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Hilfspaket für den Sport : Opernhäuser des Schweißes

Bühne des Jubels und der gemeinsamen Tränen: deutsche Sporthallen (hier in Menden), zeitweise während der Krise gesperrt. Bild: dpa

200 Millionen Euro will der Staat als Hilfestellung für die Erhaltung der sportlichen Vielfalt in Deutschland bezahlen. Keine schlechte Idee eigentlich. Nur die Argumentation dafür will nicht so recht passen.

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          Die Corona-Krise schafft eine neue Aktualität: vom Aussterben bedrohte Sportarten. Es sind nicht die üblichen Verdächtigen, Disziplinen, die Staub und abgestandener Geruch vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte umweht. Diesmal trifft es diejenigen, deren Spielbetrieb mit großem Abstand auf die Fußball-Bundesliga und deren Unterbau in der zweiten Klasse folgt: Handball, in dieser Sportart wohl die stärkste Liga der Welt, Basketball, mehr und mehr Spielwiese von Talenten auf dem Sprung nach Übersee, Eishockey, Volleyball – und Fußball.

          Die Aufnahme der dritten Liga in das Rettungspaket des Bundes, das der Bundestag am Donnerstag verabschiedet hat, macht deutlich, dass die staatliche Hilfestellung und die Argumentation dafür nicht ganz zusammenpassen. Angeblich geht es bei dem Rettungspaket im Wert von 200 Millionen Euro darum, die Vielfalt des Sports in Deutschland zu erhalten. Schließlich ist der Umstand, dass jeder praktisch vor der Haustür eine Bewegung, ein Spiel, eine sportliche Herausforderung finden kann, dass er von der Kommune gern ein Dach über dem Kopf dazu bekommt, ein Parkett und – nun ja: häufig – eine Dusche, dass er steuerbegünstigte Vereine gründen oder ihnen beitreten kann, eher ein Grund, von der Sportnation Deutschland zu sprechen als die Zahl der Goldmedaillen, die Top-Athleten von den Olympischen Spielen nach Hause bringen.

          Durch das Verbot von Großveranstaltungen ist dieses sportliche Biotop nicht gefährdet. Oder laufen etwa weniger Menschen, weil der Berlin-Marathon ausfällt? Kicken Jungs und Mädchen weniger begeistert, weil den Fußballklubs mit großen Namen und grauer Gegenwart, denen der dritten Liga, plötzlich mangels Eintrittsgeld der GmbH für den Spielbetrieb der Profis Insolvenz droht? Gewiss mangelte es Talenten auf dem Weg in die Nationalmannschaften an Entwicklungsmöglichkeit, gäbe es ihre Bundesliga nicht mehr. Doch zur existentiellen Krise wird die Pandemie-Pause allein deshalb, weil die Spitzenklubs einiger Sportarten den Schritt ins Unterhaltungsgewerbe tun konnten.

          Basketball- wie Handball-Profis werden bei einem Gesamtumsatz ihrer Ligen von rund 130 Millionen Euro – Peanuts im Vergleich zu den vier Milliarden der Fußball-Bundesliga – für Aufmerksamkeit bezahlt von den Sponsoren. Nicht wenige Disziplinen haben ihre Sportanlagen zugesperrt, verlieren den kleinen Obolus, den ihre Zuschauer beitragen, haben aber auch keine Kosten für Trainingslager und Reisen – und werden putzmunter aus dem Winterschlaf zurückkehren. Mehr als tausend Athleten sind übrigens – Lob des Staatssports – der Notwendigkeit von Start- und Preisgeld durch ihre Verpflichtung bei der Bundeswehr, der Polizei in Bund und Ländern sowie dem Zoll enthoben.

          Gleichwohl ist das Engagement des Staates für den Sport auch auf höchster Ebene zu begrüßen. Wie in der Kultur gibt es viel mehr Bewunderer als große Künstler. Es sind die Opernhäuser des Schweißes, die Bühnen des Jubels und der gemeinsamen Tränen, die nicht aussterben dürfen.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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