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Modernisierung des Hockey : Wie eine Sportart für Olympia verbogen wird

Schrumpfen für Olympia? Beim Olympiasieg der Deutschen 2012 gab es noch elf Spieler auf dem Platz Bild: Imago

Die olympische Zukunft des Hockeys ist gefährdet. Hektisch werden Konzepte zur Modernisierung geschmiedet. IOC-Präsident Bach ist angetan – trotz höherer Verletzungsgefahr und kritischer Stimmen. Wie sehr lässt sich ein Spiel für Olympia verbiegen?

          Natürlich hatten die deutschen Spieler bei der 4. Hallenhockey-WM wieder den Titel als Ziel – und dafür sprachen ja auch einige Gründe. Zum einen finden die Titelkämpfe in Leipzig statt, neben dem Heimvorteil spielt auch die besondere Affinität zum Hallenhockey für die beiden deutschen Auswahlmannschaften eine Rolle. Die deutschen Herren gewannen alle drei bisher ausgespielten WM-Titel, die Damen zwei von drei. Am Sonntag können aber nur noch die Damen ihre Sammlung erweitern, sie stehen im Finale gegen die Niederlande. Die Männer spielen nur um Platz drei nach dem Halbfinal-Aus am Samstag. Ein deutscher Doppelerfolg wäre aber auch aus ganz anderen Gründen eine lohnenswerte Geschichte gewesen – er hätte historische Bedeutung gehabt.

          Der Internationale Hockey-Verband (FIH) lässt kaum einen Zweifel daran, dass er bei seinem nächsten Kongress Weltmeisterschaften in der Halle wieder abschaffen wird. Das Spiel unter dem Dach soll sich dann zu einer allein europäischen Sache entwickeln, während auf den anderen vier Kontinenten das offenbar neue Lieblingsformat der IHF vorangetrieben werden soll. „Hockey Global“ heißt das Zauberwort - und gespielt wird dabei mit vier Feldspielern quer über einen halben Feldhockeyplatz, mit Banden an den Seiten und an den Grundlinien. Weil von überall auf das Tor geschossen werden darf, entfallen die hockeytypischen Merkmale wie Schusskreise und die Strafecken.

          An jährliche Regeländerungen haben sich die Hockeyspieler gewöhnt. Wenn ehemalige Aktive nach ein, zwei Jahren ohne Besuch eines Hockeyspiels mal wieder als Zuschauer zu einem Spiel kommen, erkundigen sie sich zuerst nach den neuesten Regeln. Hockey hat so über die Jahre nicht nur das Abseits abgeschafft, die früher für Laien kaum durchschaubare Sperrungsregel eliminiert, das Interchanging - die ständige Möglichkeit zum Ein- und Auswechseln wie beim Eishockey oder Handball - und den Selfpass eingeführt, durch den bei einem Freischlag nicht mehr ein Mitspieler angespielt werden muss, sondern sich jeder den Ball selbst vorlegen und dann weiterspielen kann.

          Das hat für deutliche Veränderungen gesorgt: Das Tempo ist noch höher geworden, die Anzahl der Tore deutlich gestiegen, und trotz der kürzeren Spielzeit von international inzwischen 4 × 15 Minuten (noch eine Änderung im Vergleich zu den noch bei den Olympischen Spielen in London angewendeten 2 × 35 Minuten) ist die Nettospielzeit einer Hockeypartie kaum kürzer - wenn überhaupt - als bei einem Fußballspiel mit seinen zwei Halbzeiten à 45 Minuten.

          Die Hockeyspieler kämpfen um ihren Verbleib im olympischen Programm

          Das alles ist aber offenbar nicht spektakulär genug. Obwohl das olympische Hockeyturnier in London ausverkauft war und spielend eine noch größere Zuschauerkapazität hätte verkraften können, geriet Hockey zur seiner eigenen Verblüffung nach den Spielen 2012 auf die Rote Liste der bei Olympia gefährdeten Sportarten.

          Zu wenig Verbände (131), zu wenig unterschiedliche Sieger - die Vorwürfe wirkten ein wenig konstruiert, und in der Hockeyszene halten sich deshalb hartnäckig Gerüchte: Der amerikanische Fernsehsender zahlt dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) 4,38 Milliarden Dollar für die Übertragungsrechte bis 2020 und 7,65 Milliarden Dollar für die Zeit von 2021 bis 2032. Auch und gerade natürlich für Hockey - aber damit ist Eishockey gemeint. Feldhockey gilt in den Vereinigten Staaten als Mädchensport, und die Amerikanerinnen sind kein Medaillengarant.

          Verwunderung über neues Kleinfeld-Format

          Die Sorge um die olympische Zukunft hat hektische Betriebsamkeit bei der FIH ausgelöst. Zunächst wurden auf Geheiß des IOC die Kriterien für die Olympiaqualifikation verändert. Nun werden die Plätze für das olympische Turnier nicht mehr in kontinentalen Wettbewerben ausgespielt, sondern in der vierteiligen Word League, die angeblich auch kleineren Nationen größere Chancen einräumt. Theoretisch mag das stimmen, praktisch aber bringt es viele nationale Verbände aufgrund der weltweit verstreuten Turniere an den Rand des finanziellen Kollapses.

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