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Olympische Spiele verlegt : In Japan brennt das Feuer der Hoffnung

Schmerzhafter Tag für Japan: Ministerpräsident Shinzo Abe verkündet vor der Presse die Bitte um Verschiebung der Sommerspiele. Bilderstrecke

Wann die Spiele im kommenden Jahr stattfinden sollen, steht noch nicht fest. Die Organisatoren müssen vorerst Verträge mit Sponsoren neu aushandeln. Für 43 Sportanlagen, die für die Spiele errichtet oder renoviert wurden, muss nun die Nutzung im kommenden Jahr neu gesichert werden. Viel Geld wird auch die verzögerte Umwandlung des Athletendorfes in privaten Wohnbesitz kosten.

Japan, das von dem Coronavirus vergleichsweise wenig betroffen ist, hatte in den ersten Wochen der Pandemie noch gehofft, die Spiele wie geplant am 24. Juli beginnen zu lassen. Doch in den vergangenen Wochen hatten die offiziellen Verlautbarungen gelegentlich schon Zweifel durchscheinen lassen. Nach Umfragen hielt die Mehrheit der Bevölkerung den Termin schon lange nicht mehr für haltbar.

Für Abe ist die Verschiebung der Spiele nun Niederlage und Sieg zugleich. Der konservative Ministerpräsident, der so lange wie noch niemand vor ihm Japan regiert, steuerte mit dem internationalen Sportfest auf einen Höhepunkt seiner seit Dezember 2012 dauernden Regierungszeit zu. Es gab Spekulationen über eine Neuwahl danach und gar eine bislang nicht zulässige vierte Amtszeit als Vorsitzender der regierenden Liberaldemokraten (LDP). Diese politischen Gedankenspiele sind vorerst dahin. Die Verschiebung um höchstens ein Jahr bis zum kommenden Sommer gibt Abe aber dennoch die Möglichkeit, in seinem letzten Amtsjahr 2021 die Spiele zu feiern.

Abes Wortwahl nach dem Telefonat mit Bach zeigte, dass seine größte Sorge eine Absage der Olympischen Spiele gewesen war. In den vergangenen Wochen hatte er die internationale Diplomatie bemüht, um das zu verhindern und um eine Verschiebung sicherzustellen. Mitte März holte Abe sich telefonisch die Unterstützung seines Duzfreunds Donald Trump, dass die Spiele in Tokio stattfinden sollten. Zu 1000 Prozent stehe er hinter den Spielen in Tokio, soll Trump gesagt haben. Drei Tage später bei einer Videokonferenz der Regierungschefs der Siebenergruppe (G 7) warb Abe dafür, die Olympischen Spiele in „voller Form“, also mit Zuschauern und ohne Einschränkung, abzuhalten. Der britische Regierungschef Boris Johnson soll den Daumen gehoben und andere Teilnehmer zustimmend mit dem Kopf genickt haben.

Abe war sich damit sicher, dass es keine Absage geben werde. Der Ministerpräsident war bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 noch verkleidet als die beliebte Videospielfigur des Klempners Mario aufgetreten. Nun hatte er die Rohre gekittet, um trotz der Pandemie das Sportfest für Japan zu sichern.

Wirtschaftlich ist die Verschiebung für Japan kein Beinbruch. Mit erwartet 600000 ausländischen Besuchern und mehr als 11000 Sportlern hätte das Sportfest Japan einen Konsumschub gebracht. Doch Ökonomen verschiedener Investmentbanken in Tokio hatten die Folgen eine Absage der Spiele für diesen Sommer in den vergangenen Wochen schon mit einem Wachstumsverlust von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten berechnet. Das ist relativ wenig für eine Volkswirtschaft, die nach einem Wachstumseinbruch nach der Erhöhung der Konsumsteuer im vergangenen Herbst und als Folge der Coronavirus-Pandemie auf ein Rezessionsjahr zusteuert. Die Verschiebung der Olympischen Spiele könnte die Regierung dazu bewegen, das für das im April beginnenden Fiskaljahr geplante große Konjunkturpaket von bis zu 30 Billionen Yen (rund 250 Milliarden Euro) noch etwas größer anzulegen.

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