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Flüchtlinge und Sport : Sie wollen doch nur spielen

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So sieht die Flüchtlingswelle aus: Die Spieler des Berliner Fußballprojekts „Champions ohne Grenzen“ proben „La Ola“ Bild: Champions ohne Grenzen

Der Sport gibt sich weltoffen. Doch Flüchtlinge stehen bei Vereinen oft vor verschlossenen Türen. Vor allem der deutsche Fußball ist noch kein Integrations-Weltmeister.

          Als Zahirat Juseinov aus Vinica floh, ließ er alles hinter sich. Haus und Arbeit waren das Bleiben nicht wert. Als Angehöriger einer ethnischen Minderheit in Mazedonien war sein Sohn in der Schule immer wieder beleidigt, beschimpft und auch geschlagen worden. Bis die Familie irgendwann sagte, es geht nicht mehr, und sich zur Flucht in eine bessere Zukunft entschloss.

          Die Liebe zum Fußball ist Juseinov aus seinem alten Leben geblieben - und hat ihm den Weg in sein neues erheblich erleichtert. Der 34-Jährige weiß es als großes Glück zu schätzen, dass die Jungs eines Potsdamer Fußballklubs ihn und die anderen an einem Januartag vor vier Jahren im Flüchtlingsheim abgeholt und mit ins Stadion genommen haben. Initiativen wie die des Regionalligavereins SV Babelsberg 03 sind rar auf der Landkarte, helfen den Neuankömmlingen aber ungemein dabei, Freundschaften zu schließen, die Sprache zu lernen und sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.

          „Wir waren die Symbolpolitik der anderen leid“

          Neulich erst hatten Bilder aus deutschen Asylheimen die Öffentlichkeit schockiert: Flüchtlinge wurden von Sicherheitsdienst-Personal misshandelt. Die Vorfälle passierten in Nordrhein-Westfalen - einem Bundesland, dessen Bevölkerung stark multikulturell geprägt ist und wo Berührungsängste mit Fremden nicht unbedingt vermutet wurden.

          Dass hingegen ausgerechnet im mit Migrationsquoten wenig vertrauten Brandenburg ein bundesweites Vorreiterprojekt in Sachen Flüchtlingsintegration entstand, hat viel mit der Babelsberger Fankultur zu tun. Alexander Bosch, ein Mitarbeiter im dortigen Fanprojekt, bezeichnet die Szene als „St. Pauli des Ostens“. Die Fans seien schon vor Jahren auf die Sozialarbeiter zugekommen, weil sie die schlichte Symbolpolitik der anderen leid waren. Aus dem Wunsch nach echter Integration entwuchs die Idee, etwas Neues zu wagen. Weg von bloßen Lippenbekenntnissen.

          Flüchtlinge - normaler Teil des Vereins

          „Wir wollen eine richtige Mannschaft, als ganz normalen Teil des Vereins“, habe man sich im Klub vorgenommen. Im Sommer dieses Jahres wurde das auch so umgesetzt. Die Flüchtlinge nehmen das Angebot dankbar an. Zurzeit tummeln sich bei jedem Training 30 bis 40 Spieler auf dem Platz, aus dem afrikanisch-arabischem Raum, aber auch vom Balkan. Politisch und religiös Verfolgte und solche, denen zu Hause schlichtweg die wirtschaftliche Perspektive fehlte, weil dort Krieg und Zerstörung herrschen, und die ihren Kindern, so wie Zahirat Juseinov, in Deutschland eine bessere Zukunft ermöglichen wollen.

          Bisher bestreitet das Team, das sich „Welcome United 03“ nennt, nur unregelmäßig Freizeitturniere und Freundschaftsspiele. Ziel ist es, im nächsten Jahr ganz offiziell als dritte Mannschaft des Vereins im Punktspielbetrieb zu starten. Um Spielerpässe für die Flüchtlinge will sich der Verein demnächst bemühen. Die Verantwortlichen müssen sich dabei allerdings auf einige Schwierigkeiten gefasst machen, wie unter anderem ein Beispiel aus Rheinland-Pfalz zeigt.

          Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte jüngst Vorwürfe eines Vereins aus Niederwörresbach zurückgewiesen und mit Nachdruck betont, dass die Nichterteilung von Spielerpässen für Flüchtlingskinder ein Einzelfall und vor allem ein Missverständnis gewesen sei. Natürlich sei es Flüchtlingen möglich, auch am Punktspielbetrieb teilzunehmen - etwas anderes hätte dem Verband, der sich Integration groß auf die Fahnen schreibt und sich neben dem vierten WM-Stern immer wieder auch mit dem Migrationshintergrund fast der Hälfte seiner Nationalelf als Integrations-Weltmeister feiert, auch nicht gut zu Gesicht gestanden.

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