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Olympische Spiele verlegt : In Japan brennt das Feuer der Hoffnung

Flamme der Hoffnung: Das olympische Feuer wird weiter brennen. Bild: Reuters

Im letzten Moment einigen sich das IOC und Japan auf eine Verschiebung der Spiele ins Jahr 2021. Die Entscheidung stößt auch in Deutschland auf großen Zuspruch bei Athleten. Der Traum sei nicht zu Ende.

          4 Min.

          Die Olympischen Spiele und die Paralympics in Tokio werden – nach japanischer Darstellung auf Wunsch Japans – um maximal ein Jahr verschoben. Das größte Sportereignis des Jahres wird damit zum Opfer der Coronavirus-Pandemie, die schon Tausende Menschen in China, Italien und anderswo das Leben gekostet hat. Mehr als 380.000 Menschen haben sich global schon mit dem neuartigen Virus infiziert.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio werden nicht abgesagt, sagte Japans Ministerpräsident Shinzo Abe am Dienstag nach einem Telefongespräch mit dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach. Sie sollten spätestens bis zum Sommer 2021 stattfinden. Er habe 100 Prozent Zustimmung von Bach für seine Bitte um eine Verschiebung erhalten, erklärte Abe vor Journalisten. Bach sagte, Abe sei mit dem Vorschlag des IOC „hundertprozentig“ einverstanden gewesen. Eine gemeinsame Erklärung (siehe Kasten) des IOC und des japanischen Organisationskomitees legt eine gemeinschaftliche Entscheidung nahe.

          Symbol des Erfolgs der Menschheit 

          Der 65 Jahre alte Ministerpräsident, der die Olympischen Spiele in Tokio auch als persönlichen Erfolg ansah, fand umgehend einen Weg, der Verschiebung einen positiven Anstrich zu geben. Japan wolle die Spiele im Sommer 2021 als ein Symbol des Erfolgs der Menschheit über das Coronavirus abhalten, sagte Abe. Japan dürfte die Spiele auch wie bisher als Spiele des Wiederaufbaus und der Erholung des von dem Tsunami 2011 schwer getroffenen Nordostens des Landes zelebrieren. Im kommenden Jahr jährt sich zum zehnten Mal die Naturkatastrophe, die etwa 20000 Menschen das Leben kostete und die im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi zu einer dreifachen Kernschmelze führte.

          Nach der Erklärung sollen die Spiele nach 2020, aber nicht später als im Sommer 2021 abgehalten werden. Die Größe der Olympischen Spiele im kommenden Jahr sei noch zu entscheiden, sagte der Geschäftsführer des nationalen Umsetzungskomitees, Toshiro Muto, am Dienstag. Der Fackellauf, der an diesem Donnerstag in der Präfektur Fukushima beginne sollte, wurde abgesagt. Die olympische Flamme solle bis zum kommenden Jahr aber in Japan bleiben als „Leuchtfeuer der Hoffnung“ in diesen bewegten Zeiten, hieß es in der Erklärung. Auch der Name der Spiele, Tokio 2020, solle beibehalten werden.

          Die Verschiebung der Olympischen Spiele hatte sich in den vergangenen Tagen abgezeichnet, weil immer mehr Athleten und Nationale Olympische Komitees sich aus Sorge um die Gesundheit von Sportlern und Zuschauern dafür ausgesprochen hatten. Zum ersten Mal in der modernen olympischen Geschichte wird das Sportfest damit verschoben. Absagen hatte es bislang nur in Kriegsjahren gegeben, zuletzt im Jahr 1944.

          In Deutschland wie im Ausland wurde die Entscheidung auch von Olympiaathleten begrüßt. „Das ist das, was wir alle gefordert und erwartet haben. Jetzt wollen wir erst mal die nächsten Wochen hoffentlich gesund überstehen“, sagte die sechsmalige Dressur-Olympiasiegerin Isabelle Werth. „Dann wollen wir erst mal sehen, dass wir ins normale Leben und ins normale Wettkampfgeschehen zurückkehren können.“ Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler sprach mit Blick auf die Mitwirkung der Sportler unter Führung des Vereins „Athleten Deutschland“ von einem „freudigen Moment“:

