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Gewichtheber-Diktator Ajan : Schreckensherrschaft durch Cash

Kommt Tamas Ajan noch einmal zurück und bestraft alle Kritiker? Bild: Reuters

Unterschlagung, Korruption und Geldwäsche? Das Stemmen von Geldkoffern muss Tamas Ajans Alltag gewesen sein. Nun drohen dem Gewichtheber-Diktator juristische Konsequenzen.

          4 Min.

          Als am 8. Mai die Ermittler den Tresor im Budapester Büro des Gewichtheber-Weltverbands IWF öffneten, war er leer. Ein Foto davon ist in dem Bericht des kanadischen Juristen Richard McLaren zu sehen, der beauftragt war, die jahrzehntelangen Machenschaften des Präsidenten Tamas Ajan zu untersuchen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Der 81 Jahre alte Ungar, der am 22. Januar suspendiert wurde und am 15. April nach 44 Jahren an der Spitze zurücktrat, hatte keinen Krümel von seinem liebsten Machtinstrument, dem Bargeld, zurückgelassen. Sein Führungsstil war geprägt von der „Tyrannei durch Cash“, wie es in dem am Donnerstag veröffentlichten Report genüsslich heißt. Allein für die zehn Jahre zwischen 2009 und 2019 entdeckten die Ermittler Bargeldflüsse in Höhe von 27,8 Millionen Dollar (24,47 Millionen Euro). Teils stammt das Cash aus Abhebungen, teils aus bar bezahlten Strafen der Nationalverbände für Doping-Vergehen, teils aus Akkreditierungs- und Lizenzgebühren, teils sogar von Sponsoren.

          Ajans Finanzgebaren steht im Mittelpunkt dieses Berichts, den die IWF in Auftrag gab, nachdem in einer Dokumentation der ARD massive Vorwürfe gegen ihn erhoben worden waren. Alles andere hängt damit zusammen. Mindestens 40 vertuschte Doping-Fälle. Manipulation der Wahlkongresse 2013 in Moskau und 2017 in Bangkok, der einzigen, bei denen er sich eines Gegenkandidaten erwehren musste. Günstlingswirtschaft, Einschüchterung, Herrschaft durch Belohnung und Strafe.

          Ajan, heißt es bei McLaren, habe die Organisation im „eisernen Griff“ gehalten. Niemand sonst hatte Einblick in die Geschäfte, weder die Mitglieder des Vorstands noch der Schatzmeister. Der Generalsekretär war und ist – noch – sein Schwiegersohn Attila Adamfi. Ajans Management-Stil stamme aus der Ära der Sowjetunion, analysiert McLaren, dessen tadelloser Ruf auf seiner Aufdeckung des russischen Staatsdopings beruht. Darum hätten die ehemaligen Sowjetrepubliken zu seinen engsten Verbündeten gehört. 24 Jahre als Generalsekretär und 20 als Präsident hatte Ajan den Gewichtheber-Sport unter seiner Kontrolle. In einem offenen Brief bestritt er am Donnerstagabend alle Vorwürfe.

          Das Stemmen von Geldkoffern muss Ajans Alltag gewesen sein. Unklar ist trotzdem, wie die Akteure die zum Teil sechsstelligen Dollarsummen über internationale Grenzen brachten. Von einer unangenehmen Autofahrt albanischer Verbandsvertreter von Tirana über Belgrad nach Budapest ist da die Rede, auf der mehrere Personen Geld unter sich aufteilten, um nicht gegen Transfergesetze zu verstoßen.

          Wie Ajan es im März 2014 geschafft hat, 444.657 Dollar (394.669 Euro) von den asiatischen Juniorenmeisterschaften und dem asiatischen Gewichtheberkongress in Thailand nach Hause zu schaffen, bleibt ungeklärt. Die Gesetze hätten es erfordert, die Summe auf 45 Leute zu verteilen. Vielleicht half ihm ja auch hier sein Neffe bei der Organisation, den er immer wieder als seinen „Finanzassistenten“ akkreditieren ließ. Der Bericht stellt die Vermutung auf, dass Ajan sein Diplomatenpass hilfreich gewesen sein könnte.

          Der kanadische Jurist Richard McLaren beschreibt Ajans Führungsstil: Geprägt von der „Tyrannei durch Cash“.

