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Neue IOC-Mitglieder : Weder Infantino noch „Shakespeare“

  • -Aktualisiert am

Keine leichte Zeit in der Sportpolitik: IOC-Präsident Thomas Bach Bild: AP

Im August vor Olympia in Rio werden neue Mitglieder ins IOC gewählt. Nun liegt die Vorschlagsliste vor. Auf ihr fehlen allerdings zwei wichtige Namen.

          Der Heilige Vater hat vorigen Sonntag den neuen Fußball-Weltpräsidenten Gianni Infantino empfangen, aber so schnell färbt Heiligkeit natürlich nicht ab. Und außerdem konnte Papst Franziskus den Schweizer auch gleich wieder dahin zurückschicken, wo er herkam. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) dagegen müsste eine ganze Weile mit ihm klarkommen. Zwar wäre es normal, dass der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) auch in den Kreis der Olympier aufgenommen wird.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Joseph Blatter jedenfalls war ex officio dabei, sein Vorgänger Joao Havelange gar als Individuum. Aber diesmal greift das IOC nicht so schnell zu. Infantinos Namen fehlt auf der Vorschlagsliste der Mitglieder-Wahlkommission, die im August der Vollversammlung in Rio de Janeiro zur Absegnung vorgelegt wird. Ist der Walliser, der sich gerade mit rüden Methoden seinen Weltverband gefügig zu machen versucht, ein zu unsicherer Kantonist? Oder gibt es gar Zweifel, dass er in zwei Monaten noch seine präsidialen Befugnisse haben wird?

          IOC-Präsident Thomas Bach lässt sich auf solche Fragen naturgemäß nicht ein und spielt lieber auf Zeit. Man wolle sich erst ein komplettes Bild der Top-Funktionäre verschaffen und dann auswählen. Die Weltverbände im Schwimmen und Turnen wählten ihre neuen Präsidenten aber erst nach Rio, dazu gebe es auch gute Präsidenten in anderen Sportarten und man habe nur vier Plätze frei. So begründete Bach auch das Fehlen eines weiteren großen Namens auf der Liste, die unter der Leitung der britischen Prinzessin Anne und gewiss nicht ohne Rücksicht auf seine Wünsche erstellt wurde: Lord Sebastian Coe, Goldmedaillengewinner 1980 und 1984, Bachs Freund und Weggefährte seit 35 Jahren.

          Der Engländer, seit dem vergangenen August Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), wäre eigentlich der logische Nachfolger des Senegalesen Lamine Diack als IOC-Mitglied. Aber da haben wir auch schon den Kern des Problems, den Bach elegant ausgeklammert hat: Diack wurde in Frankreich wegen Korruption angeklagt, die Vorwürfe beziehen sich vor allem auf die Vertuschung von Doping-Fällen und die Erpressung von Doping-Sündern aus Russland.

          Coe und Bach sind „Professor“ und „Shakespeare“

          Die Frage, wie viel Coe in seinen acht Jahren als Vizepräsident von den Machenschaften wusste, ist ungeklärt. Auch Coes Rolle bei der Vergabe der Leichtathletik-WM 2021 ohne Ausschreibung zum Jubiläum des Sportartikel-Herstellers Nike an dessen Sitz nach Eugene (Oregon) ist verdächtig: Er beendete einen Beratervertrag mit Nike erst Monate nach seiner Wahl zum Präsidenten.

          Dass Coes Wahlkampf finanziell vom Fußballclub FC Chelsea unterstützt wurde, der dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch gehört, ist ein weiterer heikler Punkt, besonders, wenn man den schweren Schaden betrachtet, den das russische Sport-Netzwerk mit seinem Doping-System der Leichtathletik und ganz Olympia zugefügt hat. Nebenher betreibt der IAAF-Präsident auch noch eine Agentur für Sportmarketing namens CSM. Bach, der als IOC-Präsident nur eine regionale Position in der Wirtschaft behielt, dürften diese vielen Verquickungen nicht gefallen. Sie nennen sich scherzhaft „Professor“ (Coe an Bach) und „Shakespeare“ (Bach an Coe). Aber IOC-Mitglied wird Lord Sebastian vorerst nicht.

          Wenigstens ein Umstrittene-Mitglieder-Thema kann das IOC also von sich und den Spielen in Rio de Janeiro fernhalten, die am 5. August eröffnet werden. Dagegen grassiert das Zika-Virus weiterhin im olympischen Kraftfeld. Eine Abordnung des Veranstalters, mit Organisationschef Carlos Nuzman an der Spitze, hat sich alle Mühe gegeben, dem Exekutivkomitee, das von Mittwoch bis Freitag in Lausanne tagte, die Sorgen zu nehmen. Nuzman präsentierte ein Schaubild, das sich auf das vom selben Moskito übertragene Dengue-Fieber bezieht und das belegen soll, wie gravierend die Infektionsfälle im brasilianischen Winter, also pünktlich zu Olympia, zurückgehen. Dann ist der betreffende Moskito weniger aktiv.

          Nuzman führte noch einmal die Formulierung der Welt-Gesundheitsorganisation WHO ins Feld, nach deren Einschätzung es „keine Gesundheitsgefährdung gibt, die es rechtfertigen würde, die Spiele zu verschieben oder abzusagen“. 150 namhafte internationale Wissenschaftler hatten dies zuletzt gefordert, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, das unter anderem bei ungeborenen Kindern Missbildungen des Kopfes verursachen kann. Einige bekannte Sportler wie der spanische Basketballstar Pau Gasol und der Golfer Rory McIlroy haben bereits ihren Olympia-Verzicht mit Zika begründet.

          Auch der Ticketverkauf geht voran

          Nuzman bemühte sich auch, die Sorgen über unfertige Sportstätten zu zerstreuen. Das Training, das statt eines Test-Events auf der Radrennbahn abgehalten werden soll, könne am 25. und 26. Juni stattfinden. Auch die Tennisplätze und die Reitanlage würden rechtzeitig fertig. Der Ticketverkauf gehe voran - zwei Drittel habe man unter die Leute gebracht. Und auch die Wasserverschmutzung habe man im Griff. Ob all das der Wahrheit entspricht, wird Bach demnächst persönlich überprüfen. Der IOC-Chef wird vom 14. Juni an drei Tage in Brasilien verbringen, neben vielen anderen Terminen wird er auch den neuen Präsidenten Michel Temer in Brasília treffen. Dass das Impeachment-Verfahren gegen dessen Vorgängerin Dilma Rousseff drei Tage vor der Eröffnungsfeier abgeschlossen wird, werde die Spiele nicht beeinflussen, meinte Nuzman.

          Die positiven olympischen Nachrichten kreierte sich die IOC-Exekutive selbst. Bach gab die Besetzung des Flüchtlings-Teams bekannt, das in Rio unter olympischer Flagge mit vom IOC finanzierter Rundumbetreuung am Start sein wird. Zehn Athleten vertreten die Heimatlosen, die unter anderem von den Nationalen Olympischen Komitees ihrer Aufnahmeländer betreut werden. Zwölf Funktionäre werden sie begleiten. Die 18 Jahre alte syrische Schwimmerin Yusra Mardini ist auch dabei. Sie lebt und trainiert in Berlin.

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