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Keller ist neuer DFB-Präsident : Als Erstes eine Generalinventur

Das neue Gesicht des DFB: Fritz Keller wurde zum Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes gewählt. Bild: dpa

Fritz Keller ist neuer Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Die Delegierten des DFB-Bundestags in Frankfurt wählen den 62-Jährigen zum Nachfolger von Reinhard Grindel. Er steht vor einer „Herkulesaufgabe“.

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          „Wo muss ich denn hin?“ Das war keine schlechte Frage, die Fritz Keller stellte, als er am Freitagmittag mit einem großen Blumenstrauß in der Hand seinen Platz beim Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nach seiner Wahl zum 13. Präsidenten suchte. Keller war gerade mit einem sozialistischen Traumergebnis, wie es für den DFB noch immer typisch ist, von 100 Prozent der 257 Delegierten für drei Jahre an die Spitze des größten deutschen Sportverbandes gewählt worden.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ein ähnliches Ergebnis hatte zuletzt auch sein Vorgänger Reinhard Grindel erhalten, der im Frühjahr nach einigen Krisen schließlich wegen der Annahme einer teuren Uhr von einem ukrainischen Oligarchen und Uefa-Funktionär von seinem Amt zurückgetreten war. Als ersten Schritt auf einem neuen Weg, den der langjährige Präsident des SC Freiburg nun beim DFB gehen will, avisierte Keller eine sogenannte Generalinventur in allen Bereichen des Verbandes, um damit „Glaubwürdigkeit und Vertrauen“ zurückzugewinnen.

          Der 62 Jahre alte Keller kündigte an, auf verschiedenen gesellschaftlichen und sportlichen Feldern aktiv zu werden. „Der DFB muss ein seriöser Anwalt, Dienstleister und Lobbyist sein“, stellte Keller fest. Der Winzer aus Baden sprach wie sein Vorgänger Grindel und andere Funktionäre vom DFB als „Integrationsmaschine“ und das letzte „Lagerfeuer der Gesellschaft“. Sein besonderes Engagement werde der Gleichberechtigung, dem Umweltschutz und der Integration gelten. Er räumte ein, dass ihn die Führung eines Verbandes von rund sieben Millionen Mitgliedern „schwindelig“ mache.

          Keller wird durch die DFB-Strukturreform im Gegensatz zu seinen Vorgängern jedoch keine Richtlinienkompetenzen für die Verbandspolitik mehr besitzen. Interimspräsident Reinhard Rauball, der nach zwölf Jahren aus der Verbandsführung ausscheidet, sprach von einem erheblichen Vertrauensverlust für den DFB durch die Irrungen und Wirrungen der vergangenen Jahre. Keller stehe vor einer „Herkulesaufgabe“.

          Schatzmeister Stephan Osnabrügge bezifferte die Steuerrückzahlungen in Folge des Skandals um das Sommermärchen auf 22,5 Millionen Euro im Jahr 2017. Grund war die Aberkennung der Gemeinnützigkeit für das WM-Jahr 2006. Zudem hätten sich die Anwaltskosten unter anderem für einen Untersuchungsbericht auf mehr als sieben Millionen Euro summiert. Die Ausgliederung aller Wirtschaftsbereiche des DFB in eine GmbH sei kein Selbstzweck, sondern „zur Erhaltung der Gemeinnützigkeit alternativlos“.

          Die sportliche Krise der Nationalelf, so der neue Präsident Keller, biete auch eine Chance für die Zukunft. Wie diese Zukunft aussehen könnte, dafür war im Detail Oliver Bierhoff als Direktor Nationalmannschaften und Akademie zuständig. Nach rund 250 Gesprächen mit Experten habe man „drei Handlungsfelder“ identifiziert: „unsere Spieler, unsere Trainer und unser System“. Die Spieler seien zwar taktisch umfassend geschult, doch agierten sie zu wenig individuell und kreativ.

          Die Fähigkeiten, das Spiel zu lesen und selbständig schnell sowie flexibel auf mögliche Spieloptionen zu reagieren, müssten künftig stärker gefördert werden. Außerdem sei zu beobachten, dass auch bei den Themen Widerstandsfähigkeit und mentale Durchsetzungsfähigkeit erheblicher Verbesserungsbedarf bestehe. „Was wir brauchen, sind vermehrt durchsetzungsstarke Spielertypen. Spieler, die sich durch ihre hervorragende Variabilität, ihre Dynamik, ihre Individualität, ihre mentale Stärke und Persönlichkeit besonders beweisen.“ Momentan stehe die persönliche Entwicklung der Spieler jedoch nicht im Fokus des DFB-Systems, so Bierhoff, sondern an vielen Stellen das System selbst. Er kündigte entschlossene Weichenstellungen in der Ausbildung an.

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