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Die deutsche Wirklichkeit : Es lebe der Sport

Nur dicke Kinder in Deutschland: von wegen! Bild: Picture-Alliance

Haben die Hamburger statt olympischen Spielen jetzt die Vision von „McDonald’s und dicken Kindern“ gewählt? Von wegen! In der deutschen Wirklichkeit lebt der Sport abseits von Olympia.

          Robert Harting, Julia Fischer, die deutschen Hockey-Nationalspielerinnen, Stefan Kretzschmar – die Liste aktiver und ehemaliger deutscher Spitzensportler, die den Hamburger Wählern mehr oder minder deutliche Vorwürfe machen, ließe sich am Tag nach dem Nein der Hamburger zu Olympia bis ans Ende dieses Kommentars fortsetzen. Unglauben, Unverständnis, Verärgerung bis hin zur Wut – die Emotionen sind verständlich.

          Für viele ist am Sonntagabend der Traum geplatzt, das zu erleben, was zum Beispiel die deutschen Fußball-Nationalspieler 2006 erleben durften: Karrierehöhepunkt im eigenen Land. Und jetzt, nicht mal zehn Jahre später, haben die Hamburger, wie es Robert Harting formulierte, die Vision von „McDonald’s und dicken Kindern“ gewählt, „stellvertretend für einen großen Teil der Bevölkerung“, wie seine Lebensgefährtin Julia Fischer anfügte? Von wegen.

          Der Sport lebt: In Vereinen, Schulen und ungebunden

          Erstens ist McDonald’s Olympiasponsor, seit Jahrzehnten. Und zweitens: Die Deutschen haben vom Sport nicht die Nase voll, im Gegenteil. Zum Beispiel all die Volksläufer, Jedermänner und Jederfrauen bei Radrennen, die Triathleten, die Skiläufer in den Alpen, ja, sogar die in den Skihallen von Bottrop und Bispingen, die Skateboarder auf den ebenen Betonflächen unserer Innenstädte und die Parcoursläufer über den Hindernissen dort, die Nordic Walker im Wald, die Jogger im Stadtpark, die Reiter zwischen den Feldern und die Schwimmer zwischen sechs und 86 im Hallenbad.

          Die Sportidee wird abseits von Olympia kultiviert

          Und natürlich die Eltern, die ihre Kinder in Sportvereinen anmelden und am Wochenende zu Punktspielen fahren, die Schiedsrichter, die dort pfeifen, die Sportlehrer, die Kinder auf Trab bringen oder es zumindest versuchen, sogar die, deren Eltern auf die Sportvereine pfeifen.

          Deutschland ist das Land der Volksläufer, Jedermänner und Jederfrauen

          Und die Fans, die den Sportlern zuschauen, im Bundesliga-Stadion und beim Stadtlauf, dem Profi und dem Hobbysportler. Und diese Liste ließe sich noch sehr viel weiter fortsetzen als jene der enttäuschten Spitzensportler. Denn der Sport mobilisiert in Deutschland Tag für Tag Millionen unter der Woche und viele Millionen jeden Samstag und Sonntag. Jetzt pauschal zu urteilen, die Deutschen hätten keine Lust mehr auf Sport, ist nicht nur zu einfach, sondern schlicht falsch.

          Und: Wir alle, die Steuerzahler, leisten uns nach wie vor ein Spitzensportsystem, das auf dem Beitrag der Gemeinschaft aufbaut – die Sportsoldaten, Landes- und Bundespolizisten im Trainingsanzug stehen in unserem Sold. Wer so viel beiträgt zum Sportsystem, hat ein gutes Recht, Olympischen Spielen eine Absage zu erteilen, zum Beispiel, weil sie sich zu weit von ihrer ursprünglichen Idee entfernt haben.

          Die wird abseits von Olympia kultiviert, und zwar auch von Menschen, die am Sonntag mit Nein gestimmt haben. Denn dieses Land bewegt sich, Tag für Tag. Sportpolitiker und -funktionäre sollten hinschauen und ihre Schlüsse daraus ziehen. Dann hat auch Olympia wieder eine Chance.

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