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Gastbeitrag von Perikles Simon : Respekt vor Sportlern – das war einmal

  • -Aktualisiert am

Wehrt sich gegen Generalverdacht: Arne Gabius , als 17. über 10.000 Meter zweitbester Europäer im Feld Bild: dpa

Betrugs- und Doping-Vorwürfe im Sport wurden ungewohnt offensiv während der Leichtathletik-WM geäußert. Einige Athleten wehrten sich gegen den Generalverdacht. Doch wenn es schwierig wird, werden sie in die Pflicht genommen von einer zweifelhaften Entourage.

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          Es ist 1983, es läuft die erste Leichtathletik-WM in Helsinki, und der Deutsche Willi Wülbeck jubelt, er ist über 800 Meter gerade Weltmeister in deutscher Rekordzeit geworden. Ich hatte Respekt. Selbst als komplette Sportlaien konnten wir uns vorstellen, was es bedeutet, darum zu kämpfen, die oder der Beste der Welt zu werden. Feurig schön war Spitzensport, zur Zeit des Kalten Krieges.

          Willi Wülbecks Rekord steht immer noch, und auch ich schaue immer noch Leichtathletik-WM - diesmal in Peking. Bei dem, was ich da sehe, wird mir schnell mulmig zumute. Ein deutscher Athlet, Arne Gabius, rennt - toll, den kenne ich. Wahnsinn, dass er überhaupt im Endlauf ist. Er kommt ins Ziel, wird interviewt und beklagt den mangelnden Respekt für alle Sportler, die hier antreten - zu Recht, wie ich meine. Die Athleten sind immer noch die Besten der Welt, doch besonders im Vorfeld dieser WM wurden Betrugs- und Doping-Vorwürfe laut, und man artikuliert diese ungewohnt offensiv während der Spiele, aber hatte man überhaupt noch eine andere Wahl?

          Was hat sich in den letzten 40 Jahren verändert?

          Es regiert der Generalverdacht. Dabei hat sich in den letzten 40 Jahren bezüglich der wissenschaftlichen Abschätzung, welcher Prozentsatz an Sportlern gedopt antritt, nichts verändert. 1975 publizierte der spätere Chief Medical Officer des IOC, Arne Ljungqvist, dass zwei Jahre zuvor mindestens 31 Prozent der schwedischen Top-Leichtathleten Anabolika konsumiert hatten. Diese wurden bereits 1970 vom Leichtathletik-Weltverband (IAAF) als Doping klassifiziert, obgleich sie noch nicht nachgewiesen werden konnten. 2015 wurde die Doping-Quote in einer Zusammenfassungsarbeit unter der Beteiligung der holländischen Anti-Doping-Agentur auf 14 bis 39 Prozent geschätzt. Damals wie heute kann man davon ausgehen, dass die wahre Doping-Quote höher liegt, aber dass ein hoher Anteil der absoluten Spitzensportler sauber antritt. Was genau hat sich also in den letzten 40 Jahren verändert?

          Im Umfeld der Spitzenathleten wird es interessant. Man kann sagen, dass Sportmediziner - so wie ich - im medialen Rampenlicht mit den Athleten standen und stehen. Sehr fraglich ist, ob wir auch „Weltklasse“ sind. Sportmediziner gelten als Mediziner zweiter Klasse. Will man ein hohes Maß an Verantwortung tragen und durch sehr harte Arbeit sich Ruhm und Ehre - eben Respekt - selbst erarbeiten und nicht im Glanz der anderen quasi passiv miterstrahlen, könnte man doch eher Chirurg werden. Und Sportjournalisten? Sportfunktionäre? Doping-Analytiker? Die Liste der Zweifel, ob sich denn um die Spitzenathleten auch Spitzenkräfte scharen und ob diese so idealistisch zu Werke gehen wie die Athleten, ist lang. In den letzten 40 Jahren hat sich für diese Entourage vor allem verändert, dass sie richtig Geld im Spitzensport verdienen kann, dessen Umsatz man inoffiziell jährlich auf rund 120 Milliarden Dollar beziffert.

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