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Helmut Digel im Gespräch : „Blatter hat das nicht erfunden“

Diese Entscheidung wird gravierende Folgen haben. Wenn der Vertrag mit den europäischen Fernsehanstalten zur Neuverhandlung ansteht, wird die EBU weniger bieten als bisher; zwei Mal wird es miserable Quoten gegeben haben. Das wird sich auf die gesamte Vermarktung der Leichtathletik auswirken.

Steht Coe für die Blatterisierung der Leichtathletik, oder sehen Sie ihn als Hoffnungsträger?

Für mich ist er ein Hoffnungsträger. Aber er muss beweisen, dass er die vielen Hoffnungen, die man an die Leichtathletik heranträgt, zumindest ernst nimmt und sich bemüht, dass mindestens einige davon in Erfüllung gehen. Die zentrale Frage ist: Meint er es ernst mit dem Kampf gegen Doping? Mit welchen Maßnahmen wird er diesen Kampf führen, mit welchem Team, mit welchen internationalen Partnern?

Er will die Doping-Bekämpfung auf eine Institution außerhalb der IAAF übertragen.

Dies ist mehrdeutig. Man könnte vermuten, dass die Verbände sich raushalten und mit dem Problem nichts mehr zu tun haben wollen. Das wäre der falsche Weg. Denn das Problem wird erzeugt von Athleten, von Managern, von einer Entourage, die den Sportler verführt. Doping ist zunächst ein Betrug innerhalb des Sports. Die Verantwortung kann man nicht outsourcen.

Halten Sie die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) für geeignet, der IAAF die Doping-Kontrollen, die Sanktionierung und womöglich auch die Prävention abzunehmen?

Ich habe sowohl strukturell als auch personell Bedenken. In der Bearbeitung der öffentlich diskutierten Fälle Kenia, Russland und Amerika, aber auch im Umgang mit Sportarten wie Schwimmen ist die Wada für mich nicht glaubwürdig. Entweder ist dort zu wenig Personal oder das falsche. Auch strukturell ist es falsch, wie das Beispiel Deutschland zeigt, alles der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) zu übertragen, was mit Doping zu tun hat. In den Präsidien beschäftigt sich niemand mehr mit Doping, außer dass sie die Fälle in der Zeitung nachlesen. Wir haben immer so getan, als sei das Doping-Problem mit Gründung der Nada gelöst worden. Das ist falsch. Sie war immer personell unterbesetzt, und sie war strukturell gar nicht befugt, all das zu tun, was sie tun soll. Es bedarf doppelter Strukturen: innerhalb der Sportorganisationen und außerhalb.

Wäre Druck vom Geldgeber hilfreich?

Das Internationale Olympische Komitee sollte die Ausschüttung seiner Mittel an die Verbände an Bedingungen knüpfen, wie auch die internationalen Verbände die Weitergabe des Geldes von der Doping-Bekämpfung abhängig machen sollten. Wer Doping nicht bekämpft, darf nicht gefördert werden. Mehr noch: Solche Verbände müssen ausgeschlossen werden von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

Bald ist der ARD-Film über Doping in Russland ein Jahr alt. Die Kronzeugen sind untergetaucht, und statt von Ermittlungen erfährt man, dass Wada-Präsident Reedie dem russischen Sportminister Mutko versichert, dass nichts ihre Freundschaft gefährden könne. Erfüllte dies nicht die Bedingungen eines Förderstopps?

Für mich reicht das schon lange. Wenn eine Ethikkommission wie die der IAAF die Ermittlung von Fällen nicht zu Ende bringt, ist dies ein Skandal. Gleiches gilt für die Untersuchungskommission der Wada. Selbstverständlich brauchen wir Beweise und ordentliche Verfahren und Entscheidungen vor Gericht. Das haben wir nicht in allen Fällen. Was aber Russland betrifft, haben wir Video-Dokumentationen, die zeigen, wie Trainer Doping-Mittel weitergeben, wie Athleten darüber sprechen, wie sie dopen. Da kann man doch erwarten, dass auf dieser Grundlage Überprüfungen stattfinden und finale Entscheidungen getroffen werden. Selbst wenn die Leute mangels Beweisen freigesprochen werden, dann gibt es zumindest ein nachvollziehbares Verfahren. Ich war bis September Mitglied des IAAF-Councils und trug Verantwortung für die Welt-Leichtathletik. Ich konnte aber weder im Fall Russland noch im Fall Kenia die Sachverhalte genauer nachvollziehen, weil mir jede Information vorenthalten wurde.

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