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1500 Teams in 81 Sportarten : Hier ist die Bundesliga zu Hause

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In Deutschland und Österreich daheim: die Alpenvolleys aus Unterhaching und Innsbruck. Bild: 2017 AlpenVolleys

Fast 1500 Teams in 81 Sportarten auf höchsten nationalem Niveau: So zahlreich und variabel präsentiert sich der deutsche Spitzensport 2018 in Großstädten und Dörfern. Dabei sind die Bundesgrenzen kein Hindernis.

          Wäre Hannes Kronthaler ein Politiker, er wüsste, wie er die Wähler auf seine Seite bekäme. Der Österreicher sagt Sätze wie: „Die Grenze zwischen Tirol und Bayern ist doch nur ein Strich auf der Landkarte.“ Oder über sich selbst: „Ich bin eben eine Ausnahme.“ Kronthaler geriert sich gern als Visionär. Im Sommer 2017 gelang es ihm, den von ihm gemanagten Volleyballverein Hypo Tirol Innsbruck in die deutsche Bundesliga einzugliedern. Der österreichische Serienmeister ging eine Kooperation ein mit dem ehemaligen Bundesligaverein TSV Unterhaching, zusammen erhielten sie eine Wildcard für die höchste deutsche Spielklasse. „Es war immer dasselbe: Meister und Pokalsieger, dann in der Champions-League-Vorrunde raus“, sagte der 52 Jahre alte Kronthaler über die Zeit von Hypo Tirol in der heimischen Liga.

          Drei deutsche Klubs stimmten damals gegen die Aufnahme der Alpenvolleys, Kritik oder Misstöne will Kronthaler aber nicht vernommen haben. „Sensationell gut“ sei die Entscheidung beispielsweise zu Hause in Österreich aufgenommen worden. Auch wenn sich der Ehrenpräsident des dortigen Volleyballverbands, Peter Kleinmann, kritisch über die Alpenvolleys äußerte. „Sportlich sind sie in der deutschen Liga Mittelmaß“, sagte Kleinmann nach der Hälfte der Saison: „Und Zuschauer sind weniger da als vorher.“ Andere sind angetan von der transnationalen Kooperation. Dirk Westphal, der als Trainer mit Ligakonkurrent Düren 2:3 gegen die Alpenvolleys verlor, sagte, er finde das Projekt gut: „Es erhöht Wettbewerb und Attraktivität der Liga.“

          Drei Heimbegegnungen trug die Spielgemeinschaft 2017/18 in Unterhaching aus, die übrigen sieben plus alle Trainingseinheiten in Innsbruck. In der neuen Spielzeit von September an soll das Verhältnis, auch in Bezug auf die Finanzen, ausbalanciert sein – so die Auflage der Liga. Fühlen sich die Alpenvolleys eher in Unterhaching oder Innsbruck zu Hause? „Wenn man ausblendet, dass wir in Innsbruck trainieren“, antwortet Kronthaler, „ist es 50:50.“ Deutsche Studenten in Innsbruck hatte er als eine Zuschauer-Zielgruppe der Kooperation ausgemacht, doch so ganz hat die noch nicht angebissen.

          Durch Verteilung von Team-Gemeinschaften auf mehrere Orte ergeben sich Nachkommastellen.


          „Das, was wir machen, ist eher etwas Neues“, sagt der Manager. Gut möglich, dass sich der Trend zu Bundesligen über Landesgrenzen hinweg aber verstärkt; damit die Topklubs kleinerer deutscher Nachbarländer eine gewisse Konkurrenz erfahren. In drei anderen Sportarten war das Ende 2017 schon der Fall; inzwischen sind drei weitere ausländische Mannschaften in Bundesligen aufgenommen worden (ein Radrenngemeinschaft aus Schweizerinnen) oder aus eigener Kraft aufgestiegen (die belgischen Rollstuhlbasketballspieler aus St. Vith sowie die Luxemburger Rugby-Herren).

          Schon viel länger dabei ist die Motoball Vereneging Budel, die in der südniederländischen Gemeinde Cranendonck residiert. Weil es sich dort landesweit um den einzigen Klub dieser Art handelt, wäre eine nationale Liga schwer auf die Beine zu stellen. Motoball wird – im Gegensatz zum einst von Stefan Raab salonfähig gemachten Autoball – mit Motorrädern und in Teams gespielt. Die Kugel führen die sich mit Ausnahme der Torhüter motorisiert fortbewegenden Spieler am Fuß. Längst gehört der MBV Budel wie selbstverständlich zur vom Westen Deutschlands dominierten Liga dazu.

