfinden – verbessert würde.

          Die Tests nach Parametern der Welt-Gesundheitsorganisation WHO würden von einem monatlichen auf einen wöchentlichen und während der Spiele gar auf einen täglichen Rhythmus verdichtet werden. Insgesamt sagte Carlos Nuzman, der höchst angespannt wirkende Organisationschef, „phantastische“ Spiele voraus. Man werde das Ziel pünktlich erreichen und eine Medaille gewinnen.

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          Aber wie sieht es wirklich aus? Das Land durchleidet nicht nur aufgrund der zusammengebrochenen Rohstoffpreise eine schwere Krise. Die Regierung ist instabil, Staatschefin Dilma Rousseff sieht sich einem Amtsenthebungsverfahren ausgesetzt. Wenn es um Olympia gehe, behauptete Nuzman, arbeiteten aber alle Kräfte zusammen. Die Organisatoren berichteten dem IOC, 70 Prozent der Bevölkerung von Rio sähen die Spiele positiv.

          Die drastischen Einsparungen führten, so hieß es in Lausanne, trotz des Verfalls der Landeswährung Real zu einer ausgeglichenen Olympia-Bilanz. Dabei sollen die Versorgung der Athleten und die Qualität der Wettkampfstätten nicht eingeschränkt werden. Gespart wird unter anderem an Zuschauertribünen. Dazu passt, dass ohnehin erst 47 Prozent der Tickets verkauft sind. Bach führt das auf die brasilianische Mentalität zurück – dort plane man nicht so langfristig wie in England oder Deutschland.

          Auch der Zika-Virus hält die Veranstalter weiter in Atem. Nuzman erklärte, man vertraue auf die Klima-Anlagen in den Athleten-Quartieren, um den Moskito, der den Virus überträgt, fernzuhalten. In der kühlen Jahreszeit sei das Insekt ohnehin nicht so aktiv. Bach sagte, von der WHO habe man erfahren, dass Rio nicht zu den besonderen Gefahrenzonen gehöre. Da noch sehr wenig über die Wirkung des Virus bekannt ist, besonders auf ungeborene oder noch zu erwartende Kinder, wird die Verantwortung, ob er das Risiko einer Reise eingehen will, ohnehin dem Einzelnen obliegen.

          Auch die Metro Linie 4, so betonten Nuzman und Bach, werde rechtzeitig fertig werden. Die Verbindung zwischen dem Olympischen Park Barra und den Zentren Ipanema und Copacabana gehört zu den wichtigsten mit Olympia verbundenen Infrastrukturprojekten. „Bedenkt man die sehr schwierigen Umstände, sind die erreichten Leistungen der Brasilianer noch bemerkenswerter“, sagte Bach. Olympia, sagte er, sei nicht ein Teil des brasilianischen Problems, sondern ein Teil der Lösung, wie man auch an der Zustimmung der Bevölkerung ablesen könne.

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