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Fußball-WM in Qatar : Offensive für die Menschenrechte

Der schöne Schein: Computerbilder wie das vom Doha Port Stadium in Qatar haben Blendwirkung - die Schatten sieht man nicht Bild: picture alliance / dpa

Fifa und Uefa bleiben wegen der Fußball-WM in Qatar unter Druck: Im EU-Parlament wird Kritik am Verrat der „gemeinsamen Werte“ laut. Und das IOC macht mobil gegen eine WM im Winter 2022.

          3 Min.

          Die Diskussion um die Menschenrechtsverletzungen im WM-Land Qatar und das umstrittene Fußballturnier im Jahr 2022 zieht immer weitere Kreise. Dabei geraten nun die Europäische Fußball-Union (Uefa) und ihr Präsident Michel Platini auf höchster politischer Ebene in die Kritik. Ihnen wird Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Barbara Lochbihler, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Europäischen Parlament, vermisst von der Uefa und ihren Topfunktionären eine angemessene Reaktion auf die Problematik der im Emirat ausgebeuteten Arbeitsmigranten.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Die Uefa-Vertreter müssten eigentlich als Botschafter für die gemeinsamen Werte einstehen, die die Europäer ausmachen. Es würde einem so großen Sportverband gut anstehen, wenn er sich dieser Tradition verpflichtet sähe und sich nicht absolut neutral verhält wie derzeit“, sagte die europäische Grünen-Abgeordnete der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Lochbihler war zehn Jahre lang, bis 2009, Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International. „Ich erwarte, dass sich Herr Platini dezidiert äußert, was er und die Uefa jetzt in der Sache tun wollen“, sagte die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses.

          Frau Lochbihler hatte sich am Sonntag in Berlin auf Initiative von Theo Zwanziger zu einem Vieraugengespräch mit dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) getroffen. Fifa-Chef Joseph Blatter soll über den Austausch informiert gewesen sein. Zwanziger gehört dem Vorstand des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) an und gilt dort als einer derjenigen, die sich dafür einsetzen, in Zukunft als Organisator von Großveranstaltungen der sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung des Weltverbandes gerecht zu werden.

          „Es zeigt sich, dass die Haltung des Sports zu den Menschenrechten verbessert werden muss. Mir ist klar geworden, dass Veranstaltungen wie eine Fußball-Weltmeisterschaft in Ländern, wo die Einhaltung der Menschenrechte zu wünschen übrig lässt, von den Sportorganisationen sensibler vorbereitet und begleitet werden müssen“, sagte Zwanziger nach dem Treffen mit Barbara Lochbihler. Er fordert jetzt konkrete Veränderungen bei den Vergaberichtlinien für die Fifa-Turniere. „Wir brauchen klare Vorgaben. Generell gilt für mich, dass ich in einem Land, in dem die Menschenrechtslage nicht zweifelsfrei ist, versuchen muss, die Probleme zu thematisieren und zu verbessern. Die Fifa darf nicht dazu beitragen, dass die Mächtigen gestärkt und die Schwachen geschwächt werden“, sagte Zwanziger der F.A.Z.

          Die Uefa sieht keine eigene Verantwortung

          Bezüglich des Gesprächs mit Frau Lochbihler fügte er an: „Ich habe eine Politikerin kennengelernt, die abwägen kann und auch die Grenzen des Sports in dieser Frage erkennt. Aber zugleich erwartet natürlich Frau Lochbihler, dass der Sport alle seine Möglichkeiten sucht, um zumindest an diese Grenzen zu gehen.“ Mindestens fünf Uefa-Vertreter sollen 2010 als Mitglieder des Fifa-Vorstandes für Qatar als WM-Ausrichter im Jahr 2022 gestimmt haben.

          Michel Platini hat dies für sich ganz offen zugeben. Seit bekannt wurde, dass sein Sohn nach der WM-Vergabe einen Job bei einer qatarischen Gesellschaft erhalten hat, ist die Position des europäischen Fußballpräsidenten im Zwielicht. Auf Nachfrage verweist die Uefa jedes Mal auf die Zuständigkeit der Fifa in der Diskussion um die Verbesserung der Menschenrechtssituation in Qatar. Eine eigene Verantwortung sieht die Uefa nicht.

          „Es ist ihre Pflicht und auch ihre Chance“

          Im September war bekannt geworden, dass auf Großbaustellen im Emirat zahlreiche Arbeiter aus Nepal ums Leben gekommen waren. Die Organisation Human Rights Watch hatte schon zuvor immer wieder auf Menschenrechtsverletzungen in dem Land hingewiesen. Staatliche Stellen in Qatar haben eine Untersuchung mit Hilfe einer internationalen Anwaltskanzlei angekündigt. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach nahm zuletzt Kontakt zum Deutschen Gewerkschaftsbund auf, dessen Vorsitzender Michael Sommer Briefe an alle Gewerkschaftsführer der Länder geschrieben hat, aus denen Fifa-Vorstandsmitglieder kommen.

          Für die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments steht fest, dass sich die Sportverbände bewegen müssen. Das gelte auch für das Internationale Olympische Komitee (IOC). „Die Missstände in den jeweiligen Ländern sind seit Jahren bekannt. Sportorganisationen können sich als Auftraggeber solcher Großveranstaltungen, die so viel Prestige in die Länder bringen, nicht herausziehen. Es ist ihre Pflicht und auch ihre Chance“, sagte Barbara Lochbihler. Sie fordert, dass einzelne Anforderungen an die Menschenrechtssituation schon vor der Vergabe von Veranstaltungen konditioniert werden.

          Vor Sommer 2014 gibt es keine Entscheidung

          Auch die geplante Verlegung des WM-Turniers 2022 vom Sommer in den Winter aufgrund der Hitze am Golf entwickelt sich zum Sportpolitikum. Nach einem Treffen ranghoher IOC-Funktionäre in Lausanne, das der neue Präsidenten Thomas Bach angesetzt hatte, wurde mitgeteilt, dass die „Einzigartigkeit der Olympischen Spiele“ geschützt werden müsse und „das olympische Programm in keiner Weise negativ beeinträchtigt“ werden dürfe. Hinter diesen Aussagen steckt zum einen eine Warnung an die Sportverbände, die mit einer zentralen, gemeinsamen Weltmeisterschaft eine Art „Gegen-Olympia“ zu etablieren hoffen.

          Vor allem aber kommt die Befürchtung zum Ausdruck, dass eine Winter-WM im Fußball den Wert olympischer Winterspiele im Jahr 2022 stark beeinträchtigen könnte. Die vom Skiverband Fis angekündigte Resolution aller Wintersportverbände gegen eine Winter-WM in Qatar lässt die Fifa aber offenbar kalt: Vor Sommer 2014 tue sich in dieser Frage nichts, teilte eine Fifa-Sprecherin mit.

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