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Helmut Digel im Gespräch : „Blatter hat das nicht erfunden“

Sieht vieles kritisch: Helmut Digel, der ehemalige Präsident des Deutschen Leichtathletikverbands. Bild: dpa

Wie beherrscht man die Welt? Was Joseph Blatter jahrelang betrieben hat, hat Primo Nebiolo vorgemacht. Nun beschließt Sportfunktionär Helmut Digel seine Karriere im F.A.Z.-Interview mit Attacken gegen den Leichtathletik-Weltverband.

          8 Min.

          Die Korruption der Fifa ruft Staatsanwaltschaften in Amerika und in der Schweiz auf den Plan, und trotzdem wird ihr suspendierter Präsident Joseph Blatter in der Leichtathletik als leuchtendes Vorbild gesehen. Warum bejubeln ihn afrikanische Verbandsfürsten?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Blatter steht in der Sport-Hierarchie ganz oben; er hat Macht. Sie beruht darauf, dass er einen großen Teil der Einnahmen des Fußballs großzügig an die Repräsentanten der kleinen und kleinsten Verbände verteilen konnte, von denen es mehr gibt als Staaten auf der Welt.

          Dies ist das Vorbild?

          Blatter hat das nicht erfunden. Primo Nebiolo hat so agiert, der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) der achtziger und neunziger Jahre aus Italien. Juan Antonio Samaranch, der Präsident des Internationalen Olymischen Komitees (IOC), hat ,Olympic Solidarity‘ zu einem Machtinstrument ausgebaut. Das Geld aus Fernsehrechten und Vermarktung an die Kleinen zu verteilen ist naheliegend. Wenn man so hohe Einnahmen hat wie die Fifa, hat man ja zunächst das Problem: Wie gebe ich das ganze Geld aus? Sportverbände sind ehrenamtliche und gemeinnützige Vereinigungen, die keine Gewinne machen dürfen. Also geht das Geld an deren Mitglieder, um damit bestimmte Entwicklungsprojekte zu finanzieren. Das ist in der Leichtathletik nicht anders als im Fußball.

          Basiert dieses Prinzip darauf, dass augenzwinkernd gar nicht zwischen Verband und Präsident unterschieden wird?

          Zunächst ist es Grundlage für den Erwerb von Macht. Blatter war der Verantwortliche für das „development program“ (Entwicklungsprogramm) im Fußball. Dann wurde er Generalsekretär. Er hat entschieden, wer wie viel bekommt. Damit war er für alle Verbände die wichtigste Person. Diese Rolle hat er, genau wie Nebiolo, behalten, als er Präsident wurde. Auch dessen Nachfolger im Internationalen Leichtathletik-Verband, Lamine Diack, blieb als Präsident zunächst Vorsitzender der Entwicklungs-Kommission. Seit wir nach dem Prinzip ,one country, one vote‘ (ein Land, eine Stimme bei Wahlen im Verband unabhängig von der Größe/Anm. d. Red.) agieren, kann solch ein Posten die verantwortliche Person nach ganz oben bringen. Wer die Verbandspräsidenten einer Reihe von Inselstaaten auf seine Seite bringt, und das gelingt mit kleinen Gaben, für den ist unerheblich, was die Mehrheit Europas denkt und tut.

          Kommt das Geld dort an, wo es hin soll?

          Immer mehr Athleten aus kleinen Ländern gewinnen bei den großen Meisterschaften Medaillen. Dies ist ein Effekt der Entwicklungsprogramme. Aber die Geschichten gibt es natürlich auch, dass ein Trainer in ein Land einreist und die Sachspenden, die vor ihm eintreffen sollten, auf dem örtlichen Markt zum Verkauf angeboten werden. Angesichts der Armut und der Perspektivlosigkeit in vielen dieser Länder liegt es nahe, dass es zu Missbrauch kommen kann.

          Sie wirkten in Peking nach der Wahl des IAAF-Präsidenten und besonders des Councils der IAAF empört. Ist der neue Präsident Sebastian Coe auf einem Basar ins Amt gekommen?

          Meine Empörung galt insbesondere den Council-Kollegen aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Letzterer ...

          ... Ahmad Al Kamali, ein Rechtsanwalt ...

          ... hat in den vergangenen vier Jahren wahrlich nicht bewiesen, dass er ein sinnvoller Teil der Leichtathletik wäre. In keiner einzigen Council-Sitzung hat er auch nur einen konstruktiven Beitrag geleistet. Dennoch wurde er mit der höchsten Stimmenzahl wiedergewählt. Der andere ...

          ... Nawaf Bin Mohammed Al Saud ...

          ... ist einer der vielen Prinzen aus der Königsfamilie. Er hat, wenn man dem glaubt, was kolportiert wurde, den Leuten Geschenke überlassen, damit sie ihn wählen. In Saudi-Arabien dürfen bis heute Frauen nicht Sport treiben. So jemanden wählen die Delegierten in das höchste Gremium des Weltverbandes!

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