          Fest steht: Er riss in diesen Tagen in Thailand 18 Quittungen aus seinem altmodischen Block mit den Kohlepapier-Kopien, McLaren nennt ihn „wunderlich“. Doch was so nostalgisch daherkam, gehörte zu einem Geschäftsgebaren, mit dem sich Ajan den kompletten Weltverband und große Teile der Nationalverbände untertan machte. Zwischen 2009 und 2019 hat Ajan mindestens 574 solcher Quittungen für etwa 6 Millionen Dollar (5,32 Millionen Euro) ausgestellt. Die Numerierung legt nahe, dass 133 Quittungen fehlen. Die Originalblöcke sind verschwunden. Von 10,4 Millionen Dollar 9,23 Millionen Euro) fehlt jede Spur.

          Die Amerikanerin Ursula Papandrea, die Interimspräsidentin des Weltverbandes, auf deren Schultern vorerst die Last des Ajan-Erbes liegt, hat angekündigt, die Ergebnisse der McLaren-Untersuchung an die Strafverfolgungsbehörden der betroffenen Länder weiterzuleiten. Das im Bericht Beschriebene sei „absolut inakzeptabel und möglicherweise kriminell“. Der Vorwurf der Geldwäsche steht im Raum, und die Beweislage dürfte belastbar sein. Zu McLarens Team gehörte Steve Berryman, der eine führende Rolle in den Ermittlungen der amerikanischen Justiz gegen den Fußball-Weltverband Fifa spielte.

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          Auch ein Experte für Geldwäsche wurde hinzugezogen. Christian Baumgartner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber (BVDG) und ein zäher Gegenspieler von Ajan, hat ein Auge darauf, dass die Behörden auch wirklich eingeschaltet werden, sei es in der Schweiz, am juristischen Sitz des Weltverbandes, in Ungarn, wo sich das Büro befindet, oder gar in den Vereinigten Staaten, deren nationaler Verband wie alle anderen zu den Geschädigten gehört. „Wenn klarwürde, dass in dieser Richtung nichts passiert, wird der BVDG dafür sorgen“, sagte er dieser Zeitung.

          Atemberaubende Unverfrorenheit

          Nach dem Ende der Schreckensherrschaft sieht Baumgartner die IWF, die ihren Anti-Doping-Kampf auf Druck des Internationalen Olympischen Komitees bereits an externe Institutionen delegiert hat, aber sogar auf einem guten Weg. Davor stehen massive Aufräumarbeiten. Ihr Ziel sei es, sagte Papandrea, die IWF zu einem vorbildlichen Verband der olympischen Bewegung zu machen. Eine der größten Schwierigkeiten dabei ist es, dass ihr Vorstand, und auch sie selbst, zu großen Teilen von Ajan ins Amt gehoben wurden. Auch Papandrea, im Jahr 2017 als eine für harmlos gehaltene Quotenfrau – eine Enttäuschung für Ajan.

          Dass internationale Sportfunktionäre sich durch Korruption ihre Hausmacht sichern, ist nichts Besonderes. Die Unverfrorenheit, mit der Ajan es tat, ist trotzdem atemraubend. Mit Hilfe von Wahlmaklern wurden Stimmen gekauft – 2017 gewann er die Wähler aus Afrika und Asien für sich, es ging um 5000 bis 30.000 Dollar (4437 bis 26.627 Euro), aber auch um Kreuzfahrten und Nächte in Fünf-Sterne-Hotels. Die Gruppe reiste mit einem gesonderten Flugzeug nach Bangkok und blieb dort bis zur Wahl in einer Art Quarantäne. In der Kabine mussten sie ihre ausgefüllten Stimmzettel fotografieren – ein Foto im Report zeigt Blitzlicht in zwei Kabinen. Nach Vorlage dieser Fotos erhielten sie ihr Bestechungsgeld – Zeugen beobachteten eine Schlange vor einem Hotelzimmer. Der Geldverteiler war laut Bericht Generalmajor Intarat Yodbangtoey aus dem Gastgeberland, aktuell Erster Vizepräsident der IWF. Man werde, sagte Papandrea, für die Neuaufstellung Hilfe von außen brauchen.

          Wie stark Ajans Netzwerk noch ist und wie groß die Angst vor ihm, zeigt sich darin, dass kaum ein führender Funktionär mit McLarens Ermittlern kooperieren wollte. Nur zwei der fünf Vizepräsidenten des Weltverbandes, einer von fünf Kontinentalpräsidenten und nur vier von zwanzig kontaktierten Präsidenten der Nationalverbände seien bereit gewesen, sich einzubringen. Baumgartner sagte zwei Stunden lang aus und lieferte Unterlagen. Aber damit gehörte er zur Minderheit, was zeigt: Ajan mag erledigt sein, sein Gespenst ist noch da.

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