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Kommentar zu sexueller Gewalt : Gefährliche Nähe im Sport

  • -Aktualisiert am

Missbrauch mit schlimmen Folgen: Opfer und Zuhörer beim Prozess gegen den amerikanischen Turn-Trainer Larry Nassar. Bild: Reuters

Gibt es mehr Fälle von sexueller Gewalt im Sport, als es die Prozesse zuletzt glauben machen? Es wird viel zum Schutz getan. Doch es herrscht auch die Furcht vor einer „zweiten katholische Kirche im Sport“.

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          Gedemütigt, misshandelt, vergewaltigt. Sportlerinnen mussten diese Peinigung von gestern auch noch detailliert vortragen. Ihrem Anwalt, ihrem Vereinschef, ihrem Verbandsboss, dem Gericht, dem Verteidiger des Angeklagten, Journalisten, der Öffentlichkeit. Unter Tränen, mit dem Ablauf des Geschehens vor dem geistigen Auge alles wieder hervorziehen, damit die Welt da draußen das Geschehene verstehen, einordnen und annehmen kann, endlich die Wahrheit begreift und handelt. Der Rechtsstaat fordert die zweite Entblößung, diesmal nicht nur vor den Augen des Täters. Wer würde sich nicht schämen, wer hätte keine Angst, wer würde sich schon wieder der Pein aussetzen wollen?

          Wahrscheinlich haben die wenigsten die Kraft dazu. Gibt es also viel mehr Fälle von sexueller Gewalt im Sport, als es die Prozesse der jüngeren Vergangenheit glauben machen? Die Verurteilungen im Kunstturnen der Vereinigten Staaten, die Vorwürfe im Skisport der Österreicher, der Verhandlungsbeginn am vergangenen Mittwoch im Fall deutscher Kanufahrerinnen. Schon eine beiläufige Bemerkung zur Problematik im Bekanntenkreis führt zur Schilderung eines eindeutigen Missbrauchsversuchs im Schwimmtraining zu Kindertagen. Die spärliche Bekleidung, der plausible Körperkontakt als Hilfestellung, das ist allen klar, erleichtert den Übergriff in der Turnstunde des Dorfvereins.

          Seit Jahren versucht die Deutsche Sportjugend, die Aufmerksamkeit zu lenken, Verhaltensregeln vorzuschreiben, Kinder zu schützen. Das wirkt. Aber es ändert nichts an gefährlichen Konstellationen im Spitzensport. Er ist streng hierarchisch organisiert, nicht nur in den Förderkompanien der Bundeswehr. Die Entscheidung der im doppelten Sinne Vorgesetzten (wie Trainer) über Nominierungen, Versetzungen, Startrecht begünstigt die Entstehung und Entwicklung von Abhängigkeitsverhältnissen, die nicht selten in sehr persönliche Beziehungen münden. Gegenwärtig ist noch die Klage junger Schiedsrichter über den Zusammenhang von sexuellen Diensten und Beförderungen. Oder die ekelerregende Beschreibung einer „Dienstbesprechung“ des Chefs mit einer Ski-Langläuferin „in der Sauna“.

          Es gibt aber auch eine subtilere Form der Annäherung, die Athleten und Athletinnen Peinigern ausliefern kann. Wenn die notwendigerweise intensive Begegnung über den Alltag des Trainings hinausreicht und der Coach seine Rolle erweitert: „Er war mein Ersatzvater“, erzählte einst ein Radsportler, „ich vertraute ihm, denn ein Vater tut doch alles zu meinem Besten.“ Ein Trugschluss. Der „Ersatzvater“ stopfte seinen „Sohn“ mit Doping-Mitteln voll. Entstanden war dieses fatale Vertrauen in einem Internat des Spitzensports, in den langen Trainingslagern. Sie können um Halt ringende Sportler vom normalen sozialen Umfeld entkoppeln, vom in der Regel um Schutz bemühten Elternhaus. So ähnlich lief es in der Odenwaldschule. Deshalb legte sich ein in Missbrauchsfällen versierter Richter gegenüber der F.A.Z. fest: „Im Sport kriegen wir eine zweite katholische Kirche.“

          Missbrauch von Fußballerinnen: Afghanische Funktionäre entlassen

          Nach Missbrauchsvorwürfen aus der afghanischen Frauen-Nationalmannschaft hat die Staatsanwaltschaft des Landes mehrere Funktionäre des Fußballverbandes AFF entlassen. Sechs Mitglieder, darunter auch Verbandspräsident Kiramuddin Karim, seien suspendiert worden, nachdem die Vorwürfe gegen sie geprüft wurden, teilte der Chefberater der afghanischen Regierung, Fasil Fasli, am Sonntag per Twitter mit. 

          Die afghanische Staatsanwaltschaft hatte in der vergangenen Woche Ermittlungen angekündigt, nachdem die ehemalige Teammanagerin Khalida Popal gemeinsam mit der amerikanischen Trainerin Kelly Lindsey und zwei Spielerinnen Ende November Missbrauchsvorfälle publik gemacht hatte. Sie sagten der britischen Zeitung „The Guardian“, dass mehrere Spielerinnen körperlichen und sexuellen Missbrauch vonseiten der Funktionäre bis hin zum Verbandspräsidenten erlebt hätten. Die Fälle hätten sich sowohl in Afghanistan – teils im AFF-Hauptquartier – als auch in einem Trainingscamp in Jordanien ereignet.

          Die Frauen seien unter Druck gesetzt und erpresst worden, nichts zu sagen. Auch der Weltverband Fifa habe dem Bericht nach Ermittlungen zu den Vorwürfen gegen den Verband aufgenommen. (dpa)

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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