https://www.faz.net/-gtl-7k56v

Fußball-WM in Brasilien : „Die Leute von der Fifa denken wie Kolonialherren“

  • Aktualisiert am

Völliger Unsinn. Sie versuchen, uns zu diskreditieren. Wir sind eine soziale Bewegung, setzen uns aus den verschiedensten Strömungen der Gesellschaft zusammen. Wir suchen den friedlichen Protest, während die Polizei weiter aufrüstet. Sie holt sich jetzt für die WM noch Unterstützung von einer französischen Spezialeinheit, die damals die Jugendunruhen in den französischen Vorstädten niedergeschlagen hat. Das ist der Sicherheitsplan für diese WM – sicher kein gutes Zeichen.

Welche Befürchtung haben Sie?

Die schöne Fifa-Welt soll mit allen Mitteln verteidigt werden. Wir erwarten brutale Polizeieinsätze. Wir sind gezwungen, uns für unseren eigenen Schutz fast wie für einen Krieg zu präparieren, mit Gasmasken, Schutzbrillen, Körperprotektoren. Es gibt keine Deeskalations-Strategien der Polizei, kein Training für solche Großveranstaltungen. Da wird ganz schnell mit Gummiprojektilen geschossen, Tränengas versprüht und mit Knüppeln geprügelt. Ich frage mich da auch: Was erwartet 5000 feiernde Engländer an der Copacabana oder 2000 deutsche Fans in Fortaleza, wenn die mal ein bisschen zu viel getrunken haben und über die Stränge schlagen? Es fehlt der Polizei jegliche Erfahrung, mit solchen Situationen besonnen umzugehen.

Die Fifa zeigte sich während der Protestwelle während des Confederations Cup überfordert.

Diese Leute denken wie Kolonialherren. Es darf niemanden geben, der nicht ihrer Meinung ist.

Sie waren im Herbst zu einem Fußball-Kongress im Züricher Fifa-Haus eingeladen. Wie war das für Sie?

Ich fühlte mich wie in einem Museum, in dem sich die Statuen um mich herum bewegten. Da gibt’s keine neuen Ideen. Ich hatte kein gutes Gefühl. Es geht in dieser Welt nur darum, Geschäftskontakte anzubahnen und mit dem Fußball Geld zu verdienen. Nur darauf zielt das Interesse ab, sehr eindimensional. Es gibt nicht die Einsicht, dass etwas falsch läuft. Diese Leute leben in einer klimatisierten Scheinwelt, treffen sich in Fünf-Sterne-Hotels, werden mit Luxuslimousinen durch die Gegend gefahren und von Servicepersonal bedient.

Immerhin: Auf öffentlichen Druck musste der langjährige Fußballpräsident Brasiliens, Ricardo Teixeira, dem Korruption vorgeworfen wird, gehen.

Das alte System steht trotzdem. Eine Untersuchung im Senat wurde blockiert. Teixeira und seine Jungs haben ihre Finger immer noch im Spiel.

Lebt Teixeira jetzt nicht in Florida?

Dort gehen alle Kriminellen hin, um in Ruhe ihren Lebensabend zu verbringen. Zu Hause wird ja alles wie bisher in seinem Sinne geregelt. Teixeiras Tochter arbeitet als Direktorin beim WM-Organisationskomitee. Joana Havelange ist zugleich die Enkelin von João Havelange.

Der ist 97, war ein Vierteljahrhundert Fifa-Chef und hat Joseph Blatter aufgebaut. Wegen Korruptionsvorwürfen trat der alte Havelange im April als Fifa-Ehrenpräsident zurück. Teixeiras Nachfolger als brasilianischer Fußballchef, José Maria Marin, steht sicher nicht für einen Mann des Aufbruchs.

Er ist 81 Jahre alt und war Gouverneur während der Militärdiktatur. Er sieht aus wie ein Zombie, spricht wie ein Zombie, und seine Ideen stammen eher aus dem 19. Jahrhundert. Er ist auch Präsident des WM-Organisationskomitees. So konzentriert sich hier die Macht und so werden Geschäfte gemacht: völlig intransparent und unprofessionell.

Weitere Themen

Mit der Faust aus der Armut Video-Seite öffnen

Dembe-Kampfkunst : Mit der Faust aus der Armut

In Nigeria versuchen viele junge Männer mit Dembe-Kämpfen, ihr Geld zu verdienen. Die Boxer kämpfen nur mit einem Arm, der andere dient der Verteidigung.

Sympathie für die Frontkämpfer

FAZ Plus Artikel: Hongkong : Sympathie für die Frontkämpfer

Vermummt und in Gruppen ziehen die sogenannten „Frontkämpfer“ durch die Stadt und hinterlassen Verwüstung. Warum gewaltsame Proteste in Hongkongs Bevölkerung so viel Unterstützung finden.

Topmeldungen

Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident von Israel, winkt nach der Wahl seinen Anhängern.

Wahl in Israel : Netanjahus Zukunft ungewiss

Ausweg große Koalition? Zum zweiten Mal binnen fünf Monaten haben die Israelis ein neues Parlament gewählt. Ergebnis ist ein Nahezu-Patt zwischen Benjamin Netanjahu und seinem Herausforderer.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.