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Helmut Digel im Gespräch : „Blatter hat das nicht erfunden“

Sebastian Coe wird Mitglied des IOC werden. Halten Sie es für vertretbar, dass er beide Ämter bekleidet, während er gleichzeitig Berater des Sportartikelherstellers Nike bleibt sowie Vorstandsvorsitzender der Agentur CSM, zu deren Geschäft die Akquise und die Vermittlung von Sportveranstaltungen gehört, etwa der Europa-Spiele nach Baku?

Der Sport hat in dieser Hinsicht alle Warnungen erhalten, die nur an ihn herangetragen werden können. Das IOC hat Regeln vorgegeben, an die sich alle halten müssen. Sebastian Coe hat selbstverständlich das Recht, einen Beruf auszuüben. IAAF-Präsident ist er im Ehrenamt. Nun stellt sich die Frage, ob das Präsidentenamt weiterhin ehrenamtlich ausgeübt werden kann. In dem Moment, in dem das Amt in Widerspruch gerät mit Privatinteressen des Mandatsträgers, müssen entweder die Ethikkommission der IAAF oder das Council intervenieren; beide haben allerdings bis heute nicht gezeigt, dass sie in solchen Angelegenheiten ihrem Auftrag gerecht werden. Ich kann Sebastian Coe nur empfehlen, transparente Verhältnisse herzustellen, wie sie auch Thomas Bach im IOC geschaffen hat. Was der Verband als Aufwandsentschädigung und Honorar zahlt, muss bekanntgemacht werden.

In seinem Geschäftsgebaren immerhin sind die Leichtathleten transparent wie kaum jemand: Ihre Weltmeisterschaft ist Handelsware geworden. Die WM 2019 geht an Doha, weil der Emir von Qatar 37 Millionen Dollar versprochen hat, und die WM 2021 haben Präsidium und Council zum Jubiläum der Firma Nike an deren Gründungsort Eugene in Oregon vergeben. Wie stellt sich das für Sie dar?

Ich glaube gerade nicht, dass die Finanzen der IAAF transparent sind. Wie beim IOC sollten Einnahmen und Ausgaben öffentlich nachvollziehbar und kontrollierbar sein. Das ist, auch angesichts der Probleme der Fifa, ein zwingendes Gebot. Was die Vermarktung der Leichtathletik angeht: Sie hat Warencharakter und tritt an im Genre der Unterhaltungsindustrie. Bei beiden Entscheidungen, die Sie anführen, wurden die Regeln, die wir uns in der IAAF gegeben haben, nicht beachtet. Beide sind fatale Fehlentscheidungen.

Funktionär mit Vorbildcharakter? Fifa-Präsident Sepp Blatter.

Die WM in Qatar muss wegen der Hitze auf den Oktober verschoben werden.

Dies schadet der Leichtathletik mittel- und langfristig. Denn die höchste Aufmerksamkeit erreicht sie in dem Zeitfenster, das der Fußball ihr im August eröffnet. Wenn wir diesen Zeitpunkt aufgeben, konkurrieren wir in Europa, unserem wichtigsten Markt, mit der Champions League und den Fußball-Meisterschaften aller großen Länder. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir in dieser Konkurrenz so hohe Einschaltquoten erreichen wie im Sommer. Die Quote aber ist die Einheit, in der die Bedeutung der Sportart gemessen wird. Man kann jetzt schon prognostizieren, dass der Wert der Sportart nach Doha gesunken sein wird, jedenfalls in seiner Fernseh-Relevanz.

Und die WM in Amerika?

Eugene ist eine reizende Universitätsstadt, aber für eine Leichtathletik-WM fehlen alle Voraussetzungen. Zudem haben wir neun Stunden Zeitverschiebung. Für europäische Fernsehzuschauer wird die Weltmeisterschaft dort praktisch nicht existent sein, auch wenn sie im August stattfindet. Diese Entscheidung ist empörend. Denn sie wurde ohne Ausschreibung getroffen, sie stand nicht einmal auf der Tagesordnung. Auf diese Weise wurde Göteborg, das sich für 2021 bewerben wollte, von dem Verfahren ausgeschlossen. Es gab im Council nur eine europäische Stimme dagegen und eine Enthaltung.

Ich nehme an: von Ihnen.

Alle anderen Europäer im Council stimmten zu.

Ich nehme an: auch Coe.

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