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Gastbeitrag von Arne Gabius : Bach sollte es besser wissen

  • -Aktualisiert am

Arne Gabius: „Das IOC muss ein Land in letzter Konsequenz von Olympia ausschließen.“ Bild: dpa

Gegen Generalverdacht, Kollektivschuld und die Umkehr der Beweislast: Deutschlands bester Langstreckenläufer antwortet auf den Gastbeitrag von IOC-Präsident Thomas Bach.

          Ich bin Deutschlands bester Langstreckenläufer. Ich habe im letzten Herbst den 27 Jahre alten deutschen Rekord aus DDR-Zeiten im Marathon gebrochen. Ich bin bereits für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifiziert, es könnte eine Top-Ten-Plazierung werden. Und ich stehe unter Verdacht.

          Kürzlich nahm ich an einem Straßenlauf in Paderborn teil. Ich lief an der Spitze zusammen mit fünf Ostafrikanern. Wir liefen durch ein Wohngebiet. Ein Mann mit Bierbauch schrie mir hinterher: „Na, deine Doping-Probe möchte ich erst einmal abwarten!“ Der Verdacht ist in Deutschlands Vorgärten angekommen.

          Laufen ist mein Beruf und mein Leben. Ich lebe von Sponsorengeldern, Antrittsgeldern und Prämien. Ich laufe für Anerkennung, Respekt und Wertschätzung durch mein Publikum. Ich reise um die Welt und lerne dabei großartige Menschen kennen. Es ist der schönste Beruf der Welt. Eigentlich. Um diesen Beruf ausüben zu dürfen, nehme ich Einschränkungen hin und erfülle Auflagen, die selbst vorzeitig entlassene Straftäter auf Bewährung nicht kennen. Ich kann jederzeit zwischen sechs und 23 Uhr kontrolliert werden. Wildfremden Menschen erlaube ich den Zutritt zu meiner Wohnung für die Abgabe von Blut- und Urinproben; dabei bin ich unter ständiger Aufsicht. Ich melde personenbezogene Daten wie meinen Aufenthaltsort, die Wohnorte meiner Familie und Freunde an ein System, das bis vor wenigen Jahren so etwas wie Datenschutz überhaupt nicht kannte.

          Nun lese ich in einem Gastbeitrag des Präsidenten des IOC Dr. Thomas Bach unter der Überschrift „Die Unschuldsvermutung könnte in Frage stehen“, dass er ernsthaft in Betracht zieht, den Athleten eines „kontaminierten“ Verbandes die Beweislast aufzuerlegen, dass ihre Doping-Tests international und unabhängig vorgenommen worden sind und den Regeln ihres internationalen Verbandes und des Welt-Anti-Doping-Codes entsprechen. Ziel sei es, hierdurch eine Chancengleichheit zwischen allen Sportlern herzustellen. Eine Beweislastumkehr ganz im Sinne des sauberen Sportlers? Der im Verfassungsrecht promovierte Jurist Dr. Bach sollte es besser wissen als der deutsche Durchschnittsbürger im Paderborner Vorgarten. Sein Vorschlag verkehrt die Unschuldsvermutung, das Fundament eines jeden Rechtsstaats, in ihr Gegenteil. Er meißelt den Generalverdacht in Stein. Und er verlagert die Verantwortlichkeit für kriminelle Machenschaften von Verbänden und Regierungen auf den Athleten. Das ist zu viel. Eine vorübergehend verhängte Kollektivstrafe ist nicht dasselbe wie eine generelle Schuldvermutung.

          Läufer Gabius: „Athleten sind nicht verantwortlich für die Effektivität und Transparenz des Anti-Doping-Systems in ihrem Land.“

          Athleten sind nicht verantwortlich für die Effektivität und Transparenz des Anti-Doping-Systems in ihrem Land. Sie haben keinen Einfluss auf die institutionelle Struktur und Zusammensetzung der nationalen Anti-Doping-Agenturen. Sie müssen sich diesem System unterwerfen, um ihren Sport auf internationaler Bühne überhaupt ausüben zu dürfen. Das IOC muss endlich Druck auf die Regierungen (und Verbände) ausüben und deutliche Signale setzen. Regierungen haben ein ureigenes Interesse daran, dass die besten Sportler des Landes dieses auf der großen Bühne der Olympischen Spiele auch präsentieren.

          Bach darf sich, das IOC und die Sportwelt nicht dem Verdacht aussetzen, die vollkommen gerechtfertigte Suspendierung inkriminierter Sportsysteme durch die Hintertür zu umgehen. Das IOC muss mit letzter Konsequenz gegen korrupte und augenfällig kranke Systeme vorgehen - auch wenn dies bedeutet, ein Land vollständig von den Olympischen Spielen auszuschließen. Nur so lassen sich bestehende Strukturen aufbrechen und ein Neuanfang anstoßen. Ließe man einzelne Sportler trotz Ausschluss ihrer Nation zu, würde der gewünschte Effekt sicher nicht erreicht. Das Land wäre trotz der groben Verfehlungen gegen den internationalen Standard durch diese Sportler Teil der olympischen Familie - unabhängig davon, ob diese Sportler unter IOC-Flagge oder ihrer eigenen Flagge starten.

          Deutschlands bester Langstreckenläufer: Laufen ist sein Beruf und sein Leben.

          Die Kompetenzen und die finanzielle Ausstattung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) müssen erheblich gestärkt werden. Es kann nicht sein, dass gravierende Verdachtsmomente gegenüber verschiedenen staatlichen Anti-Doping-Systemen bestehen und es der Wada an Mitteln fehlt, diesen gezielt nachzugehen, etwa durch die Einsetzung von Untersuchungskommissionen. „Empfehlungen“, die die Wada ausspricht, sollte wesentlich mehr Verbindlichkeit beigemessen werden.

          Übrigens: Auch deutsche Athleten hätten ihre liebe Mühe damit, den Beweis international und unabhängig vorgenommener Doping-Proben durch ein IOC-zertifiziertes Labor mit Erfolg anzutreten. Die nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) ist weit davon entfernt, unabhängig zu sein. Als ich kürzlich die institutionellen Unzulänglichkeiten der Nada öffentlich kritisierte, bekam ich eine kurze E-Mail der Öffentlichkeitsarbeit der Anti-Doping-Agentur, in der ich gefragt wurde, ob ich denn auch die Ergebnisse meiner Doping-Tests regelmäßig veröffentlichen würde. Und wieder wird der Athlet in die Pflicht genommen.

          Zur Person:

          Der 35 Jahre alte Hamburger Arzt und Langstreckenläufer Arne Gabius will bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im August im Marathon starten.

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