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Frauenfußball in Coronakrise : „Wir fühlen uns alle gefährdet“

Die Realität ist aufreibend, sagt die Engländerin Jodie Taylor (verdeckt, davor Beth Mead). Bild: AP

Das Fest ist beendet, die Spielergewerkschaft ist alarmiert: Welches Bild wird der Frauenfußball nach der Pandemie abgeben? „Aufreibend“ nennt Spielerrätin Jodie Taylor die Lage.

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          Vergangenes Jahr hat Jodie Taylor das größte Fest erlebt, das es für Fußballspielerinnen bislang gab. Taylor beendete die Weltmeisterschaft in Frankreich mit den Engländerinnen auf Platz vier. Nach den Schlagzeilen, die das Weltturnier machte, nach Meldungen wie jener, dass der Ausrüster der amerikanischen Weltmeisterinnen nie ein Fußball-Jersey häufiger verkauft habe als jenes, das die Frauen um Kapitänin Megan Rapinoe trugen, schien die Zukunft des Fußballs weiblicher als je zuvor.

          Ein gutes Dreivierteljahr später ist die Realität eine andere. Fünf Tage war die Saisonvorbereitung alt, als ihr amerikanischer Klub OL Reign in Tacoma bei Seattle das Training abbrach: Corona. „Aufreibend“ sei sie, die Realität, sagt Jodie Taylor am Donnerstag in einer Telefonkonferenz der Spielergewerkschaft Fifpro, in deren Weltspielerrat sie vertreten ist. „Wir fühlen uns alle gefährdet. Ich glaube, es gibt keine Spielerin, die gelassen bleibt. Wir wissen nicht, welche Auswirkungen das haben wird.“

          Auch bei Fifpro, der Organisation, die nach eigenen Angaben über nationale Spielervertretungen etwa 3000 bis 4000 Fußballspielerinnen repräsentiert, wissen sie noch nicht, welches Bild der Frauenfußball abgeben wird, wenn die Covid-19-Pandemie abgeklungen ist. Aber die Spielergewerkschaft ist alarmiert: „Die gegenwärtige Situation stellt wahrscheinlich eine fast existentielle Bedrohung für das Spiel der Frauen dar, sofern das Frauenfußballgeschäft nicht durch gezielte Maßnahmen geschützt wird“, heißt es in einem achtseitigen Papier mit dem Titel „Covid-19: Auswirkungen auf den Profifußball der Frauen“.

          „Wenn die Gehaltseinschnitte, die männlichen Profis auferlegt werden, auch von Frauen verlangt werden“, sagt Fifpro-Generalsekretär Jonas Baer-Hoffmann, „dann werden sich das 98 Prozent der weiblichen Profis nicht leisten können.“ Die Zahl sei nicht dezidiert nachgerechnet, sagt er, aber schon vor Corona war die Lage für viele Fußballspielerinnen prekär: 47 Prozent der 2017 für den „Global Employment Report“ befragten Spielerinnen gaben an, ohne unterschriebenen Vertrag zu spielen. Weithin gang und gäbe ist neuesten Fifpro-Erhebungen zufolge, Spielerinnen über nichtmonetäre Leistungen zu vergüten, etwa Wohnungen, Krankenversicherungen und Nahrung. „Viele Vereine verzichten so offenbar auf ihre Verpflichtung, Spielerinnen zu entlohnen“, heißt es in dem nun vorgestellten Papier.

          So spielen etliche Profispielerinnen in Nordamerika und Australien zwei Meisterschaften pro Jahr und erhalten Aufwandsentschädigungen von ihren Nationalmannschaften, um von ihrem Sport leben zu können. „Jetzt, nach der Pandemie, könnten sich die Wettkampfkalender so verschieben, dass sich Nordamerika und Australien nicht mehr ergänzen, sondern überschneiden“, sagt Baer-Hoffmann. „Außerdem hat ein Vertrag im Frauenfußball durchschnittlich eine Laufzeit zwischen zwölf und achtzehn Monaten. Tausende Männer und Frauen werden diesen Sommer ohne Vertrag dastehen. Auf dem Markt wird es jede Menge Talent geben – die Löhne werden unter Druck stehen.“ Und nach der Krise, fürchtet er, könnte das knapper gewordene Geld der Sponsoren und Klubeigentümer dorthin fließen, wo der größere ökonomische Schaden entstanden ist: in den Männerfußball. „Dann würde dort der wirtschaftliche Schaden ausgeglichen – während neuer Schaden in Sachen Gleichbehandlung entsteht.“

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          Die Spielergewerkschaft sieht neben den Gefahren der jetzigen Ausnahmesituation auch Gelegenheit, neue Leitplanken zu ziehen. „Der Fußball wird sehr bald sehr anders aussehen“, sagt Baer-Hoffmann. „Wir können ihn auf kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet wieder aufbauen oder an gemeinsamen Werten ausgerichtet, zum Beispiel Gleichberechtigung.“ Amanda Vandervort, Chief Women’s Football Officer bei Fifpro, sagt, ihrer Organisation gehe es letztlich nicht darum, nur den Schaden zu begrenzen. „Wir haben große Sorge, dass zugesagte Investitionen ausfallen. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, um langfristig nachhaltige Strategien zu entwickeln. Wir wollen globale Beschäftigungsstandards durchsetzen.“ Zudem fordert Fifpro die Berücksichtigung des Frauenfußballs bei etwaigen staatlichen Finanzhilfen und die Entwicklung von Solidarmodellen und Sonderzuwendungen in der Frauenfußballbranche, um sicherzustellen, dass „das Frauenspiel nicht extremen Schaden nimmt“, wie es in dem Fifpro-Bericht heißt.

          Zuletzt hatte der kolumbianische Profiklub Independiente Santa Fe Schlagzeilen gemacht, als den Männern das Gehalt um 50 Prozent gekürzt wurde – und die Verträge mit den Spielerinnen des Frauenteams aufgelöst wurden. „Diese Gefahr besteht jetzt bei Klubs mit mehreren Mannschaften: dass in das Männerteam weiter investiert wird, aber das Frauenteam aufgelöst wird, oder die Basketball-Sparte zum Beispiel“, sagt Baer-Hoffmann. „Wir haben im Frauenfußball Wachstum erlebt in den vergangenen Jahren, aber es war fragil. Der Frauenfußball ist nach wie vor in einer Phase, in der das Investment nicht nachhaltig ist.“ Und in der Spielerinnen mancherorts schon bald gesetzlich benachteiligt werden könnten, wenn es darum geht, wer in den Wochen der Lockerung der Lockdowns zuerst zum Zuge kommt.

          So gelten in Italien Fußballer rechtlich selbstverständlich als Profis, nicht aber Frauen. „Ein klarer Nachteil vor dem Gesetz“, sagt Baer-Hoffmann. Den Fifpro-Zahlen zufolge beenden 81 Prozent der Spielerinnen ihre Karriere, bevor sie es müssten. Also nicht, weil sie sportlich nicht mehr auf adäquatem Niveau sind, sondern weil sie sich fragen, ob die Fortsetzung der Karriere sinnvoll ist. Angesichts der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, sagt Baer-Hoffmann, werden noch mehr Spielerinnen sehr schnell vor dieser Frage stehen.

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