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Russischer Doping-Skandal : Sperre mit Schlupfloch

Mit russischen Schuhen wird wohl kein Leichtathlet in Rio auf dem Siegertreppchen stehen. Bild: dpa

Die russischen Leichtathleten bleiben über die Olympischen Spiele in Rio hinaus gesperrt. Doch, wer „sauber“ ist, kann theoretisch unter neutraler Flagge starten. Der IOC-Präsident sucht bereits nach einer Lösung.

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          Die Tür ist nicht einen Spalt weit offen. Es gibt lediglich einen Sprung in der Tür. „Es werden nicht viele hindurch kommen“, sagte Rune Andersen, als der Welt-Leichtathletik-Verband IAAF am Freitag in Wien beschlossen hatte, die russische Nationalmannschaft weiterhin von internationalen Wettbewerben und damit auch von den Olympischen Spielen in Rio des Janeiro auszuschließen. Der Norweger Andersen hat fünf Monate lang im russischen Sport recherchiert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass „die tief sitzende Kultur der Toleranz, oder schlimmer, von Doping sich bis heute nicht geändert hat“.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In einer Pressekonferenz nach der Sitzung des Councils, das nach seinem Bericht einstimmig entschied, sagte er weiter: „Der Cheftrainer des russischen Leichtathletik-Teams und viele Athleten scheinen unwillig, die Natur und das Ausmaß des Doping-Problems anzuerkennen. Einige Athleten und Trainer scheinen die Doping-Regeln ignorieren zu wollen.“ Das Doping-Kontrollsystem Russlands sei anderthalb bis zwei Jahre von der Rückkehr zur Regeltreue entfernt.

          Rat von Juristen

          Den Sprung hat das Council mit einer Regeländerung in die Tür geschlagen. „Für herausragende Leistungen im Anti-Doping-Kampf“ soll Julia Stepanowa, die Kronzeugin, die mit ihren mutigen Berichten aus dem Inneren das System ins Wanken brachte, mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen belohnt werden. Die Möglichkeit, dass auch andere Bewerber in das Team schlüpfen, das unter neutraler Flagge starten soll, scheint schwer zu erreichen zu sein. Andersen räumte ein, dass externer Rat zu dieser Lösung geführt hat: vermutlich der von Juristen. Russische Athleten wie die Stabhochsprung-Olympiasiegerin Jelena Issinbajewa haben bereits angekündigt, für ihr Startrecht zu klagen.

          Ein letzter Appell des Staatspräsidenten Wladimir Putin verhallte ungehört. Kurz vor der Entscheidung hatte er in St. Petersburg beteuert, Russland habe auf staatlicher Ebene Doping bekämpft und werde dies weiterhin tun. Es habe keinerlei Verstöße im Sport „und besonders im Doping-Bereich“ gegeben. „Wir sind kategorisch gegen jedes Doping.“ Russische Politiker und Staatsmedien haben die Berichte über systematisches Doping im russischen Sport als Komplott des Auslands dargestellt, das Russland schaden solle. Putin bestätigte Andersen in seiner Einschätzung, dass Russland zunächst einmal anerkennen müsse, dass es ein weit verbreitetes Doping-Problem gebe. „Wenn man dies nicht tut“, sagte er, „wie soll man vorankommen?“

          Der russische Verband war nach einem Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur, in dem ihm systematisches Doping nachgewiesen wurde, im November 2015 suspendiert worden. Andersen sagte, das russische System sei „verdorben von der Spitze bis nach unten“.

          „Die Träume sauberer Athleten, die Jahre ihres Lebens auf die Olympischen Spiele hingearbeitet haben, zerplatzen aufgrund des verwerflichen Verhaltens anderer Sportler und Funktionäre“, heißt es in einer Stellungnahme des russischen Sportministeriums. Sportminister Witalij Mutko hatte in einem offenen Brief darum gebeten, „saubere“ russische Athleten zu den Spielen zuzulassen.  

