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Hans Wilhelm Gäb im Interview : „Die Sporthilfe hatte noch nie so viel Publicity wie jetzt“

  • Aktualisiert am

Der neue Sporthilfechef Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der neue Vorsitzende Hans Wilhelm Gäb über Vorbilder und überzogenes Anspruchsdenken, die marktorientierte Gesellschaft und seine eigene Rückhand.

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          Nach einer kurzen, aber heftigen Krise, die im Rücktritt des Vorsitzenden Hans-Ludwig Grüschow gipfelte, soll Hans Wilhelm Gäb die Stiftung Deutsche Sporthilfe einerseits in ruhiges Fahrwasser zurückführen, andererseits die Spendenbereitschaft der Gesellschaft weiter beflügeln. Der 69 Jahre alte ehemalige Aufsichtsratschef der Adam Opel AG, ehemalige Vizepräsident Europa von General Motors und Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennisbundes gilt als unerschütterlicher Verfechter der Grundwerte des Sports. Seit einer Woche ist der einstige Tischtennis-Nationalspieler neuer Vorsitzender des Sozialwerks des Sports, seine Amtszeit dauert bis November 2006.

          Schon bevor Sie öffentlich als der Retter der Sporthilfe ausgerufen wurden, galten Sie als das moralische Gewissen des Sports. Hören Sie das gerne?

          Nein, denn das formuliert doch Ansprüche, denen kein Mensch genügen kann. Es wirkt inzwischen einfach ungewöhnlich, daß sich jemand mit den Prinzipien des Sports beschäftigt. Das habe ich getan, das ist eigentlich etwas Selbstverständliches, aber das alleine hat schon genügt, Aufmerksamkeit zu erregen. "Moralisches Gewissen", das trieft ja und ist viel zu hoch gegriffen. Stellen Sie sich vor, daß mal jemand meinen dunklen Seiten auf die Spur kommt...

          Als da wären?

          Ich bin noch zu frisch im Amt, um jetzt schon selbst Enthüllungen vorzunehmen.

          Was meinen Sie mit "Prinzipien des Sports"?

          Zum Beispiel das Fair Play. Die Prinzipien eines Wettkampfes nach Regeln. Darin liegt der Kern des Sports. Und da hat er seine potentielle Vorbildfunktion für die Gesellschaft. Daß junge Leute zwar lernen, sich zu behaupten oder gar durchzusetzen, aber daß sie das im Rahmen von Regeln und in Respekt vor dem anderen tun. Wer so im Sport handelt, wer den Gegner nicht mit unfairen Mitteln austrickst, der wird wahrscheinlich später im Beruf seine Kollegen auch nicht mobben. Es geht einfach um das ganz normale anständige Verhalten dem Gegner oder anderen Menschen gegenüber.

          Glauben Sie denn wirklich, daß diese Kriterien im Sport in besonderem Maße vorzufinden sind?

          Das glaube ich. Ich bin sogar der Überzeugung, daß sich mehr als 90 Prozent aller Sportler nach diesen Kriterien verhalten oder es zumindest versuchen. Wenn ich an den Sport an der Basis denke, an die Millionen von Aktiven in den Vereinen - da werden doch Kameradschaft, Hilfsbereitschaft, Teamgeist und Miteinander täglich tausendfach praktiziert.

          Ihr Vorgänger mußte vor einer Woche zurücktreten, weil er im Bestreben, den Bekanntheitsgrad der Sporthilfe zu steigern, die falschen Mittel wählte. War seine Absicht nicht trotzdem verständlich? Muß die Sporthilfe nicht mehr für sich werben?

          Die Sporthilfe hatte noch nie so viel Publicity wie jetzt - leider aus den falschen Gründen. Wobei zu sagen ist, daß Hans-Ludwig Grüschow ja uneigennützig und ohne jede unlautere Absicht gehandelt und es wirklich nicht verdient hat, in einen Zusammenhang mit dem Begriff Korruption gestellt zu werden. Jedenfalls, die guten Leistungen der Stiftung in der Vergangenheit waren leider selten ein Thema. Sie war insofern Opfer einer Berichterstattungstendenz, in der konstruktive und positive Dinge in der Regel untergehen. Wie die positiven Leistungen der Sporthilfe künftig besser in die Öffentlichkeit zu transportieren sind, das ist eine Frage, die sich meine Mitarbeiter und ich stellen wollen.

          Oliver Kahn und zwei, drei seiner Kollegen dürften schätzungsweise die gleiche Summe verdienen, die die Sporthilfe jährlich für 4000 Athleten ausgeben kann, nämlich zwölf Millionen. Finden Sie das ungerecht?

          Das ist kein Grund, neidisch zu sein, weil diese Superhonorare der Fußballstars ja letztlich durch das Interesse und das Engagement von Millionen Fans zustande kommen. Das ist die Konsequenz einer marktorientierten Gesellschaft, für die sich unser Land in Ermangelung eines besseren Systems entschieden hat und in der ein Dax-30-Chef im Jahr eben fünfzig- oder hundertmal so viel verdient wie ein Facharbeiter. An der richtigen Definition von Gerechtigkeit im sozialen und wirtschaftlichen Miteinander haben sich ja schon viele kluge Köpfe vergeblich versucht.

          Das Gespräch führte Evi Simeoni

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