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Spiele in Rio de Janeiro : So schmutzig ist das Erbe von Olympia 2016

  • -Aktualisiert am

Der Olympiapark im Ortsteil Barra da Tijuca fünf Jahre nach den Spielen Bild: picture alliance/dpa

WM und Olympia sollten für Brasilien und Rio de Janeiro die Eintrittskarte zur politischen und urbanen Weltspitze werden. Sie waren aber vor allem eines: ein gewaltiges Missverständnis – mit Folgen.

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          Das Gittertor ist nicht verschlossen, das kleine Wachhäuschen daneben verwaist. Dafür kreisen über dem Olympiapark im Ortsteil Barra da Tijuca ein paar hungrige Greifvögel. Aus der Luft haben sie den besten Überblick, wo auf dem riesigen Areal noch etwas zu holen ist. Blühende Landschaften hatten sie Rio de Janeiro damals versprochen, an dem Tag, an dem die Stadt am Zuckerhut endlich neue Hoffnung schöpfte, herauszukommen aus dem scheinbar ewigen Kreislauf der Armut und der Perspektivlosigkeit.

          Dieser Tag liegt nun schon mehr als zwölf Jahre zurück. Es war ein Tag im Oktober im Jahr 2009, an dem die brasilianische Me­tropole den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2016 bekam. Der damalige Präsident Lula da Silva (2003–2011) war die treibende politische Kraft hinter der Olympiabewerbung genau wie hinter dem Coup, die Weltmeisterschaft 2014 ins Land des fünffachen Weltmeisters zu holen. Auf einem Foto, das die siegreichen Olympiabewerber zeigt, reckt Lula triumphal die Siegerfaust in die Höhe. Mit der anderen Hand hält er die brasilianische Nationalflagge fest. Neben Lula jubeln auf dem Bild auch OK-Chef Carlos Arthur Nuzman und Gouverneur Sérgio Cabral – beide inzwischen wegen Korruption zu langen Haftstrafen verurteilt.

          WM und Olympia sollten für Brasilien und Rio de Janeiro die Eintrittskarte zur politischen und urbanen Weltspitze werden. Und für Lula ein politisches Denkmal. Gespeist wurde dieser Traum von riesigen Ölfunden vor der Küste des Landes, einer nach Jahren der Abholzung im Amazonas-Regenwald durch enorme Flächengewinne gemästeten Agrarindustrie und einer Baubranche, die keinerlei Skrupel kannte. „Wir sind kein unterentwickeltes Land mehr. Wir sind eine führende Wirtschaftsnation“, sagte Lula selbstbewusst. Damals war Wirtschaftswachstum auf Basis von fossilen Energieträgern und hochindus­trieller Landwirtschaft international noch akzeptiert. Lulas Traum von der Weltspitze war eine historische Fehleinschätzung – wirtschaftlich, politisch und sportlich.

          „Ich bin 34 Mal nach Afrika gereist“

          Inzwischen liegen mehr als fünf beziehungsweise sieben Jahre hinter den beiden Großevents, mit denen Lula sein Heimatland völlig überforderte und die Tür zu einer wilden Korruptionsorgie weit aufstieß. Bei der entscheidenden Abstimmung schlug Rio de Janeiro die spanische Hauptstadt Madrid mit 66 zu 32 Stimmen. Lula machte die Unterstützung der afrikanischen Staaten für den Triumph verantwortlich. „Ich bin 34 Mal nach Afrika gereist, habe 29 Länder besucht und 19 Botschaften in Afrika eröffnet“, rechnete der Präsident vor und lobte sich damit vor allem selbst. Brasilien habe sich als Bruder Afrikas gezeigt, das habe den Ausschlag gegeben, ließ der Linkspolitiker seine Heimat wissen.

