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Widerstand gegen Fans bei WM : Warnung vor dem Blindflug

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„Wir fordern, dringend darüber nachzudenken, ob eine WM mit Zuschauern in diesen Zeiten jetzt nicht zu risikoreich ist“: Johannes Bitter Bild: Imago

In Zeiten von Corona bleibt die Handball-WM in Ägypten umstritten. Gegen die Zulassung von Zuschauern regt sich weiter Widerstand. Nun wenden sich die Spieler per Brief an den Präsidenten des Weltverbandes.

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          Die Kapitäne 14 europäischer Nationalteams haben gegenüber dem Internationalen Handballverband (IHF) starke Bedenken wegen der geplanten Zulassung von Zuschauern bei der am kommenden Donnerstag beginnenden Weltmeisterschaft in Ägypten formuliert. Ein entsprechendes Schreiben ist dem IHF-Präsidenten Hassan Moustafa zugestellt worden.

          „Wir bringen darin zum Ausdruck, dass wir fordern, dringend darüber nachzudenken, ob eine WM mit Zuschauern in diesen Zeiten jetzt nicht zu risikoreich ist“, sagte Johannes Bitter, der deutsche Vize-Kapitän, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Bitter gehört wie Kapitän Uwe Gensheimer zu den Unterzeichnern des Schreibens, das mit der Spielervereinigung European Handball Professionals Union (EHPU) als offiziellem Absender am Mittwoch an die IHF gegangen ist.

          Handball-WM 2021

          Zu Beginn der Woche hatte die IHF mitgeteilt, dass die vier Hallen bei dem Turnier vom kommenden Mittwoch bis zum 31. Januar zu 20 Prozent gefüllt sein sollen. In Gizeh, wo die deutsche Mannschaft ihre drei Vorrundenspiele gegen Uruguay, Kap Verde und Ungarn austrägt, würde das bei einer Kapazität von 4500 Menschen 900 Zuschauer bedeuten. Ursprünglich war sogar von 30 Prozent die Rede gewesen. Bitter, der selbst schon eine Coronavirus-Infektion hinter sich hat, stellte die Außenwirkung eines solchen Publikumsereignisses in der gegenwärtigen Pandemielage in den Vordergrund.

          „Wir alle hinterfragen es stark, ob man bei der WM in Ägypten Zuschauer zulassen kann, wenn sich zu Hause nicht einmal zwei Familien zum Handballgucken vor dem Fernseher treffen dürfen“, sagte Bitter. „Wir Handballprofis wissen unsere Privilegien zu schätzen. Aber wir haben eine Verantwortung und wollen auch unserer Vorbildfunktion nachkommen. Wir wollen den Fans zu Hause spannenden Sport und gute Unterhaltung in diesen schwierigen Zeiten bieten. Aber nur in einem Maße, das wir ausgewogen finden. Es geht ja im Übrigen auch um unsere Gesundheit.“

          „Wir wollen diese WM spielen“

          Am Dienstag hatte der norwegische Star Sander Sagosen von THW Kiel die Pläne, mit Publikum zu spielen, als „dumm“ bezeichnet. „Die letzten kritischen Äußerungen nicht nur aus Deutschland, sondern auch von Superstars des Handballs wie Sander Sagosen aus Norwegen oder Mikkel Hansen aus Dänemark haben uns zu dieser Forderung gebracht“, sagte Bitter nun. „Wir haben nicht gesagt, wir kommen nicht, sollte der Verband nicht reagieren. Wir wollen diese WM spielen. Aber mit einem besseren Gefühl bei uns und den Fans zu Hause.“ Die IHF war am Donnerstag für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

          Der Deutsche Handballbund (DHB) stärkte den Akteuren den Rücken. „Wir unterstützen unsere Kapitäne, die den Wunsch äußern, keine Zuschauer zuzulassen“, sagte Axel Kromer, der Sportvorstand des DHB, gegenüber der F.A.Z. Die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason hatte am Mittwoch in Graz ihr erstes von zwei EM-Qualifikationsspielen in dieser Woche gegen Österreich absolviert und ist am Donnerstag gemeinsam mit den Österreichern nach Köln geflogen. Dort steht am Sonntag das Rückspiel auf dem Programm, ehe es am Dienstag ins Flugzeug Richtung Kairo geht. Dort werden die Mannschaften – wie auch Organisations- und Hotelpersonal sowie Funktionäre und Sponsoren – Teil einer umfassenden „Bubble“, die während der zweieinhalb Turnierwochen größtmögliche Sicherheit vor dem Coronavirus gewährleisten soll. An den Details des Konzepts wird unterdessen weitergearbeitet.

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          So hatte der DHB nach Kromers Worten von der IHF „klar gefordert“, dass zwischen den Zuschauern und den Teams und Verantwortlichen in den Hallen eine „sehr große Distanz“ sichergestellt sein müsse – mehr, als die Organisatoren ursprünglich vorgesehen hatten, um Kontakte zwischen dem regelmäßig getesteten Personal in der „Bubble“ und externen Besuchern zu vermeiden. Dabei sehe er „eher ein ethisches, moralisches Thema, dass die Zuschauer auf der Tribüne sich untereinander anstecken könnten“, als gesundheitliche Risiken für die Spieler. Die Gefahr, „dass Infektionen von der Tribünenseite in Richtung Spielfeld kommen, kann man nicht zu 100 Prozent ausschließen“, sagte er, sie sei aber „deutlich geringer“.

          Gemeinsame Sprache der Spieler

          Der Infektiologe Stefan Moritz von der Universität Halle hingegen sieht das ganze WM-Unternehmen „schwierig und kritisch“. Moritz hat sich in der Studie „Restart-19“ mit den Risiken und Möglichkeiten von Zuschauer-Events unter Corona-Bedingungen befasst. „Insgesamt stellt sich mir schon die Frage, ob man jetzt ein internationales Turnier durchführen muss“, sagt er. „Im Moment ist jeder Einzelne, der sich ansteckt, einer zu viel.“ Seine Bedenken beziehen sich zum einen auf das Konzept der „Bubble“, das in der Theorie „wunderschön“ sei, dessen Wirksamkeit aber sehr vom Mitmachen der Bewohner abhänge. Was, zum anderen, den Zuschaueraspekt angeht, hänge viel von der konkreten Belüftungssituation in den Hallen ab.

          „Man kann unter gewissen Bedingungen ein Zuschauerkonzept veranstalten, das einigermaßen sicher ist, vorausgesetzt die Lüftung stimmt.“ Sei das nicht der Fall, bestehe durch Aerosole ein Risiko nicht nur für die Zuschauer selbst, sondern auch für die Akteure, insbesondere jene, die nicht in Bewegung seien, also beispielsweise Betreuer auf der Bank oder Ersatzspieler. Das Risiko könne zwar durch Pufferzonen, wie es die Organisatoren planen, gemindert werden. Aber: „Ohne die Lüftung einzelner Hallen anzusehen, ist es ein Blindflug.“

          Kromer hält es unterdessen für möglich, dass zumindest in das Thema Zuschauer durch das Engagement der Spieler noch weitere Bewegung kommt. Es sei der Wunsch „vieler Teilnehmer“, auf Publikum ganz zu verzichten, sagte er. „Wir sind froh, dass die Spieler mit einer gemeinsamen Sprache sprechen.“

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