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Gastbeitrag von Thomas Bach : Die Unschuldsvermutung könnte in Frage stehen

  • -Aktualisiert am

Besorgt: Thomas Bach Bild: AFP

Angesichts der schweren Doping-Vorwürfe gegen seine Sportler und Funktionäre droht Russland im schlimmsten Fall der Ausschluss von den Olympischen Spielen in Rio.

          Die jüngsten Anschuldigungen gegen das von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) akkreditierte Anti-Doping-Labor in Sotschi sind äußerst detailliert und daher besorgniserregend. Da sie die Olympischen Winterspiele Sotschi 2014 betreffen, hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) selbstverständlich allergrößtes Interesse, die Anschuldigungen vollständig und schnell aufzuklären. Daher haben wir die Wada um eine umfassende Untersuchung und einen vollständigen Bericht gebeten. Das IOC wird alles in seinen Möglichkeiten Stehende tun, diesen Anschuldigungen nachzugehen. So werden wir das Anti-Doping-Labor in Lausanne, in dem die Proben aus Sotschi zehn Jahre lang aufbewahrt werden, anweisen, in Kooperation mit der Wada die Proben auf die wirksamste Art und Weise zu analysieren, um den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Darüber hinaus haben wir bereits das Nationale Olympische Komitee Russlands zur uneingeschränkten Kooperation aufgefordert. Der IOC-Direktor für Medizin und Wissenschaft, der selbst Olympiasieger ist, wird an der Wada-Untersuchung mitwirken.

          Sollten sich die Anschuldigungen bewahrheiten, würde dies eine neue, schockierende Dimension des Dopings mit beispielloser krimineller Energie sein. Es kann keinen Zweifel daran geben - und kein sauberer Athlet weltweit sollte irgendwelche Zweifel daran haben -, dass das IOC mit seiner nachgewiesenen Null-Toleranz-Politik nicht nur einzelne Athleten, sondern auch deren gesamtes Umfeld zur Verantwortung ziehen wird. Maßnahmen könnten von lebenslangen Ausschlüssen für Olympische Spiele über harte finanzielle Strafen bis hin zur Akzeptanz der Suspendierung oder des Ausschlusses ganzer nationaler Verbände reichen, wie dies bereits durch den Leichtathletik-Weltverband im Fall des russischen Leichtathletik-Verbandes geschehen ist.

          Die Teilnahme der russischen Athleten an den Olympischen Spielen in Rio 2016 hängt auch stark von den Ergebnissen der Wada-Untersuchung ab. Sollte es Hinweise auf ein organisiertes und flächendeckendes Doping-System geben, das weitere Sportarten betrifft, müssten die Internationalen Verbände und das IOC die schwierige Entscheidung zwischen kollektiver Verantwortung und individueller Gerechtigkeit treffen. Es müsste geprüft werden, ob in derart „kontaminierten“ Verbänden die Unschuldsvermutung für Athleten aufrechterhalten oder die Beweislast umgekehrt werden kann. Dies könnte bedeuten, dass betroffene Athleten nachweisen müssen, dass ihre DopingTests international und unabhängig vorgenommen worden sind und den Regeln ihres Internationalen Verbandes und des Welt-Anti-Doping-Codes entsprechen, damit Chancengleichheit für alle Sportlerinnen und Sportler sichergestellt werden kann. In dieser Hinsicht hat das IOC seine Entschlossenheit bereits vor ein paar Monaten unter Beweis gestellt. Es hat entschieden, unabhängig von einem bestimmten Sport oder einer bestimmten Nation, Doping-Proben der Olympischen Spiele Peking 2008 und London 2012 nach neuesten wissenschaftlichen Methoden neu zu testen. Dieses entschlossene Handeln wird sehr wahrscheinlich einige Dutzend gedopte Athleten daran hindern, an den Olympischen Spielen in Rio 2016 teilzunehmen. Bereits vor den jüngsten Anschuldigungen hat das IOC im November 2015 gefordert, das gesamte Anti-Doping-System unabhängig von Sportverbänden zu machen, und hat für die Olympischen Spiele 2016 sein gesamtes Sanktionssystem an den Internationalen Sportgerichtshof delegiert.

          Schutz der sauberen Athleten vor Doping, Korruption, Manipulation

          Mit all diesen Maßnahmen innerhalb unserer Null-Toleranz-Politik stellen wir unter Beweis, dass der Schutz der sauberen Athleten vor Doping, Korruption, jedweder Manipulation und unbegründeten Verdächtigungen im Mittelpunkt all unserer Anstrengungen steht. Als Olympiasieger berührt mich dieser Kampf für die sauberen Athleten auf ganz persönliche Art und Weise. Meine ersten Schritte als internationaler Athletensprecher habe ich gemacht, als wir eine lebenslange Sperre für jeden Doping-Sünder gefordert haben.

          Auf Grund dieses Werdegangs kann ich die derzeit von einigen Athleten vorgebrachten emotionalen Forderungen gut verstehen. Als Athleten stehen wir für Fairplay. Daher müssen wir jedem Einzelnen ein faires Verfahren zugestehen. Dazu gehört, zuerst alle Fakten festzustellen und dann entschlossen zu handeln. Das sind wir allen sauberen Athleten rund um den Globus schuldig. Das sind wir unseren olympischen Werten schuldig.

          Zur Person:

          Der Autor ist Präsident des Internationalen Olympischen Komitees und Mannschafts-Olympiasieger im Fechten von 1976.

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