          Inzwischen ist die Machershow des ehemaligen Präsidenten als Ammenmärchen entlarvt. Bereits vor zwei Jahren räumte Sérgio Cabral, der hoch korrupte ehemalige Gouverneur von Rio, ein, gemeinsam mit dem Olympia-Organisationschef Carlos Arthur Nuzman und dem brasilianischen Unternehmer Arthur Soares vor der entscheidenden Abstimmung beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) die Stimmen mehrerer IOC-Mitglieder gekauft zu haben. Lula habe von diesen Machenschaften gewusst, behauptet Cabral. Lula bestreitet das. Er erklärte vor zwei Jahren, das IOC-Umfeld damals als seriös und ernsthaft empfunden zu haben.

          Vor gut einem Monat wurde nun auch Nuzman zu 30 Jahren und elf Monaten Haft verurteilt. Er soll der Kopf jener kriminellen Bande gewesen sein, die Geld für afrikanische IOC-Stimmen vom Milliardär Arthur Soares organisiert habe. Ganz nebenbei arbeitete Nuzman auch auf eigene Rechnung: 16 Barren Gold versteckt in einem Genfer Schließfach gingen den Fahndern ins Netz. Es dürfte nur ein kleiner Teil dessen sein, was in Nuzmans Tasche landete.

          Deutlich wichtiger als Lulas Besuche in Afrika auf Kosten der brasilianischen Steuerzahler war dagegen Lamine Diack, der Anfang Dezember im Alter von 88 Jahren verstorbene senegalesische Chef des Leichtathletik-Weltverbandes. Er gilt als eine Schlüsselfigur in so manchen Korruptionsfällen rund um die Olympischen Spiele – auch im Fall „Rio 2016“. Und als wertvoller Stimmenbeschaffer aus Afrika.

          Geblieben ist von WM und Olympia ein Haufen Schulden, überdimensionierte Sportstätten und Stadien, deren nachhaltige Nutzung versprochen wurde, aber bis heute nicht wirklich umgesetzt worden ist. Der Olympiapark in Barra da Tijuca versprüht bisweilen den Charme eines verlassenen Geisterdorfes, und das liegt nicht nur an der Event-Flaute durch die Corona-Pandemie. Aus Rios Olympia-Hoffnungen aus dem Jahr 2009 ist bis auf einige Verbesserungen der Verkehrsinfrastruktur, wie ein Teilausbau der Metro, nichts geworden. Viel schlimmer aber ist der durch die katastrophal gemanagten Großevents entstandene Vertrauensverlust in die brasilianische Politik, der letztendlich dazu beitrug, die wütenden Menschen in die Arme des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro zu treiben.

          Das waren noch Zeiten: Luiz Inacio Lula da Silva (Mitte), Orlando Silva (links), Eduardo Paes (Zweiter von links), Carlos Nuzman (rechts) und Sergio Cabral (Zweiter von rechts) im April 2009
          Das waren noch Zeiten: Luiz Inacio Lula da Silva (Mitte), Orlando Silva (links), Eduardo Paes (Zweiter von links), Carlos Nuzman (rechts) und Sergio Cabral (Zweiter von rechts) im April 2009 : Bild: picture-alliance/ dpa

          In diesem Jahr wird in Brasilien gewählt. Weil Bolsonaro das Land grottenschlecht regiert, führt Lula da Silva die Umfragen wieder an. Spannend dürfte es für Lula werden, wenn sich die amerikanische Justiz doch noch in die Ermittlungen um den Olympia-Skandal einmischen sollte. Denn im Wahlgang 2009 unterlag der damalige Bewerber Chicago der brasilianischen Konkurrenz aus Rio im ersten Durchgang nur um Haaresbreite.

          Das haben die Amerikaner nicht vergessen, zumal die Bewerbung Chicagos erstklassig war. Die US-Behörden verfolgten die Ermittlungen in Brasilien genau. Und mit den amerikanischen Ermittlern hat der Weltsport so seine Erfahrungen, wurden doch von ihnen auch die Machenschaften rund um den südamerikanischen Fußball-Verband Conmebol aufgedeckt, die letztendlich in den großen FIFA-Skandal mündeten. Es war der Anfang vom Ende des damals noch allmächtigen Präsidenten Joseph Blatter.

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