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Helmut Digel im Gespräch : „Blatter hat das nicht erfunden“

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Gabriel Dollé, der Vorsitzende der Anti-Doping-Abteilung der IAAF, ist vor einem Jahr verschwunden. Wissen Sie, warum?

Das ist mir bis heute nicht erklärt worden; das Thema stand in keiner Council-Sitzung auf der Tagesordnung. Es gab und gibt bis heute nur Spekulationen.

Wenn Thomas Bach, der IOC-Präsident, Sie fragte, wie es mit der Förderung der Leichtathletik weitergehen soll - alle vier Jahre erhält die IAAF vom IOC vierzig Millionen Dollar -, würden Sie ihm raten, diese zu sperren?

Er sollte Bedingungen formulieren. Das IOC kann Aufklärung darüber verlangen, was aus den öffentlichen Vorwürfen geworden ist. Wenn es Verfahren gibt, kann man deren Ende abwarten. Aber wenn erkennbar wird, dass ein Verband nicht kooperiert und selbst Teil des Betruges ist, muss das finanzielle Konsequenzen haben.

War die IAAF in Manipulationen und deren Vertuschung verwickelt?

Für mich ist das kaum vorstellbar, angesichts der 25 Jahre, die ich miterlebt habe. Jahr für Jahr hat unser Verband mehr Mittel aufgewendet und mehr Personal beschäftigt, um des Betruges Herr zu werden. Derzeit wenden wir rund drei Millionen Dollar pro Jahr auf für ein eigenes Kontrollsystem, das größte, das es im Sport gibt. Die IAAF hat durchaus Modellcharakter für andere Verbände. Vor diesem Hintergrund war es empörend, der Presse entnehmen zu müssen, dass mein Verband möglicherweise in einen Skandal verwickelt ist, bei dem Kollegen aus dem Council und Mitarbeiter des Verbandes eine entscheidende Rolle gespielt haben sollen.

Sie sprechen von der Marathonläuferin Lilja Schobukowa, die knapp eine halbe Million Dollar dafür gezahlt hat, dass sie trotz Unregelmäßigkeiten nicht gesperrt wurde.

Diese Anschuldigung steht im Raum. Entweder wird sie widerlegt, oder es muss zu den notwendigen Strafen kommen.

Was erwarten Sie von Coe über die Doping-Bekämpfung hinaus?

Er hat versprochen, junge Menschen an die Leichtathletik zu binden. Er muss sich daran messen lassen, ob er dem Trend entgegenwirken kann, dass diese Sportart in sich selbst vergreist. Denn unser Fernsehpublikum ist Jahr für Jahr älter geworden und hat ein Durchschnittsalter von mehr als fünfzig Jahren. Dies ist ein Problem genauso wie die Erneuerung der Weltmeisterschaft selbst.

Die Vergreisung ist umso erstaunlicher, als man den Eindruck hat, dass der Sport schnell aus seiner Rolle als Teilnehmer am Kalten Krieg in eine hemmungslose kapitalistische Ausbeutung geschlüpft ist. Wie sehen Sie die Rolle der Leichtathletik?

Die Totalisierung des Kommerzes ist weit fortgeschritten. Immer mehr Menschen sind im Sport tätig, die ihn lediglich aus kommerzieller Sicht betrachten. Deren zentrale Frage ist: Wie kann ich mit dem Sport Gewinne erzielen? Dies prägt natürlich auch die Leichtathletik. Sie konkurriert mit anderen Sportarten und weiteren Unterhaltungsangeboten. Wer in diesem System agiert, wird an dessen Logik gemessen. Aber ethisch und moralisch erachte ich einen Sport für sehr viel wichtiger, der damit nichts zu tun hat. Die körperliche Betätigung mit sportivem Charakter von Kindern, Jugendlichen und Senioren ist überhaupt nicht an solchen Maßstäben ausgerichtet. Die Kluft zwischen diesen Welten wird immer größer. Die Verbände müssten sie eigentlich überbrücken, aber sie schaffen es nicht. Das ist das Dilemma des Sports von heute.

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