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Handball made in Germany : Al Dschazira ist erst der Anfang

Neuerdings Handball-Sender: Al Dschazira Bild: AFP

Die Handball-Branche spürt einen starken Aufwind seit den turbulenten WM-Tagen. Nun soll die deutsche Bundesliga zur „Premier League des Handballs“ ausgebaut werden. Der arabische TV-Sender Al Dschazira überträgt bereits die wichtigsten Spiele.

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          Die Sache mit Al Dschazira hat Frank Bohmann doch ein wenig erstaunt. Dass Handball auch in der arabischen Region „sehr populär“ sei, sagt der deutsche Handball-Funktionär, „wusste ich nicht“. Aber ihm kann das natürlich nur recht sein. Al Dschazira jedenfalls, der arabische Fernsehsender, zeigt inzwischen regelmäßig Spiele aus deutschen Handballhallen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die Handball-Bundesliga (HBL), deren Geschäftsführer Bohmann ist, schloss mit Al Dschazira unlängst einen Dreijahresvertrag ab. Mithin ist Handball made in Germany beispielsweise auch in Kabul zu sehen. „Die deutschen Soldaten“, sagt Bohmann erfreut, „können da schön Handball-Bundesliga gucken.“

          „Premier League des Handballs“

          Das Material erhalten die Araber von einem Tochterunternehmen des Sportvermarkters Sportfive, das im Auftrag der HBL Fernsehbilder vom Handball produziert. Auch mit Island ist die HBL bereits ins Geschäft gekommen, und Bohmann ist sich sicher, demnächst zwei oder drei weitere Partnerschaften dieser Art abschließen zu können. Er wähnt sich auf dem besten Weg, damit eine „ordentliche weltweite Verbreitung“ des Handballs aus dem Lande des Weltmeisters erreichen zu können.

          Der jugendliche Aufsteiger: „Bravo Boy” Michael Kraus

          Die Branche spürt einen starken Aufwind seit den turbulenten Tagen bei der Weltmeisterschaft mit faszinierenden Auftritten der deutschen Nationalmannschaft. Und der deutsche Handball soll davon nun möglichst nachhaltig profitieren. Bohmann möchte dabei die nationale Liga, die von den norddeutschen Klubs SG Flensburg-Handewitt und THW Kiel dominiert wird, zur „Premier League des Handballs“ ausbauen. Gerne orientiert Bohmann sich an der ersten englischen Fußball-Liga, die er in puncto Vermarktung für vorbildlich hält. „Sie ist im Fußball“, behauptet er, „kaum noch einzuholen.“ Flugs soll nun die Weiterentwicklung der Handball-Bundesliga vorangetrieben werden - „denn jeder Schritt“, sagt Bohmann, „den wir jetzt nicht machen, den wird eine andere Liga nicht mehr schaffen.“

          Hens und Kraus könnten sich als Idole etablieren

          Die Voraussetzungen, das Ansehen der Bundesliga sowie ihre finanzielle Grundlage weiter zu verbessern, scheinen günstig zu sein nach dem beeindruckenden Werbefeldzug von Henning Fritz und seinen Kollegen bei der WM. In Sachen Zentralvermarktung der Liga, sagt Bohmann, gebe es derzeit „sehr viele Gespräche“, und auch das Sponsoren-Interesse an der Pokalendrunde Mitte April in Hamburg ist inzwischen deutlich gestiegen. „Ich könnte es sicherlich zwei- oder dreifach vermarkten“, sagt Bohmann. In wenigen Wochen wird das HBL-TV zudem sonntagabends ein eigenes Handball-Magazin anbieten; es könnte in Dritten Programmen ausgestrahlt werden.

          Daneben geht es dem Handball darum, seine Protagonisten möglichst dauerhaft im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Das ist jedoch so einfach nicht, schließlich ist das Nationalteam nicht allzu häufig bei bedeutenden Turnieren gefordert; in der Regel rückt es nur einmal im Jahr wirklich in das Rampenlicht. So räumt Bohmann ein, dass nur schwer jemand zu finden sei, „der Erinnerungswert erzeugt“. Dies soll geändert werden, „daran müssen die Handballer arbeiten“, fordert Bohmann. Allerdings wird natürlich nicht jedem Spieler aus der Gemeinschaft von Bundestrainer Heiner Brand zugetraut, sich als Idol zu etablieren und die Massen begeistern zu können. „Es werden sich nicht alle 16 Weltmeister durchsetzen“, sagt Bohmann; nur drei oder vier Spieler, glaubt er, könnten dies schaffen.

          „Keine gebratene Tauben“

          Der Kieler Torhüter Henning Fritz gilt als äußerst populär, nachdem er sich bei der Weltmeisterschaft mit Bravour von seinen Alltagssorgen befreit hatte - und die Deutschen, fast wie einst Andreas Thiel, als „Hexer“ beflügelte. „Seinen Namen wird man noch in 30, 40 Jahren kennen“, findet Bohmann. Allerdings taugt der introvertierte Fritz wohl nicht dazu, sich als großer Unterhalter zu profilieren. Eine solche Rolle fällt eher dem Hamburger Pascal Hens zu - oder Michael Kraus, dem jugendlichen Aufsteiger von Frischauf Göppingen. Der einstige „Bravo Boy“ wird nicht nur von jugendlichen Fans wie ein Popstar verehrt, seit seinen beherzten Darbietungen bei der WM häufen sich auch die Angebote von Vereinen. Ob die Göppinger den Emporkömmling noch lange halten können, ist ungewiss. Forsch planen sie trotzdem ihre Zukunft: Mit dem Schwung der WM will Frischauf sich beispielsweise in der kommenden Saison häufig in der Porsche-Arena in Stuttgart präsentieren.

          Generell registriert der Handball-Manager Bohmann mittlerweile eine „hohe Erwartungshaltung“ in der Bundesliga. Bisweilen geht ihm das aber offenbar ein wenig zu weit. „Ich versuche immer, ein bisschen zu beschwichtigen.“ Schließlich sei es keineswegs so, sagt Bohmann, „dass uns gebratene Tauben in den Mund fliegen“. Auch wenn der Handel mit Al Dschazira das vermuten ließe.

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