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Internationale Dopingkultur : Von Moskau bis München

Vor dem eigenen Haus kehren: Wladimir Putin kämpft um Russlands Sportehre. Bild: AP

In Deutschland sind die Zeiten des Staats-Dopings einstweilen vorüber. Trotzdem sollte hierzulande niemand mit dem Finger nach Russland zeigen.

          2 Min.

          Schau an, die Russen. Geben nicht klein bei. Alles beim Alten, Putin gibt die Richtung vor. Und wer spielt den Steilpass in der jährlichen Pressekonferenz, stellt die Frage an den Präsidenten der Russischen Föderation, auf die dieser antwortet, dass russischen Sportlern die Flagge nicht genommen werden darf? Olga Bogoslowskaja, Leichtathletin in den Neunzigern, Silbermedaillengewinnerin in Barcelona. Ohne russische Flagge übrigens, sondern als Athletin der offiziell „Vereintes Team“ genannten Mannschaften von Sportlern aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten unter der olympischen Flagge am Start. Bald darauf wurde sie des Dopings überführt, obwohl sie Doping offenbar bis heute bestreitet, seit Jahren arbeitet sie als Fernsehjournalistin beim öffentlich-rechtlichen, von Gasprom alimentierten Match TV.

          Schau an, die Russen? Die Anklageerhebung der Münchner Staatsanwaltschaft gegen den Erfurter Mediziner Mark S. und seine Helfer kommt gerade recht. Unabhängig von der Frage, was dieses Verfahren, so es denn eröffnet wird, wogegen angesichts des öffentlich bekannten Zeugenverhaltens insbesondere österreichischer Sportler wenig spricht, denn ergeben wird, sollten die Finger wohl eher in Richtung deutscher Bauchnabel zeigen. Schon richtig, die Dreistigkeit, mit der das russische System seine Manipulation durchzieht, ist atemraubend. Aber darauf, das sollte man sich stets vor Augen halten, war es angelegt. Ein mächtiger Mann, der aus einem mächtigen Geheimdienst kommt, zieht auch im Sport die Strippen der Macht – und definiert in letzter Instanz dessen Kultur.

          Ehemalige Doper sind weiter gefragt

          Hierzulande sind die Zeiten des Staats-Dopings einstweilen vorüber. Die Sportkultur definieren die Sportler, die Medien, die Funktionäre selbst. Das ist Freiheit. Im besseren Sinn, wenn sich Athleten mehr und mehr die Frage stellen, wie sie ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen können, für eigene Rechte eintreten können. Aber durchaus auch problematisch, zum Beispiel, wenn es um den Umgang mit der Doping-Kultur in Ost und West geht. Doping-belastete TV-Experten? Keine Spezialität des russischen Fernsehens, beileibe nicht. Sie habe „nie wissentlich oder willentlich gedopt“, erklärte Kristin Otto, unschlagbar in Seoul 1988, einst. Auf Wiedersehen Woche für Woche im ZDF.

          Die Laudatio auf Weitspringerin Malaika Mihambo, Sportlerin des Jahres, hielt am vergangenen Sonntag Heike Drechsler. Ihr deutscher Rekord, 7,48 Meter, gesprungen 1988 in Neubrandenburg, gilt bis heute. Noch heute, die Mauer steht seit 30 Jahren nicht mehr, herrscht rege Nachfrage nach Trainern, die ihren Weg einst unter den Bedingungen des Staatsplans 14.25 gemacht haben. Und der Westen steht nicht zurück: Rolf Aldag, geständiger Telekom-Doper aus Westfalen, war bis zu diesem Herbst Sportlicher Leiter im Dimension-Data-Team.

          Sollte sich in einer Hauptverhandlung der Tatverdacht bestätigen, den die Münchner Staatsanwälte in ihrer Anklage formuliert haben, dann wäre ein weiteres Mal der Beweis erbracht, dass Doping und Kapitalismus erkleckliche Sümmchen einspielen. Dass der Markt funktioniert, auch in der zweiten und dritten Reihe der Leistungssportler. Die Schwerpunkt-Staatsanwälte Doping hätten ihre Existenzberechtigung eindrücklich belegt. Ob das Anti-Doping-Gesetz allerdings einen nachhaltigen Kulturwandel herbeiführt? Für ein Urteil ist es zu jung. Einstweilen bleibt Doping in Deutschland. Zu viele schauen viel zu gerne viel zu oft weg.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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