          Durch Verteilung von Team-Gemeinschaften auf mehrere Orte ergeben sich Nachkommastellen.


          Knapp 200 Kilometer südlich bereichert Luxemburg eine andere eher ungewöhnliche Sportart: Go gilt als eines der komplexesten Brettspiele der Welt. „Für Go muss man nicht körperlich fit sein“, sagt der Trierer Tobias Dietz, „aber mental. Und man muss trainieren.“ Im Mittelfeld der mit zehn Mannschaften bestückten deutschen Bundesliga liegt das Team TriLux, eine Spielgemeinschaft von Aktiven aus Trier und dem kleinen Fürstentum. Einmal in der Woche treffen sich die Denksportler zum Spieleabend, abwechselnd in Trier oder im kleinsten der Beneluxstaaten. „Man kannte sich schon, war lose befreundet“, sagt Teamkapitän Dietz über die Anfänge der Spielgemeinschaft vor zwölf Jahren. Da die räumliche Distanz leicht zu überbrücken war, schloss man sich zusammen. Heute bilden je zwei Spieler beider Lager die vierköpfige Stammformation in der Bundesliga.

          Während im Volleyball, Motoball und Go die ausländischen Teams jeweils als Präzedenzfälle auf eine Aufnahme in die Bundesliga hinarbeiteten, ging die Ruder-Bundesliga einen anderen Weg. Sie kündigte öffentlich an, sich für Mannschaften außerhalb Deutschlands zu öffnen. Seit Mai 2016 sprinten nun die Ruderinnen von Banner JKU Wiking Linz in Deutschland mit. Ging es noch zu Beginn darum „die deutschen Boote etwas zu ärgern“ (Teamleiter Boris Hultsch), hat sich der österreichische Achter inzwischen im Tabellenmittelfeld etabliert. Genauso wie Hannes Kronthaler und seine Alpenvolleys in der Volleyball-Bundesliga, die gar das Play-off-Halbfinale erreichten. Fragt man aber Kronthaler oder den Go-Kapitän Dietz, ob sie andere Beispiele von länderübergreifenden Bundesligen kennen, schütteln sie den Kopf. Ihre Pionierarbeit zur sportlichen Nationenverbindung bleibt meist unbemerkt. Dazu bräuchte es wohl mehr Typen der Marke Kronthaler.




          Gewichtheben in Boris Beckers Heimat

          1476 Teams in 81 Sportarten sind hierzulande in bundesweit höchsten Spielklassen organisiert, von Glücksburg im Norden bis Lindau im Süden, von Aachen im Westen bis Görlitz im Osten – und in sieben Fällen über die Bundesgrenzen hinaus. So verschieden die Sportarten, so unterschiedlich auch das System ihrer Bundesligen. Während die erste Spielklasse im Rollschuhsport Roller Derby nur in den Großstädten des Landes gastiert, beschränkt sich die Tauzieh-Bundesliga fast ausschließlich auf Dörfer in Baden-Württemberg. Im Unterwasserhockey bilden nur sechs Teams aus fünf Vereinen die Bundesliga, und im Segelfliegen werden nicht einmal direkte Begegnungen ausgetragen: Jedes Team fliegt an den Wochenenden für sich allein und trägt die Zeiten online ein.

          Die Städte auf dieser Deutschlandkarte bergen manche Überraschung. Zwar ist Sinsheim so unweigerlich verknüpft mit dem Hoffenheimer Fußball wie Flensburg mit dem Handball. Doch in Leimen, der Heimatstadt von Boris Becker, spielt man kein erstklassiges Tennis, man hantiert mit zentnerschweren Eisenscheiben: in der Gewichtheber-Bundesliga. Und aus Kolbermoor im Alpenvorland stammt nicht nur Bastian Schweinsteiger, nicht nur Paul Breitner, sondern auch ein Spitzenteam im Damen-Tischtennis.

          Eine badische Gemeinde, die man auf der Autobahn eher unbemerkt passieren würde, wartet gar mit Bundesligateams in drei verschiedenen Sportarten auf: Malsch, 15.000 Einwohner, spiegelt die breite Variation der in Bundesligen organisierten Sportarten wider. Motoball, Pétanque und Unterwasserrugby wird hier auf national höchstem Niveau betrieben. Wenn es um das Verhältnis Bundesligamannschaften je Einwohner geht, liegt unter den Flächenbundesländern eines an der Spitze, das sonst gern belächelt wird: das Saarland. (paba.)

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