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Hamburgs Sportsenator Neumann : „Ohne die Spiele erleben wir eine Monokultur“

Die Frage, wer der geeignete Bewerber ist, wird der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB, d. Red.) entscheiden. Wir sind Hamburger. Wir reden nicht schlecht über andere. Wir reden über uns: Wir wollen nach den Sternen greifen, bleiben aber mit den Füßen auf dem Boden. Unsere Dekaden-Strategie ist ein breitensportlicher Ansatz. Wenn wir Olympia wollen, braucht das eine solide Basis. Die schaffen wir unabhängig von der Entscheidung des DOSB, ob Berlin oder Hamburg Olympiastadt werden darf. Bis 2018 werden wir mehr als 175 Sporthallen in Schuss bringen und eine Viertelmilliarde Euro investieren. Man kann noch so viele Hochglanzbroschüren produzieren. Wenn Sportlerinnen und Sportler in der Sporthalle frieren oder die Dusche nicht funktioniert, ist jede Begeisterung für Olympia perdu.

Braucht der olympische Sport in Deutschland Hilfe?

Nur durch die Spiele schaffen wir es, dem Sport neben Fußball Luft zum Atmen zu verschaffen. Sonst werden wir eine Monokultur erleben, die für unser Land nicht gut ist, für den Sport nicht und für den Fußball auch nicht.

Wenn Sie Zustimmung erwarten, wecken Sie Erwartungen.

Stimmt. In manchen Stadtvierteln Hamburgs haben mehr als fünfzig Prozent der Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund. Aber mein Ruderklub an der Alster hat keinen türkischstämmigen Nachwuchs. Wenn der Deutschland-Achter noch in zwanzig Jahren erfolgreich sein soll, müssen wir dafür sorgen, dass auch ein Mohamed, ein Pierre und ein Sergej mitrudern. Mit dieser Öffnung geben wir unserem Land ein Versprechen: Jedem wird es möglich sein, das Beste aus sich zu machen. Wir fragen nicht, auf welcher Schule du warst, aus welchem Stadtteil du kommst, woher deine Eltern stammen. Aber wir erwarten, dass du dich anstrengst. Was zählt, ist die Leistung, die in dir steckt und die du bereit bist zu geben.

Amerikas Bewerber Boston macht seine Bewerbung nicht von Umfragen abhängig. Aber auf zwei sehr ähnliche Fragen gab es unterschiedliche Antworten: Für Olympische Spiele sind gut sechzig Prozent. Bei der Frage, ob dafür Steuergeld aufgewendet werden soll, fiel die Zustimmung auf dreißig Prozent. Muss man nicht auch hier differenzieren?

Wenn man Olympia und Paralympics als Motor der Entwicklung versteht, muss man auch erwarten, dass demokratisch legitimierte Institutionen Stadtplanung, Stadtentwicklung, Sportentwicklung betreiben. Dafür bedarf es Steuermittel. Der Volkswirt Wolfgang Maennig hat vorgeschlagen, die Spiele privat zu finanzieren ...

... auch um Politiker rauszuhalten.

Davon wiederum halte ich viel. Andererseits halte ich die Coca-Cola-Spiele von Atlanta für nicht gelungen. Soziale Bindung bei Wohnungsmieten ist nur möglich, wenn die öffentliche Hand Zuschüsse gibt. Genau das wollen wir bei einem Drittel der sechstausend Wohnungen erreichen, die in Top-Lage am Wasser entstehen. Wir wollen nicht, dass die Silhouette Hamburgs auf Jahrzehnte von dem Logo eines Soft-Drink-Herstellers oder einer Automarke dominiert wird, das rund ums Olympiastadion angebracht ist. Ich möchte, dass Hamburg von den Hamburgerinnen und Hamburgern umgebaut wird und nicht von fremden Mächten.

Wird das fünf Milliarden Euro kosten, wie es immer heißt, oder eher neun oder mehr?

Ich weiß gar nicht, woher diese Zahlen kommen. Wir definieren jetzt, welche Kostenblöcke es gibt und welche davon Olympia zugeordnet werden. Ein Beispiel: Vom Bau des Olympischen Dorfes mit mehreren tausend Wohnungen, in dem die Athleten ja nur ein paar Wochen wohnen, profitiert der Hamburger Wohnungsmarkt noch Jahrzehnte später. Man muss das aushalten, jetzt keine Kosten beziffern zu können. Wir werden erst genau kalkulieren und dann eine verlässliche Zahl nennen. Auch das ist Hamburger Kaufmanns-Tradition.

Das Gespräch führte Michael Reinsch.

Der deutsche Weg zum Olympiakandidaten

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) will sich mit Hamburg oder Berlin um die Olympischen Sommerspiele 2024 und - im Falle einer Niederlage - um die von 2028 bewerben. Nachdem die Kampagne für Winterspiele in und um München 2022 am Willen der Wahlbürger scheiterte, sollen diesmal erst recht die Bürger zustimmen. Noch in diesem Monat wird das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des DOSB feststellen, wie groß die Zustimmung - manche sagen: Begeisterung - der Berliner und der Hamburger für eine Bewerbung ist. Angeblich erwartet das IOC mehr als sechzig Prozent Zustimmung. Auch auf dieser Basis will das Präsidium des DOSB am 16. März zwischen den beiden Städten entscheiden - oder ganz gegen eine Olympiabewerbung. Am Vortag, dem 15. März, sind die Fachverbände zur Diskussion geladen. Die Mitgliederversammlung des DOSB soll der Entscheidung am 21. März in der Frankfurter Paulskirche zustimmen. Im September wird in der ausgewählten Stadt ein Referendum über die Bewerbung stattfinden. Bei positivem Ausgang meldet Deutschland im gleichen Monat seine Bewerbung beim IOC an. Dieses vergibt die Spiele 2024 im September 2017 in Lima. (re.)

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