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Internationale Sportpolitik : Bach gebraucht den Säbel

Prösterchen, Brüderchen: Wladimir Putin und sein bisheriger Günstling, Marius Vizer in Sotschi Bild: AP

Das IOC soll verfallen, unfair und intransparent sein? Marius Vizer, gerade noch ein mächtiger Mann in der Sportpolitik, redet sich um Kopf und Kragen.

          Anderthalb Jahre lang hat Thomas Bach als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) allenfalls die feine Klinge geführt. Nun hat er zum ersten Mal den Säbel herausgezogen. Sein Gegner – oder muss man jetzt schon sagen, Opfer? – ist Marius Vizer, ein gebürtiger Rumäne mit österreichischem Pass, der gerade noch als einer der mächtigsten Männer des internationalen Sports gegolten hat. Er ist nicht nur Vorsitzender des Internationalen Judo-Verbandes, sondern der Präsident von Sportaccord, der Organisation aller Sportverbände der Welt, bis vor kurzem waren es 107. Und damit zudem der Chef der größten Netzwerk-Veranstaltung der internationalen Sportpolitik, die unter dem Dach von Sportaccord jährlich stattfindet, diesmal an olympia-historischem Ort, in Sotschi am Schwarzen Meer.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Ein wichtiger Mann – bis zu seiner Eröffnungsrede zur Generalversammlung von Sportaccord am Montag. Es kann eigentlich nur fahrlässige Selbstüberschätzung gewesen sein, die Vizer antrieb, offensichtlich ohne Mandat seiner Mitgliedsverbände eine wütende Attacke gegen Bach zu fahren. Der IOC-Präsident, eigentlich als Festredner zu Gast, vervierfachte daraufhin eigenmächtig seinen auf fünf Minuten angesetzten Beitrag und nahm sich Vizer verbal zur Brust. Und jetzt? 

          Vizers Hausmacht zerfällt ziemlich schnell in  Stücke. Nahezu alle Institutionen, die vom IOC finanziell alimentiert werden, versagen ihm die Gefolgschaft. Der Internationale Leichtathletikverband – eines der großen Schwergewichte – verließ Sportaccord spontan, es folgten Schießen und Bogenschießen, später zog das Internationale Paralympische Komitee nach. Die Vereinigung der Olympischen Sommersportverbände  setzte am Dienstag ihre Mitgliedschaft komplett aus. Sie stellte Vizers Judoverband frei, sich der Erklärung zu entziehen – alle anderen 27 Sportarten, die zum Sommer-Programm gehören, also auch Fußball, Schwimmen, Turnen, sind vorerst  von ihm abgefallen. Die sieben olympischen Wintersport-Verbände erklärten später schriftlich ihre Missbilligung. Genau wie die Vereinigung der Nationalen Olympischen Komitees, angeführt vom mächtigen Multifunktionär Scheich Ahmad al Sabah aus Kuweit. So sieht es wohl aus, wenn Bach einem aufmüpfigen Gegenspieler den Stecker zieht.

          Seine Zeit ist abgelaufen: Marius Vizer, Präsident von Sportaccord

          Warum das sein musste? Seit seiner Wahl vor zwei Jahren hat Vizer versucht, eine Parallelwelt zum IOC aufzubauen, deren Chef er selbst ist. Er will  eine Gegenveranstaltung zu Olympia auf die Beine zu stellen. Und er hat einen Fernsehvertrag mit dem internationalen Sender Euronews abgeschlossen, der als Konkurrenz-Unternehmen zu Bachs Lieblingsprojekt, dem Olympischen Fernsehkanal, zu sehen sein könnte.

          „Verfallen, veraltet, falsch, unfair und nicht transparent“

          Doch zurück nach Sotschi: Mit  überraschten Gesichtern hatte die versammelte Nomenklatura Vizers Rede zugehört. Auch Bach wirkte verblüfft. Joseph Blatter, der Fußballpräsident, zog die Stirnfalten hoch. Witali Mutko, der russische Sportminister, versteinerte. Scheich Ahmad schüttelte enttäuscht den Lockenkopf, als die Kamera ihn erfasste und sein Gesicht auf dem großen Bildschirm im Saal erschien. So eine ungehemmte öffentliche Breitseite gegen den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees hatten sie alle noch nicht erlebt.

          Vizer behauptete unter anderem, Bachs Reformen unter dem Begriff „Agenda 2020“ seien nahezu nutzlos. Die für ihn, Vizer, überraschende Gründung eines olympischen Fernsehkanals bezeichnete er als Geldverschwendung. Er warf Bach vor, unkooperativ zu sein, er blockiere von Sportaccord angestrebte Großveranstaltungen. Die hohen finanziellen olympischen Ausgaben erreichten die Athleten nicht, die Sportverbände hätten bei der Vergabe von Olympischen Spielen zu wenig Einfluss, die Zusammensetzung der IOC-Mitgliedschaft sei nicht adäquat – so ging das immer weiter und erreichte seinen Höhepunkt in der Aussage: „Das IOC ist verfallen, veraltet, falsch, unfair und überhaupt nicht transparent.“

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