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Vorwurf der Vergewaltigung : Freispruch für Kanutrainer

Die Vorwürfe gegen einen Kanutrainer lassen sich im Prozess in Borna nicht erhärten. Bild: Picture-Alliance

Ein früherer Kanu-Bundestrainer wird vom Amtsgericht Borna vom Vorwurf der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs freigesprochen. Der Vorsitzende Richter kommt zu dem Schluss: „Wir wissen nicht, was passiert ist.“

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          Ein früherer Bundestrainer des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) ist vom Amtsgericht Borna vom Vorwurf der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs einer seiner Sportlerinnen freigesprochen worden. Eine Nachwuchs-Weltmeisterin hatte Th. K. vorgeworfen, während Trainingslagern, 2014 in Krakau und ein Jahr später im brasilianischen Foz do Iguaçu, sexuell übergriffig geworden zu sein. Sie warf ihm unter anderem vor, sie in Brasilien vor den Junioren-Weltmeisterschaften der Slalom-Kanuten, bei der sie den Titel gewann, mit dem Finger vaginal penetriert zu haben.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          In ihrer Aussage am ersten Prozesstag am 5. Dezember hatte sie das Geschehen im Kern weitestgehend so dargestellt, wie es angeklagt war, allerdings in nahezu allen Details ungenaue Aussagen gemacht oder ausgesagt, sie könne sich nicht erinnern. Thomas Sternberger, der Vorsitzende Richter des Schöffengerichts, sagte in seiner mündlichen Urteilsbegründung, das Gericht könne weder sagen, dass die Zeugin gelogen habe, noch dass sie die Wahrheit gesagt habe „und wir darauf guten Gewissens eine Verurteilung stützen können. Wir wissen nicht, was passiert ist“.

          Auch Staatsanwalt Michael Höhle hatte auf Freispruch plädiert. „Die Historie der Aussageentstehung“ sei nicht nachvollziehbar gewesen. Mehrere Nachwuchskanutinnen des DKV hatten bei einem Trainingslager in Prag im Mai 2017 verschiedene als Übergriffigkeiten empfundene Handlungen und Aussagen K.s gesammelt. In einer Whats-App-Gruppe schilderte die Leipziger Kanutin damals zunächst ihre Erinnerung aus Krakau, bevor sie eine knappe dreiviertel Stunde später schrieb: „Mir fällt da noch eine Story ein, die wohl noch krasser ist.“ Dann schilderte sie, was ihr in Brasilien geschehen sein soll. „Das einschneidende Erlebnis wurde zurückgestuft, das kann ich nicht nachvollziehen“, sagte Höhle. Zudem sei die Darstellung des Geschehens in Krakau falsch gewesen, jedenfalls in der Frage, ob im Zimmer des Angeklagten, wo der Übergriff stattgefunden haben soll, ein oder zwei Betten gestanden haben. Das habe die Aussage „insgesamt erschüttert“. Richter Sternberger wollte so weit nicht gehen: „Wir haben keine knallharte Lüge nachweisen können.“

          K.s Verteidiger Nikolai Odebralski, bedankte sich für „das schöne und umfassende Plädoyer“ des Staatsanwalts. Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmungsfreiheit gehörten hart bestraft – „aber genauso verwerflich ist es, anderen solche Vorwürfe anzuhängen“. Die Zeugin, die unter K. am Stützpunkt in Leipzig trainiert hat, bis dieser im Sommer 2017 vom DKV suspendiert wurde, habe die Gelegenheit genutzt, sich bei den anderen Kanutinnen, die in Augsburg trainieren, zu integrieren „und ihren sozialen Stellenwert erheblich zu steigern“. Zudem habe sie sich gegenüber einer Leipziger Trainingspartnerin zurückgesetzt gefühlt, die in der Gunst K.s höher stand.

          Die Augsburger Kanutinnen hatten am ersten Verhandlungstag detailliert geschildert, wie sie sich von K. bei unterschiedlichen Gelegenheiten unangenehm berührt, bedrängt und auf unangemessene Art und Weise angesprochen gefühlt hatten. Zum Zeitpunkt des Geschehens waren diese Handlungen strafrechtlich nicht relevant und deswegen nicht Teil der Anklage. Th. K. wollte auch nach der Urteilsverkündung, von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darauf angesprochen, zu den zahlreichen Vorwürfen der Augsburger Kanutinnen „nichts sagen“. Der seit 2009 für den Nachwuchs verantwortliche Bundestrainer hatte zuvor in seinem Schlusswort gesagt: „Ich habe nichts gemacht, was mir hier vorgeworfen wird. Ich bin in dem Fall unschuldig.“

          Odebralski warf dem DKV vor, ein „erbärmliches Bild“ abgegeben zu haben. Der Verband sei nach dem Motto „wo Rauch ist, muss auch Feuer sein“ vorgegangen. Die Verbandsspitze hätte K., „einem verdienten Trainer, der Olympiasieger und Weltmeister gemacht hat“, zuhören sollen. DKV-Präsident Thomas Konietzko sagte auf F.A.Z.-Anfrage, K. habe im Juli 2017 ein Angebot zur Stellungnahme bekommen, dieses aber nicht wahrgenommen. Der Verband habe „so viele Anhaltspunkte für moralisch verwerfliches Handeln, dass uns nichts anderes übrig blieb, als das Beschäftigungsverhältnis zu beenden“. Zu dieser Entscheidung stehe er. K. sagte, er wolle nicht mehr trainieren. Ob er eine Schadensersatzklage gegen den Verband anstrebt, ließ er offen. Er hatte sich arbeitsrechtlich mit dem DKV verglichen und war zum 30. September 2017 aus seiner Anstellung ausgeschieden.

          Staatsanwalt Höhle sagte, es sei „kein Geheimnis, dass im Leistungssport sexualisierte Gewalt an der Tagesordnung ist“. „Es gibt eine enorm hohe Dunkelziffer“, sagte Höhle. Zugleich äußerte er Unverständnis, warum die Zeuginnen, „gestandene junge Frauen“, sich nicht längst an Schutzbeauftragte gewandt hatten oder K. „auf die Finger gehauen hätten“. Im Gerichtssaal herrschte unter der überwiegenden Mehrheit der Zuhörer, die K. persönlich kannten, Erleichterung über den Freispruch, vereinzelt wurde die Einleitung eines Strafverfahrens gegen die Hauptbelastungszeugin gefordert. Birgit Riedel, Strafrichterin am Amtsgericht Leipzig und Kinderschutzbeauftragte des Sächsischen Kanuverbandes, die den Prozess verfolgt hatte, sagte anschließend, sie habe nicht das Gefühl, dass das Bewusstsein für Missbrauchsgefahren und -situationen angemessen ausgeprägt sei. Es sei überaus wichtig, dass der DKV die Zeuginnen, die weiterhin Leistungssport betreiben, Betreuung anbiete und schütze vor Vergeltung, etwa durch K. nahe stehende Trainer.

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