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F.A.Z. exklusiv : Gefährliche Busfahrten für Irans Frauen

Selfies im Training sind kein Problem: Im Stadion gibt es nun ganz rare Zugänge für Frauen. Bild: Imago

Einige Frauen dürfen in nächster Zeit doch zu Fußballspielen ins Stadion: Irans Hardliner gewähren ein zweifelhaftes Zugeständnis. Nun fürchten viele, dass den Frauen Folgen drohen: „Das ist ein Rezept für die nächste Katastrophe.“

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          Auch nach dem Tod der Iranerin Sahar Chodarjari verletzt der iranische Fußball-Verband die Anti-Diskriminierungsbestimmungen der internationalen Verbände. Frauen werden an diesem Sonntag vom Besuch des wichtigsten Spiels des Jahres, des Teheraner Derbys zwischen den Klubs Esteghlal und Persepolis ausgeschlossen sein, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet. Der Teheraner Polizeichef Hussein Rahimi hat Frauen demnach bereits dazu geraten, „nicht zum Stadion zu kommen“.

          Auch die von der Regierung in Teheran vorgestellten Vorbereitungen auf das Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel zwischen Iran und Kambodscha, bei dem Frauen Zutritt zugesagt wurde, sorgen bei zahlreichen Fußballfans in Iran für Reaktionen zwischen Spott und Wut: Demnach seien für die Partie am 10. Oktober zwei Sektoren im Teheraner Asadi-Stadion für Frauen vorgesehen, was in etwa 1600 Plätzen entspricht. Im Stadion, dessen Auslastung zwischen 85.000 und 100.000 Plätzen, zum Beispiel beim Teheraner Derby, schwankt, sind das zwischen 1,6 und 1,88 Prozent aller Plätze.

          Zudem sollen Frauen, die das Spiel besuchen möchten, im Teheraner Stadtzentrum in dafür vorgesehene Busse steigen und zum Stadion chauffiert werden. Die geringe Zahl der für Frauen vorgesehene Plätze wird damit begründet, dass mit lediglich 10.000 bis 15.000 Besuchern gerechnet werde.

          Leicht zu identifizieren

          Das Vorhaben sei kein Fortschritt, sondern ein „Rezept für die nächste Katastrophe“ und genüge den Vorgaben der Fifa-Statuten und Menschenrechtsprinzipien „nicht im Ansatz“, sagte Minky Worden, Direktorin von Human Rights Watch dieser Zeitung. Die Maßgabe, sich an Bushaltestellen einzufinden, erleichtere es der iranischen Exekutive, die Frauen zu identifizieren, und gegen sie gegebenenfalls später vorzugehen.

          „In der Vergangenheit wurden Frauen mit Bussen vom Stadion, von Spielen zu denen sie keinen Zutritt hatten, ins Gefängnis gebracht.“ Die Fußballanhängerinnen, die sich im Namen der Initiative „Open Stadiums“ für die Öffnung der iranischen Stadien für Frauen einsetzen, twitterten am Mittwochabend den Bericht der Disziplinarkommission des Internationalen Judo-Verbands zur Schutzsperre des iranischen Verbandes, der verhängt wurde, weil iranische Sportler nicht gegen Israelis antreten dürfen, und fragten: „Viele Fans fragen, wann der iranische Verband von der Fifa verhört wird?“

          Die Fifa teilte mit, eine Delegation werde die Vorbereitungen bewerten. In einem Statement von Fifa-Präsident Infantino vom Donnerstag heißt es, die Delegation sei derzeit in Iran, die Haltung des Verbandes eindeutig: „Frauen müssen in Fußallstadien zugelassen werden.“ Interessanter ist der folgende Absatz: „Wir verstehen, dass es Schritte und Prozesse braucht, bevor dies auf die richtige und sichere Weise geschehen kann.“ Man erwarte „positive Entwicklungen vom Länderspiel“. Klingt nicht, als sei die Geduld aufgebraucht. Sportminister Masud Soltanifar sagte am Donnerstag, Ligaspiele blieben für Frauen weiterhin tabu. Ob ihre -Delegierten am Sonntag im Stadion sein werden, beantwortet die Fifa nicht. Als Infantino das Derby 2018 besuchte, wurden vor den Toren Frauen in Gewahrsam genommen.

