https://www.faz.net/-gtl-87h9q

Hamburgs Bewerbung 2024 : Wo das olympische Herz schlagen soll

  • -Aktualisiert am

Blick in die Zukunft: Eine Computeranimation des Olympiageländes. Bild: dpa

Die Hamburger Elb-Insel Kleiner Grasbrook soll mit Hilfe von Olympia 2024 von einer Warenumschlagfläche zum Schmuckstück werden. Die Ziele sind ambitioniert – doch es fehlt noch etwas. Ein Besuch.

          3 Min.

          Man muss vorbei an alten Leiterwagen, gelben Lastern aus den siebziger Jahren und grünen Treckern mit aufgesprungenen Reifen. Nach 500 Metern erreicht man den Ort, der einen Blick auf die Stadt ermöglicht, wie man ihn in dieser aufgeregten Metropole nur ganz selten erhaschen kann. Von der vorderen Spitze des Kleinen Grasbrooks aus weitet sich das Hamburger Panorama plötzlich, und die träge, graue Elbe, Hafen-City, Landungsbrücken, Konzerthaus und Umschlagplätze stechen alle auf einmal ins Auge. Ruhe. Wasser plätschert. Das entfernte „Klong“ beim Verladen der Container. Ein Laster hupt irgendwo. Das Grundrauschen der Stadt, wahrgenommen auf einer Insel der Stille. Was natürlich auch daran liegt, dass auf dem Kleinen Grasbrook gerade nichts umgeschlagen wird.

          Wer hier steht und schaut, bekommt ziemlich viel von dem geliefert, was die Hansestadt atmosphärisch ausmacht. Wer hier steht, bekommt eine beeindruckende Vorstellung davon, dass das, was so schnöde „Kleiner Grasbrook“ heißt, ein Filetstück ist, nach dem sich Investoren, Stadtplaner und Wohnungsbauer die Finger lecken müssten.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Auf dieser 45 Hektar großen Elbinsel mit dem atemraubenden Blick soll in neun Jahren das olympische Herz Hamburgs schlagen. Vorn, an der Spitze, ist die Olympiahalle für Turnen und Basketball geplant. Etwas versetzt nach hinten soll die Olympia-Schwimmhalle stehen. Und im Kern dieses spitz zur Elbe hin zulaufenden Areals soll das Olympiastadion gebaut werden; davor, von Süden aus geschaut, das Olympische Dorf.

          Der Grasbrook als olympisches Schmuckstück - das hatten sich auch die Olympiaplaner bei der vergangenen, 2003 im nationalen Wettbewerb der Stadt Leipzig unterlegenen Bewerbung ausgemalt. Fünf Jahre danach sollte hier eine mehrere hundert Meter lange Wohnbrücke namens „Living Bridge“ entstehen. Das spektakuläre Projekt sollte die nördliche Hafen-City mit dem Grasbrook verbinden. Als dieses verworfen wurde, überlegte man im selben Jahr, die altehrwürdige Universität hierhin zu verlegen. Auch dieser Plan scheiterte. Hinter all diesen Ideen, Überlegungen, Vorhaben steht die erhoffte Verschränkung des Hamburger Südens mit dem Norden, der „Sprung über die Elbe“.

          Nun sollen (wieder) die Olympischen Spiele den städtebaulichen Masterplan befeuern, den Hafen etwas zur Seite zu schieben und die sozial schwächer gestellten Quartiere südlich des Stroms näher an die Innenstadt und die reicheren Viertel zu bringen. „Wir verbinden Sport und Stadtentwicklung“, sagt Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter, „und die Olympic City ist unser Scharnier.“ Nach den Spielen sollen 6000 Wohnungen auf dem Olympiagelände entstehen, davon ein Drittel als bezahlbare Sozialwohnungen. Walter kommt in Fahrt, wenn er auf Plänen und Schautafeln vorzeigt, was auf dem Grasbrook alles entstehen soll. „23 Sportstätten haben wir schon, nur fünf müssten neu gebaut werden, davon drei auf dem zentralen Olympiagelände“, sagt er. „Wir wollen keine weißen Elefanten, wir wollen sinnvolle Nachnutzung.“

