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Hamburger Olympia-Bewerbung : Das Tor zur großen Sportwelt

Hamburg, olympische Perle? Die Hansestadt hat das Zeug zum Ausrichter der Sommerspiele zu werden Bild: dpa

Die Entscheidung des DOSB, mit Hamburg in das Rennen um eine Olympia-Kandidatur zu gehen, fällt überraschend deutlich aus. Die Bewerbung bietet Chancen – aber es muss mit heftigem Gegenwind gerechnet werden.

          Die Wahl Hamburgs zur neuen deutschen Olympia-Stadt ist keine Überraschung. Vor einer Woche hatte sich schon abgezeichnet, dass die Hansestadt im Rennen um die Auswahl als deutscher Kandidat für die Olympischen Sommerspiele und die Paralympics 2024 sowie 2028 gegenüber Berlin deutlich vorne lag. Die Norddeutschen hatten mehr Bürger hinter sich versammeln können bei einer repräsentativen Umfrage, 64 Prozent, die Hauptstadt nur 55.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das konnte man schon als Vorentscheidung werten, weil der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, sicher gehen musste: Nur ein Erfolg beim von der Politik erzwungenen Bürgerentscheid im September bringt das Olympiaprojekt ins Laufen. Die Mehrheit der Bewohner muss für die Bewerbung stimmen. Andernfalls würde es auf Jahrzehnte hinaus keine Spiele in Deutschland geben und die dringend notwendige Reform des Leistungssports schon im Ansatz zusammenbrechen. Hörmann, der stringente, analytische Unternehmensführer, wäre gescheitert.

          Das Rückgrat des Spitzensports

          Die Fachverbände des deutschen Sports, die Berlin favorisierten, Leichtathletik, Turnen, Schwimmen, der Basketball und andere sahen diese Entwicklung auf sich zukommen und versuchten noch am Sonntag gegenzusteuern mit einer Abstimmung unter den olympischen Verbänden. Ein taktisches Manöver, das die DOSB-Führung eigentlich hatte vermeiden wollen. Aber genau diese geheime Wahl im Kreis der Sportexperten, die quasi das Rückgrat des Spitzensports bilden, entwickelte sich zum Glücksfall für Hörmann: Statt des erwarteten Votums pro Berlin kam es zu einer erstaunlichen Wertung zu Gunsten Hamburgs, als das geschlossene Kuvert in der Stunde der Abstimmung im Präsidium geöffnet wurde.

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          Von den 33 abgegebenen Stimmen erhielt die Hansestadt 18, Berlin elf, vier waren für beide: Das ist die Überraschung. Und das war vielleicht der letzte Öffner für das Tor zur großen Sportwelt. Weil auch die Runde aus Sportexperten, Gästen aus der Politik, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft am Montag mit überwältigender Mehrheit zu Hamburg rieten, hatten Hörmann und seine sieben anwesenden Präsidiumsmitglieder gar keine Wahl mehr: Fachverbände für Hamburg, Experten für Hamburg, die Umfrage für Hamburg. Da brauchte der Präsident gar nicht mehr abzustimmen, er enthielt sich: „Das Präsidium“, sagte Hörmann, während die Kolleginnen und Kollegen hinter ihm feierlich Aufstellung nahmen in einem Frankfurter Hotel, „hat sich mehrheitlich für Hamburg entschieden und steht jetzt einmütig hinter dieser Wahl.“

          De jure handelt es sich um eine Empfehlung für die Außerordentliche Mitgliederversammlung am kommenden Samstag in der Frankfurter Paulskirche. Die Zustimmung könnte dann 100 Prozent erreichen. Denn der deutsche Sport weiß nun, dass allein Hamburg seine Chance ist: „Die Diskussion“, fügte Hörmann hinzu, „hat unseren Horizont auf die olympische Idee und das große Ganze gelenkt.“

          Was ist das große Ganze? Jedenfalls noch nicht die Rückkehr der Olympischen Spiele nach Deutschland. Vorher muss Hamburg die entscheidende nationale Hürde überspringen. Der Gegenwind wird zunehmen, wenn die Diskussion um die Finanzierung der Spiele beginnt, wenn sich die Olympiagegner formieren. Aus Berlin kam quasi mit der Wahlentscheidung die Nachricht von der Anti-Olympia-Front. Sie formiert sich erst, sie läuft sich jetzt erst warm, sie ist natürlich nicht auf eine Stadt fixiert und Hamburg nur etwas mehr als eine Zugstunde von der Hauptstadt entfernt.

          Ist zufrieden mit der Entscheidung: DOSB-Chef Alfons Hörmann

          Neben den sportfachlichen Fragen am Sonntag, aber auch Montag, hatten die Kandidaten zu diesem Albtraum des deutschen Sports Stellung nehmen müssen: Wie bekommen sie ihre Bürger ins Boot, wie halten sie ihren Vorsprung vor der kritischen Grenze von knapp mehr als fünfzig Prozent aufrecht? Hamburg soll unter Leitung seines Innen- und leidenschaftlichen Sportsenators Michael Neumann am Montag eine exzellente Präsentation gelungen sein mit der Vorstellung eines Konzeptes für eine Hafeninsel, die der Bewerbung laut Hörmann ein international erkennbares „Gesicht“ geben werde.

          Neumann gab aber auch eine Antwort auf die heikle Frage, die offenbar mehr überzeugte als die Variante der Berliner, wie Ohrenzeugen berichteten, die sich als neutrale Berater bezeichneten. Dabei beeindruckte angeblich der Schachzug Neumanns, eine Grünen-Politikerin aus der Hamburger Koalition präsentiert zu haben mit ihrem bürgernahen Ansatz: Partizipation. „Nur im ständigen Dialog mit den Bürgern wird es uns gelingen, die Vision Wirklichkeit werden zu lassen“, sagte Hörmann vor Beginn der schwierigen Aufgabe. Der Allgäuer begann schon am Montag mit der Annäherung. Er verabschiedete sich ganz norddeutsch: „Moin moin, das müssen wir ja jetzt lernen.“

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