          „Fifa trägt Verantwortung“

          Derart lax geht der Weltverband seit Jahren mit dem Stadionverbot um. Das stößt beim die Fifa beratenden Menschenrechtsrat auf deutliche Kritik. Rachel Davis, die Vorsitzende des Gremiums, schrieb dieser Zeitung, man habe der Fifa im September 2018 geraten, dem iranischen Verband einen klaren Zeitplan vorzugeben und Sanktionen anzudrohen. Als die Fifa der Empfehlung bis Mai 2019 nicht gefolgt sei, habe der Rat „Besorgnis“ zum Ausdruck gebracht, dass ihr überhaupt nicht gefolgt werde, schrieb Davis der F.A.Z. in einer E-Mail: „Wir haben die sehr konkreten Sicherheitsrisiken für die Frauen betont, die gegen das Verbot protestieren.“ Man wolle prüfen, was die Fifa in konkreten Notlagen angesichts der „ernsthaften Gefährdung“ einzelner Frauen tun könne und der Fifa weitere Empfehlungen geben – obwohl diese von deren höchsten Funktionären bislang nicht ernst genug genommen wurden.

          Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura traf sich im November 2018 mit Iranerinnen, konkrete Schritte ergaben sich daraus nicht. Eine Teilnehmerin an dem Treffen, Maryam Schodschaei, sagte gegenüber „CNN“ vergangene Woche mit Blick auf das bevorstehende Länderspiel, es gehe darum, Zugang „zu jedem Spiel und in jedem Stadion“ zu bekommen. Alles andere genüge den Fifa-Statuten nicht. Und:

          In ihren Augen, sagte die Schwester des Kapitäns der iranischen Nationalmannschaft, Masud Schodschaei, trage die Fifa auf Grund ihrer Inaktivität Verantwortung angesichts des Todes von Sahar Chodarjari. Die 30-Jährige hatte im März 2019 versucht, ein Fußballspiel zu besuchen, wurde verhaftet und zündete sich Anfang September an, nachdem sie zu einer Haftstrafe von sechs Monaten wegen Beamtenbeleidigung verurteilt worden war. Ihr Tod führte zu Protesten und Solidarisierung unter Fans und Spielern in Iran und im Ausland. So sieht sich der Kapitän von Esteghlal, Nationalspieler Wuria Ghafuri, wieder einmal Angriffen durch die Hardliner und von ihnen ausgehaltene Medien ausgesetzt. Bereits im Februar war er nach Kritik an der iranischen Außenpolitik und deren sanktionsinduzierten negativen Folgen für die iranische Bevölkerung via Instagram indirekt vom mächtigsten Mann der Islamischen Republik, dem geistlichen Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei, gemaßregelt worden.

          Derzeit machen die Hardliner Ghafuri, einen Kurden aus der Provinzhauptstadt Sanandadsch, dafür verantwortlich, dass die Spieler von Esteghlal ihre Meinung öffentlich gemacht hatten: Im Liga-Spiel bei Naft Masdsched Soleyman (1:1) traten sie in T-Shirts auf den Rasen, auf denen ein blaues Herz sowie die Aufschrift „Blaues Mädchen“ auf Farsi und Englisch zu lesen war. Unter diesem Hashtag hatten Fans in aller Welt Anteilnahme am Tod Sahar Chodarjaris zum Ausdruck gebracht. Die Folge: weitreichender Beifall in den sozialen Netzwerken, Rügen aus dem Sicherheitsapparat. Dessen Kräfte haben das Derby zwischen Esteghlal und Persepolis am Sonntag im Asadi-Stadion nun noch genauer im Blick.

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