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Helmut Digel im Gespräch : „Ich war zwei Jahrzehnte Teil einer Heuchelei“

Zu nah dran im Jahr 2000: „Bei Baumann (links)“, sagt Digel (rechts), „war die Außensicht bedeutsamer als die Innensicht.“ Bild: Picture-Alliance

Helmut Digel räumt zum Ende der Karriere als Sportfunktionär Fehleinschätzungen ein. Im zweiten Teil des F.A.Z.-Interviews spricht er über seine gewachsenen Zweifel an der Unschuld des wegen Dopings gesperrten Olympiasiegers Baumann.

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          Sie waren Handballspieler, Sie haben sich in der Leichtathletik engagiert, kurz nach der deutschen Einheit acht Jahre als Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, zwanzig Jahre im Council des Internationalen Verbandes (IAAF), und nicht zuletzt haben Sie Ihr Engagement als Soziologe und Sportwissenschaftler dem Sport gewidmet. Sind Sie so bitter, wie Sie klingen?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In Bezug auf das Ausgangsproblem, das mich in die Leichtathletik geführt hat, ist die Bilanz negativ. Der damalige Leichtathletik-Präsident Eberhard Munzert fragte mich 1988, ob ich angesichts der Doping-Probleme in der deutschen Leichtathletik helfen könnte; ich war ja nicht vorbelastet. So bin ich in den DLV hineingeraten. Nach dem Fall Katrin Krabbe und weiteren Skandalen in der Leichtathletik hat mich das Präsidiumsmitglied Theo Rous gefragt, ob ich bereit wäre, das Präsidentenamt zu übernehmen. Zunächst hatte ich dabei durchaus Erfolgserlebnisse. Meine Mitstreiter und ich glaubten, wir würden etwas in der Doping-Bekämpfung erreichen und gleichzeitig der Nationalmannschaft noch größere Erfolge ermöglichen. Aber schon damals sind Verdacht und Zweifel mitgelaufen; der Verdacht, dass auch in unserer Nationalmannschaft Athleten ihre Gegner betrügen, und der Zweifel, dass unsere Maßnahmen ausreichend sind.

          Hat sich die Perspektive mit Ihrem internationalen Engagement verändert?

          Die Probleme zeigten sich noch deutlicher. Die einzelnen Disziplinen des Laufens, Springens und Werfens haben jeweils ihr eigenes Doping-Problem. Wir stehen dem ohnmächtig gegenüber und singen nach außen hin das Hohelied der Leichtathletik. Ich muss konstatieren, dass ich zwei Jahrzehnte lang Teil einer Heuchelei war.

          Sie waren auf dem Weg, Präsident der Welt-Leichtathletik zu werden, als Dieter Baumann einen positiven Doping-Test hatte; der Olympiasieger und Anti-Doping-Kämpfer, mit dem Sie befreundet waren. Bis heute ist nicht klar, ob er gedopt hat oder wirklich mittels kontaminierter Zahnpasta Opfer eines Anschlags wurde. Wie ist Ihr Resümee?

          Ich hätte nicht geglaubt, dass ein singuläres Ereignis eine solch weichenstellende Bedeutung haben könnte für das weitere Leben. Es hat meinen Lebensweg bestimmt und war nicht zu korrigieren. Da steht man einer bestimmten Entwicklung ohnmächtig gegenüber. In Sydney (während der Sommerspiele 2000, Anm. d. Red.) habe ich vor dem höchsten Schiedsgericht für den Start von Dieter Baumann gestritten und bin unterlegen. Damit waren der DLV und sein Präsident isoliert. Dies hat zu meinem Rücktritt in Deutschland geführt. Mir wurde damals deutlich, dass ich abhängig war von Juristen. Mit meinem Wollen und Können, mit meiner Rhetorik und meiner Ausbildung habe ich nichts ausrichten können. Es hat sich gegen mich gerichtet, dass wir die Möglichkeit der Unschuld von Dieter Baumann - in dubio pro reo - mitgedacht hatten.

          Wie ist Ihr Verhältnis zu Baumann?

          Es ist schwierig, von Freundschaft zu sprechen. Wir hatten ein offenes und nettes Verhältnis, aber wir haben uns immer gesiezt. Dieses Verhältnis ist aus naheliegenden Gründen abgekühlt. Ich bin mit einigen Darstellungen von damals, die Herr Baumann der Öffentlichkeit gegeben hat, nicht einverstanden. Er musste seinen eigenen schweren Weg gehen und mit dem Makel der zweijährigen Sperre leben.

          Glauben Sie an Schuld oder Unschuld in diesem Fall?

          Mit meinem Wissen von heute würde ich den Darstellungen von damals größeren Zweifel entgegenbringen. Damals vertrat Professor Hans-Hermann Dickhuth (Freiburg, Anm. d. Red.) als DLV-Verbandsarzt die Meinung, dass Nandrolon (Spuren fanden sich in der Doping-Probe von Baumann, Anm. d. Red.) keine Wirkung auf Mittelstreckenläufer habe und diese Form des Dopings damit keinen Sinn mache. Diese Auffassung ist längst widerlegt. Man hat immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Athleten, die am Ende ihrer Karriere sind, mit Nandrolon zumindest die Trainingsbelastung mindern und ihre Laufbahn verlängern können. Was ich seitdem über die Wirkung von Substanzen gelernt habe, vergrößert eher die Zweifel, als dass es die Position von damals erhärten könnte.

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