          Im zurückgebauten Olympiastadion sollen Leichtathletik-Wettkämpfe ausgetragen und Wohnungen gebaut werden, die Schwimmhalle wird zum Spaßbad, die Olympiahalle zum Kreuzfahrtterminal. Sollte alles so kommen, wäre das neue Viertel mit Wassernähe, Grünflächen, Geschäften und einem Park wohl ein Prunkstück. Wer den Grasbrook einmal begangen hat, erfährt, dass kompaktere Spiele kaum denkbar und möglich sind. Mit einer neuen U-Bahn-Station angeschlossen oder über eine neue Elb-Brücke zu Fuß erreichbar, wäre der Grasbrook für die an Olympiatagen eingeplanten 90.000 Besucher bequem und ohne Autos zu erreichen. „Wir sind mitten im Wasser, mitten in der Stadt“, schwärmt Walter. Blickbezüge durch offene Tribünen aus dem Olympiastadion in die City und zum Hafen sollen daran erinnern, dass hier nichts auf der grünen Wiese entstanden ist, sondern nur 1,2 Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt.

          Hamburgs Bewerbung ist abgeschickt.

          Doch wer das Gelände heute anschaut, merkt sofort, wie viel noch fehlt. Es ist nur eine kleine, zweispurige Straße, die fast verschämt, vom Moldauhafen kommend, auf den Grasbrook führt. Von Bäumen gesäumt und durch Schlagbäume abgetrennt - wir sind im Zollgrenzgebiet - erreicht man eine fleckig asphaltierte, riesengroße Abstellfläche. Zur rechten liegen Lagerhallen - von dort aus werden pro Jahr 550.000 Tonnen Früchte umgeschlagen, vor allem Bananen. Überall stehen zudem in langen Reihen ausrangierte Fahrzeuge. Buntscheckig, mit schwedischen, deutschen, tschechischen Aufschriften. 200.000 Autos, Laster und anderes auf vier Rädern wird vom Grasbrook aus jedes Jahr verschifft, vor allem nach Afrika. Container sind zu sehen, riesige Hafenkräne. „Das künftige Olympiagelände ist derzeit noch ein Universalterminal“, sagte Uwe Köhler, Sprecher des größten Hamburger Hafenbetriebs Hhla. Man braucht Phantasie, um sich Olympia auf dem Grasbrook vorzustellen. Oder, besser noch: Computersimulationen.

          Sollte Hamburg im Herbst 2017 in Lima den Zuschlag für die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele bekommen, wäre der Zeitplan sehr eng. Für die Umsiedlung der Hafenbetriebe und den Neubau des olympischen Kernstückes blieben nur sieben Jahre. Was das alles kosten wird? Hamburgs Regierung will die Kosten noch vor Beginn des Referendums offen legen. Derzeit geht es vor allem darum, wie viel der Bund, wie viel Hamburg übernehmen wird. Und sollte es dann 2017 soweit sein, könnten im vierten Anlauf wirklich die Bagger anrollen, um aus dem Kleinen Grasbrook mehr zu machen als eine große Umschlagfläche in bester Lage.

          Zeitplan für Olympia

          Der Zeitplan für die Bewerbung um die Olympischen Spiele 2024 bis zur Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Sommer 2017 in Lima/Peru:

          9. September: Hamburg schickt die Bewerbungsunterlagen zum IOC nach Lausanne.

          15. September: Die Bewerbungsfrist endet.

          7.-9. Oktober: IOC-Seminar zur Information der Bewerberstädte für Olympia 2024.

          29. November: Die Hamburger und Kieler Bürger entscheiden in eigenen Referenden, ob sich der DOSB mit Hamburg und dem Segelstandort Kiel um Olympische Spiele 2024 bewerben soll. Stimmen Sie dafür, geht der Bewerbungsprozess wie folgt weiter:

          Anfang Februar 2016: Abgabe des ersten Teils der verbindlichen Unterlagen beim IOC. Das sogenannte Bid Book wurde in drei Teile aufgesplittet. Die beiden anderen Teile folgen bis 2017.

          5.-21. August 2016: Die Bewerberstädte nehmen bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro am Beobachterprogramm des IOC teil.

          Februar/März 2017: Besuch der IOC-Evaluierungskommission in den Bewerberstädten.

          Juni 2017: Veröffentlichung des IOC-Evaluierungsberichtes.

          Sommer 2017: Die IOC-Session wählt in Lima/Peru die Olympia-Stadt für die Sommerspiele 2024. (dpa)

          Weitere Themen

          Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß Video-Seite öffnen

          „Ich habe fertig“ : Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß

          Seit 1970 war Hoeneß als Spieler, Manager oder Präsident beim FC Bayern tätig und wurde in dieser Zeit zu einer polarisierenden Persönlichkeit des deutschen und internationalen Fußballs. Am Freitag war es für den Weltmeister von 1974 an der Zeit, zu gehen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.