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Gretel Bergmann wird 100 : Der Sprung des Lebens

„Den inneren Frieden gesucht und gefunden“: Margaret Lambert, geborene Bergmann Bild: AP

Gretel Bergmanns Tragödie ereignete sich vor fast 80 Jahren, ist aber aktuell: Wie geht der Sport um mit Menschen, die diskriminiert werden sollen, und solchen, die diskriminieren?

          Was kann man von den Alten lernen? Im Sport angeblich wenig. Zumal das Rentendasein im Schnitt mit Dreißig beginnt. Vierzig, fünfzig Jahre später kursieren dann nur noch die Anekdoten längst verblasster Zeiten, Geschichten von Heldentaten in Arenen aus einer Zeit, die sich kaum jemand mehr vorstellen kann; als man dreimal in der Woche am Feierabend trainierte - für den Olympiasieg.

          Bei Margaret „Gretel“ Bergmann verhält es sich anders. Ihre Tragödie ereignete sich zwar vor fast 80 Jahren, ist aber aktuell: Wie geht der Sport um mit Menschen, die diskriminiert werden sollen, und solchen, die diskriminieren? Die Hochspringerin aus Laupheim bei Ulm galt vor den Sommerspielen 1936 in Berlin als Kandidatin für die Goldmedaille, als jüdische Hoffnung.

          Weil die amerikanische Mannschaft einen Boykott für den Ausschluss der Juden von den Spielen androhte, nahmen die Nazis die beste Deutsche in ihren Olympiakader auf. Aber einen Tag nachdem das Schiff mit der Auswahl der Vereinigten Staaten New York verlassen hatte, strichen sie die leidenschaftliche Leichtathletin wieder aus dem Kader. Kein Team wagte es, gegen diesen Rassismus energisch zu protestieren, geschweige denn dem Sportfest Hitlers mit einem Rückzug von den Wettkämpfen die Propagandawirkung zu nehmen. Gretel Bergmann blieb allein.

          Sie hat noch weit Schlimmeres erlebt als die Zerstörung ihres Traumes von Olympia, der Quelle des Sports. Obwohl sie nach New York ausreisen konnte und ihren Eltern samt Bruder die Flucht vor den Mördern gelang. Die Familie ihres Mannes, Bruno Lambert, wurde ermordet. Die Wut, der Hass auf ihre Landsleute hat sie jahrzehntelang gepeinigt.

          Es gab viel zu lange kein Zeichen, das neues Vertrauen geschaffen hätte bilden können bei einem traumatisierten Menschen. Im Gegenteil. In der jungen Bundesrepublik konnte ein Mann zum Präsidenten des hehren Nationalen Olympischen Komitees aufsteigen, der nicht nur Bergmanns offizielle Ausladung aus dem Olympiateam verfasst hatte. Karl Halt war NSDAP-Mitglied, SA-Mann, hatte Konzentrationslager vor dem Krieg besucht und war 1937 mit einem Aufnahmeantrag an die SS gescheitert. Trotzdem wählten die Bundesdeutschen den ehemaligen Zehnkämpfer und Banker zum Ehrenpräsidenten des NOK und des Leichtathletik-Verbandes.

          Also musste Gretel Bergmann noch einmal springen, mit 85: 1999 kehrte sie auch auf Vermittlung von NOK-Präsident Walther Tröger erstmals wieder in ihren Heimatort zurück: „Ich habe meinen inneren Frieden gesucht und gefunden“, sagte sie jüngst dem „Olympischen Feuer“. Ein größerer Sprung ist Menschen kaum möglich. An diesem Samstag wird Gretel Bergmann 100 Jahre.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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