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Thomas de Maizière im Gespräch : „Das Strafrecht gilt auch für Sportverbände“

Prüfender Blick: Der auch für Sport zuständige Innenminister de Maizière bei einem Besuch im Sportzentrum Kienbaum. Bild: dpa

Trotz der Skandale in Fifa, DFB und IAAF glaubt Thomas de Maizière nicht, dass den Deutschen die Lust am Sport vergeht. Im F.A.Z.-Interview spricht er über unveränderte Medaillenziele für Olympia, die soziale Leistung von Sportvereinen – und gedopte Russen.

          9 Min.

          Können Sie sich Olympische Spiele ohne russische Leichtathleten vorstellen? Muss auch ein Verband mit Sperre bestraft werden für Doping?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Russland ist eine große Sportnation. Bei Olympischen Spielen wollen sich die Sportler aber sportlich messen, für Doping ist da kein Platz. Die Entscheidung hat das IOC zu treffen, und zwar nicht nur für die Leichtathletik.

          Der Zeitungs- oder Internetleser erfährt Tag für Tag von den Abgründen in der Fifa, der IAAF und im DFB. Sind Sie überrascht vom Ausmaß?

          Ich will nicht ausweichen, muss Ihrer These aber zunächst widersprechen. Vom Sport erfährt man nicht nur das, was Sie ansprechen. Jedes Wochenende spielen Hunderttausende Junge und Alte begeistert Fußball, oder sie schwimmen oder machen Leichtathletik. Sie sind weit weg von kritischen Verbandsstrukturen. Das verbinde ich - zumindest auch - mit Sport. Ich will der Behauptung widersprechen, dass jeder Interessierte beim Begriff Sport sofort an Sepp Blatter denkt. Er denkt an gute, spannende Wettkämpfe, an die eigene sportliche Betätigung und und und.

          Sie wollen nicht ausweichen . . .

          Genau. Dieses Ausmaß von Problemen hatte ich mir nicht vorgestellt - mit Ausnahme der Vorfälle in der Fifa. Da war meine Vorstellungskraft schon immer ziemlich ausgeprägt. Ich bin Herrn Blatter einige Male begegnet, zuletzt bei der WM 2014 in Brasilien, und ich muss schon sagen, dass er ein Mann mit Charme ist. Er hat die Fähigkeit, jedem Menschen, mit dem er spricht, den Eindruck zu vermitteln, dass er ganz besonders wichtig sei. Das ist ein Teil seiner Wirkung. Aber: Diese Art von öffentlichem Gehabe, wie es bei der Fifa üblich war, hat mich schon immer skeptisch gestimmt. Ein zweites Indiz: Wenn Amtsträger so lange, über Jahrzehnte im Amt bleiben, wird man ebenfalls skeptisch.

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          Glauben Sie, dass der Sport seine Autonomie zu sehr ausgenutzt hat?

          Ich denke seit einiger Zeit über den Begriff der Sportautonomie nach. Vielleicht liegt in dem Begriff der Kern des Problems. In staatsrechtlichen Gebilden gibt es keine Autonomie in dem Sinne, dass man den Gesetzen nicht unterworfen ist. Autonomie kommt aus dem Griechischen und sagt, man ist sich selbst Gesetzgeber. Manche Verbände haben möglicherweise die Satzungshoheit und den mangelnden Einfluss des Staates auf die innere Willensbildung damit verwechselt, dass sie ihr eigener Gesetzgeber sind. Das Strafrecht gilt aber für alle. Das Steuerrecht gilt für alle. Das Recht, dass überprüft wird, ob Steuergeld richtig ausgegeben wird, gilt für alle.

          Sie wollen doch aber nicht für den Sport entscheiden?

          Nein. Dass die Politik darauf verzichtet, jedenfalls bei uns, Einfluss darauf zu nehmen, wer Verbandspräsident wird, zu entscheiden, ob Läufer A oder B an den Start geht, ist natürlich absolut richtig. Wenn aber der Staat gebeten wird, eine Sportstätte mitzufinanzieren, finde ich es nicht unangemessen, dass der Staat mit bestimmt, wo diese Sportstätte steht. Der Verzicht auf staatlich-politische Lenkung des Sports ist richtig. Die sogenannte Autonomie korrespondiert aber mit Verantwortung. Je unabhängiger man ist, desto größer ist schließlich die Verantwortung. Wenn das missbraucht wird, gibt es einen Glaubwürdigkeitsverlust. Für den Sport ist dies das Schlimmste, was ihm passieren kann. Wenn junge Menschen davon abgehalten würden, Leistungssport zu treiben, weil sie den Strukturen nicht trauen, wäre die Attraktivität des Sports zerstört. Was wäre das für eine Sanktion für den Sport!

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