          Sebastian Coe, der Präsident der IAAF, kündigte an, am Dienstag am Gipfeltreffen der Verbände beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in Lausanne teilzunehmen. „Wer startberechtigt ist und wer nicht“, sagte er, „entscheidet die IAAF.“ IOC-Präsident Thomas Bach ist auf der Suche nach einer Lösung, die einzelnen, sauberen Athleten eine Kollektivbestrafung erspart. Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wird sich an diesem Samstag bei einer Telefonkonferenz mit der Entscheidung der IAAF befassen. Es könnte zum Beispiel auf seine Kompetenz bei der Zulassung von Athleten unter neutraler Flagge pochen.

          Die Entscheidung des Verbandes wurde belastet von einem Bericht der BBC, nach denen Coe bei seiner Kampagne zur Wahl zum IAAF-Präsidenten mit Papa Massata Diack kooperierte, dem inzwischen von Interpol gesuchten Sohn seines Vorgängers Lamine Diack. Gegen Vater und Sohn wird wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt; sie sollen unter anderem Dopern ermöglicht haben, sich von Sperren freizukaufen. Darüber hinaus wirft die BBC Coe vor, Parlamentarier belogen zu haben, als er vor dem für Sport zuständigen Ausschuss behauptete, die Korruptionsvorwürfe gegen den Diack-Clan hätten ihn überrascht.

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          Schon Monate vorher hatte Coe eine E-Mail des ehemaligen Race-Directors des London-Marathon erhalten, David Bedford, in der die Erpressung der Läuferin Liliana Schobukowa detailliert beschrieben und auch die vermutliche Beteiligung von Papa Massata erwähnt ist. Bereits im Dezember 2014 hatte die ARD in ihrer Reportage über systematisches Doping in Russland auch über diesen Fall berichtet – einschließlich der Hinweise auf Papa Massata und dessen Briefkastenfirma Black Tidings. Der Fernsehfilm löste die Ermittlungen in Russland und in der IAAF aus, die im November zum Ausschluss des russischen Verbandes und zur Verhaftung von Diack senior führten. Er habe deren Anhang nicht geöffnet, sondern sie an die Ethik-Kommission weitergeleitet, sagt Coe nun. Seine Sprecherin Jackie Brock-Doyle behauptet: „Seb hat nicht einmal einen Computer. Das einzige, was man ihm vorwerfen kann, ist sein Mangel an Neugier.“

          „Danke nochmal für deinen Rat“

          In der Fernsehsendung „Panorama“, vom Donnerstagabend behauptete Papa Massata über Coe: „Wenn er nicht den Segen von Lamine Diack gehabt hätte oder meine Unterstützung, wäre er niemals zum IAAF-Präsidenten gewählt worden.“ Mit Sms aus seinem Mobiltelefon, versuchte er zu belegen, dass er eine wichtige Rolle im Wahlkampf von Coe um die Präsidentschaft spielte. „Danke noch einmal für deinen Rat … Ich werde sprechen, wie du rätst … S.“, lautet eine Sms, die von Coe stammen soll. Coe besiegte in einer Kampfabstimmung vor der Weltmeisterschaft in Peking Sergej Bubka mit 115:92 Stimmen.

          Bei der Anhörung vor dem Unterhaus war Coe der befremdliche Umstand vorgehalten worden, dass er nach seiner Wahl Diack senior als den „geistigen Führer“ des Verbandes lobte. Er habe die Vorwürfe, die nun diskutiert würden, nicht gekannt, erwiderte Coe. Die BBC zitierte eine SMS, in der Diack junior von Coe Lob für den Präsidenten fordert: „In deinem nächsten Statement musst du klar über die Errungenschaften des Prs in 16 Jahren sprechen.“ Antwort: „Absolut. … Tue ich immer, aber mache eine besondere Anstrengung. Danke. S.“

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