          Sponsorenverträge neu aushandeln

          An dieser „Entscheidung haben viele aktiv und am Ende erfolgreich mitgewirkt. Es hat sich gezeigt: Wenn alle an einem Strang ziehen, Athleten und nationale Verbände, dann ist man nicht machtlos.“ Der olympische Traum sei damit nicht ausgeträumt, er wird nur um ein Jahr verschoben. Ingo Weiss, der Sprecher der Spitzenverbände im Deutschen Olympischen Sportbund, verwies auf die komplexen Regelungen, die IOC und Organisationskomitee bevorstünden. „Aber wenn es einer schafft, dann Japan mit Rückendeckung des IOC und der internationalen Fachverbände.“

          Schmerzhafter Tag für Japan: Ministerpräsident Shinzo Abe verkündet vor der Presse die Bitte um Verschiebung der Sommerspiele. Bilderstrecke

          Wann die Spiele im kommenden Jahr stattfinden sollen, steht noch nicht fest. Die Organisatoren müssen vorerst Verträge mit Sponsoren neu aushandeln. Für 43 Sportanlagen, die für die Spiele errichtet oder renoviert wurden, muss nun die Nutzung im kommenden Jahr neu gesichert werden. Viel Geld wird auch die verzögerte Umwandlung des Athletendorfes in privaten Wohnbesitz kosten.

          Japan, das von dem Coronavirus vergleichsweise wenig betroffen ist, hatte in den ersten Wochen der Pandemie noch gehofft, die Spiele wie geplant am 24. Juli beginnen zu lassen. Doch in den vergangenen Wochen hatten die offiziellen Verlautbarungen gelegentlich schon Zweifel durchscheinen lassen. Nach Umfragen hielt die Mehrheit der Bevölkerung den Termin schon lange nicht mehr für haltbar.

          Für Abe ist die Verschiebung der Spiele nun Niederlage und Sieg zugleich. Der konservative Ministerpräsident, der so lange wie noch niemand vor ihm Japan regiert, steuerte mit dem internationalen Sportfest auf einen Höhepunkt seiner seit Dezember 2012 dauernden Regierungszeit zu. Es gab Spekulationen über eine Neuwahl danach und gar eine bislang nicht zulässige vierte Amtszeit als Vorsitzender der regierenden Liberaldemokraten (LDP). Diese politischen Gedankenspiele sind vorerst dahin. Die Verschiebung um höchstens ein Jahr bis zum kommenden Sommer gibt Abe aber dennoch die Möglichkeit, in seinem letzten Amtsjahr 2021 die Spiele zu feiern.

          Abes Wortwahl nach dem Telefonat mit Bach zeigte, dass seine größte Sorge eine Absage der Olympischen Spiele gewesen war. In den vergangenen Wochen hatte er die internationale Diplomatie bemüht, um das zu verhindern und um eine Verschiebung sicherzustellen. Mitte März holte Abe sich telefonisch die Unterstützung seines Duzfreunds Donald Trump, dass die Spiele in Tokio stattfinden sollten. Zu 1000 Prozent stehe er hinter den Spielen in Tokio, soll Trump gesagt haben. Drei Tage später bei einer Videokonferenz der Regierungschefs der Siebenergruppe (G 7) warb Abe dafür, die Olympischen Spiele in „voller Form“, also mit Zuschauern und ohne Einschränkung, abzuhalten. Der britische Regierungschef Boris Johnson soll den Daumen gehoben und andere Teilnehmer zustimmend mit dem Kopf genickt haben.

          Abe war sich damit sicher, dass es keine Absage geben werde. Der Ministerpräsident war bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 noch verkleidet als die beliebte Videospielfigur des Klempners Mario aufgetreten. Nun hatte er die Rohre gekittet, um trotz der Pandemie das Sportfest für Japan zu sichern.

          Wirtschaftlich ist die Verschiebung für Japan kein Beinbruch. Mit erwartet 600000 ausländischen Besuchern und mehr als 11000 Sportlern hätte das Sportfest Japan einen Konsumschub gebracht. Doch Ökonomen verschiedener Investmentbanken in Tokio hatten die Folgen eine Absage der Spiele für diesen Sommer in den vergangenen Wochen schon mit einem Wachstumsverlust von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten berechnet. Das ist relativ wenig für eine Volkswirtschaft, die nach einem Wachstumseinbruch nach der Erhöhung der Konsumsteuer im vergangenen Herbst und als Folge der Coronavirus-Pandemie auf ein Rezessionsjahr zusteuert. Die Verschiebung der Olympischen Spiele könnte die Regierung dazu bewegen, das für das im April beginnenden Fiskaljahr geplante große Konjunkturpaket von bis zu 30 Billionen Yen (rund 250 Milliarden Euro) noch etwas größer anzulegen.

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