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Franz Beckenbauer : Nicht mehr unantastbar

Der Mann, der Franz Beckenbauer war: Olli Dietrich in seiner preisgekrönten Beckenbauer-Parodie Schorsch Aigner Bild: dpa

Lange gab es für Beckenbauers Nonchalance Applaus. Heute klingelt der Staatsanwalt. Die Zeiten haben sich geändert. Nicht zum Schlechten.

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          Wolfgang Niersbach war noch Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Es war noch keine Rede von der Sommermärchen-Affäre, von Millionen-Überweisungen in die Schweiz und aus der Schweiz und nach Qatar, über ihre schleierhaften Gründe. Und erst recht rechnete niemand mit grenzüberschreitenden Hausdurchsuchungen, mit einem Besuch der Strafverfolger im Hause Beckenbauer in Salzburg.

          Aber der Mann, der Franz Beckenbauer war, hatte es schon im Mai 2015 entdeckt: „Ich glaube, man kann sehen, wie Beckenbauer im Alter immer mehr darauf bedacht ist, seine Unantastbarkeit zu konservieren und zu sichern“, sagte der Kabarettist Olli Dittrich, bevor seine Beckenbauer-Parodie Schorsch Aigner Anfang Juni 2015 ins Fernsehen kam. „Je älter er wird, umso schwerer fällt es, das zu kontrollieren. (...) Da ist eine Zerbrechlichkeit, ein Bewusstsein, dass diese Lichtgestalt einer höheren Beschädigungsgefahr ausgesetzt wird, der er entgehen will.“

          15 Monate sind seitdem vergangen. 15 Monate, die Beckenbauer, die zentrale öffentliche Figur des deutschen Sports, im Mahlstrom der Verdachtsmomente und Untersuchungen, der Ermittlungen und Vermutungen verbrachte. Kann es sein, dass sich Franz Beckenbauer nichts hat zuschulden kommen lassen? Weder bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland noch danach? Auch nicht, so der jüngste Verdacht, dem die Schweizer Bundesanwaltschaft nachgeht, in seiner Zeit als Mitglied der Exekutive des Internationalen Fußball-Verbandes Fifa, an der Tafelrunde im Reiche Blatter? Ja, das kann sein.

          Versierter Mann in Steuerfragen: Natürlich müsse man zahlen - „aber gleich so viel“?

          Noch ist keine Ermittlung abgeschlossen, keine Anklage erhoben, kein Urteil gesprochen. Aber es waren 15 Monate, in denen es dem „Kaiser“ von einst eben nicht gelang, den Nimbus der eigenen Unantastbarkeit zu bewahren. Er ist zerbrochen. Es waren 15 Monate, in denen Beckenbauer wenig Erhellendes beizutragen hatte. Und wenn er zu erklären versuchte, dann klang Beckenbauer fast wie seine Parodie.

          „Die Steuer - auch mein Problem“

          Er habe eben sehr viele Dokumente blanko unterschrieben, sagte er. Bis vor ein paar Jahren gab es für so viel Nonchalance Applaus von allen Seiten. Heute klingelt der Staatsanwalt. Früher war die Schweiz ein sicherer Zufluchtsort für Steuerflüchtlinge. Wer wüsste das besser als Beckenbauer? Sein Steuerberater überzeugte ihn Ende der Siebziger vom Wohnsitz in Obwalden und stieg sodann zum Justizdirektor des Kantons auf, in dem die Steuerpflicht so leger gehandhabt wurde, dass Obwalden 1986 unter die Aufsicht des Bundes gestellt wurde und keine eigenen Steuern mehr einziehen durfte. „Die Steuer - auch mein Problem“, schrieb er 1992 in „Ich. Wie es wirklich war“. Natürlich müsse man zahlen - „aber gleich so viel“?

          Beckenbauer zahlte 1,8 Millionen Mark in Deutschland nach, damit war früher das Problem erledigt. Heute versuchen gerade die Schweizer Ermittler im Zusammenspiel mit dem amerikanischen FBI und - im Fall Sommermärchen - den Frankfurter Staatsanwälten Licht ins Dunkel des Korruptionsdschungels im Fußball-Business zu bringen. Früher zog die Methode Beckenbauer. Heute nicht. Unantastbar, wie Olli Dittrich das nannte, ist im Fußball niemand mehr. Die Zeiten haben sich geändert. Nicht zum Schlechten.

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