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Gauck und der Sport : Die Sünden, die Sünden bleiben

Das Glück auf dem Fußballplatz: „Wenn wir leben, was als Potenz in uns angelegt ist“, schreibt Gauck Bild: Thiel, Christian

Zwischen Distanz und Nähe, Skepsis und Begeisterung: Joachim Gauck wird auch als Staatsoberhaupt einen kritischen Blick auf den Sport haben - das ließ er oft erkennen.

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          Sportlerehrungen in Schloss Bellevue werden voraussichtlich einen neuen Ton bekommen. Der unbequeme Präsident, wie Joachim Gauck allenthalben der Regierung und ihrer Chefin angekündigt wird, hat auch zum Sport eine eigene, in Teilen sogar eigenwillige Haltung. „Will diese spaßwütige Event-Gesellschaft wirklich wissen, warum wer siegt?", fragte der heutige Kandidat, als im vergangenen Jahr die Schriftstellerin und ehemalige Sprinterin Ines Geipel den Ethikpreis des katholischen Sportverbandes Deutsche Jugendkraft erhielt. „Es ist eines, über Doping einer vergangenen Diktatur zu sprechen, so spüren wir, und ein anderes, darüber, was uns aktuell die Freude an Siegen, an Siegern und Siegerinnen nehmen könnte."

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Mann, der wohl am Ende des Jahres die deutschen Medaillengewinner der Olympischen Spiele von London mit dem Silbernen Lorbeerblatt auszeichnen wird, der höchsten Auszeichnung der Bundesrepublik für Sportler, sprach von Doping in der Gegenwart. Seine Berliner Laudatio war eine Mahnung und, vielleicht, eine sportpolitische Grundsatzrede. „Wir ehren in Ihnen eine, die weiß", wandte er sich an die Preisträgerin, „wie viel wir verlieren können, wenn wir unter allen Umständen siegen müssen."

          Ehemaliger Handballspieler, der er ist, bezeichnet sich Gauck zwar als Fußballfan, doch findet er kaum Zeit, Fußballspiele anzuschauen. Bei Gelegenheit verrät er, dass er Rad fahre und schwimme - unvorstellbar, dass es ihm dabei um Bestleistung statt um Genuss gehen könnte. Schwer vorstellbar auch, dass er fürs Sportabzeichen schwitzt, wie es sein Vorgänger Richard von Weizsäcker tat. Dem großen Sport war Gauck nicht durch den Besuch von Veranstaltungen, sondern durch den Vorsitz der Kommission verbunden, in welcher der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sich mit den Verstrickungen von Trainern und Athleten mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR beschäftigt - eine Pflicht für den Protestanten, keine Leidenschaft.

          Der einstige Leiter der Behörde für die Stasi-Unterlagen reflektierte dabei weniger Schuld und Sühne als vielmehr Eignung. So bezweifelte er öffentlich, dass der einstige Spitzel Ingo Steuer als Eiskunstlauftrainer Deutschland vertreten könne; ein Berufsverbot solle es aber nicht geben.

          „Wahrheit befreit von der Bindung an die Lüge“

          Auch wenn der Sport Teil des Unterhaltungsgewerbes sei, sollten Sportler und Sportlerinnen eine Haltung haben: das lässt sich aus der Laudatio auf Ines Geipel destillieren, die Gauck im April 2011 hielt. Für Anstand, Werte und Liebe zur Wahrheit lobte er die Schriftstellerin, die aus eigener Erfahrung für die Opfer des Dopings von gestern spricht und vor dem Doping von heute und morgen warnt.

          „An bestimmten Feiertagen geht das durch, aber bitte nicht im Sportalltag“: Für Gauck bleiben die Verfehlungen des Sports ebensolche
          „An bestimmten Feiertagen geht das durch, aber bitte nicht im Sportalltag“: Für Gauck bleiben die Verfehlungen des Sports ebensolche : Bild: dpa

          Von Hannah Arendts Bericht über das Deutschland nach der Nazi-Diktatur schlug Gauck einen Bogen zur Hinterlassenschaft der DDR, hier ihrem überaus erfolgreichen Sport. Es fehle an Anerkennung von Fakten, die Manipulation belegten, und an Mitgefühl mit den Opfern. Die goldgeschmückten Helden von einst dagegen würfen immer noch große Schatten und genössen Achtung in den Medien. Er sei traurig über diese Topathleten der DDR, die nicht aufwachen wollten, die nicht sehen und benennen wollten, was war. „Wahrheit befreit uns von dieser lebenslänglichen Bindung an die Lüge", sagte er.

          Vom Zwangssystem zum Systemzwang

          Die Zeitgenossen berauschten sich allzu gern an Spielen und Siegen, sähen das Gold der Siegermedaillen so gerne glänzen. „Das ist ja auch alles normal", sagte Gauck. „Aber sie, diese Mehrheit, empfindet für das Insistieren auf Werte oft nur ein abschätziges Lächeln: An bestimmten Feiertagen geht das durch, aber bitte nicht im Sportalltag. Sie empfinden es als überflüssig oder altmodisch, oder manchmal sagen sie, es geschehe aus Neid oder Gehässigkeit, alte Sünden alte Sünden zu nennen."

          Aus einem Zwangssystem entflohen und übergewechselt „zu einem Systemzwang, der heute dort existiert, wo der Spitzensport seine Erfolge feiert", so beschrieb Gauck die sportlichen Felder von Ines Geipel und zitierte sie damit, dass nur ein Achtel der Epo-Produktion in der Therapie eingesetzt werde, sieben Achtel aber nicht. „Ja, wo sind sie denn nur?", rief Gauck. „Wenn man diese Frage stellt, ist man mitten im Hier und Heute und eben nicht in einer garstigen diktatorischen Vergangenheit." In einer Gesellschaft, in der Leistungsvergötzung und Amüsement machtvolle Elemente seien, „in der infantilisierten öffentlichen Kultur", seien sportliche Erfolge, die Begeisterung auslösten, wichtig. Das Thema Doping werde uns deshalb erhalten bleiben.

          In seinem neuen Buch „Freiheit - ein Plädoyer" hält Gauck, vielleicht auch deshalb, Distanz. Der Umstand, dass es lediglich einen kleinen Bezug zum Sport gibt, kann als Hinweis darauf gelesen werden, wo Gauck dessen Platz sieht: „in dem unspektakulären Tun des Alltags" nämlich. Glück stecke in der Bezogenheit. „Schauen Sie sich die Jugendlichen an, die in der Freiwilligen Feuerwehr lernen und üben, wie man einen Brand löscht oder eine hilflose Person rettet. Oder die Dorfjugend, die nach Feierabend Fußball trainiert. Oder die jungen Musikerinnen und Musiker aus ganz Deutschland, die im Bundesjugendorchester gemeinsam musizieren", schreibt Gauck. "Schauen Sie sich die Gesichter der Menschen an, wenn sie einen Brand gelöscht, ein Fußballspiel gewonnen oder eine Symphonie gespielt haben - und Sie spüren, wovon ich rede." Das könnte fast ein Plädoyer für Sport sein: „Es ist nämlich so, dass unsere Psychen uns belohnen, wenn wir leben, was als Potenz in uns angelegt ist, und die Hinwendung zu unserer Lebensform machen." Zum Beispiel Fußball.

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