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Fifa : Skandal-Akten werden geöffnet

Hehre Versprechungen: Fifa-Präsident Blatter und seine Reformen Bild: REUTERS

Fifa-Chef Blatter will im Amt bleiben, aufklären und für Transparenz sorgen. Weltmeisterschaften vergibt künftig nicht mehr die Exekutive, sondern der Kongress.

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          Nicht selten hat Joseph Blatter schon versucht, schwierige Momente mit Charme und einigen symbolträchtigen Worten zu überspielen. Am gestrigen Freitag trat er ganz auf wie ein spröder Sachverwalter und trug mit ernster Miene ohne größere Emotionen seinen Reformfahrplan vor, der in zwei Jahren Ergebnisse zeigen soll und den er selbst als „ehrgeizig“ bezeichnete.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Jetzt müssen wir Gas geben“, sagte der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa). Was er an zwei Tagen zusammen mit seinen Kollegen aus dem Exekutivkomitee abgestimmt hatte, soll die von Korruptionsvorwürfen durchgeschüttelte Fifa aus ihrer schwersten Krise führen.

          Hoffnungsträger Zwanziger

          Dafür wurden mehrere Veränderungen in der Organisationsstruktur des Weltverbandes angekündigt, die vor allem bewirken sollen, dass dringend benötigte Transparenz sowie Kontrollmechanismen Einzug halten in diese bisher eher geheimnisvolle Welt. „Spätestens 2013 werden wir unseren guten Ruf wiederhergestellt haben“, versprach Blatter. Unterstützen lassen will er sich auf seinem Weg auch vom Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, und in spezieller Funktion auch von Franz Beckenbauer.

          Wichtiger Helfer: DFB-Präsident Theo Zwanziger

          Im Zentrum steht eine sogenannte Good-Governance-Kommission, über die sich der Verband bei der ab sofort beabsichtigten guten Geschäftsführung von außen kontrollieren und auch beraten lassen will. In diesem neuen Supergremium, das dem Exekutivkomitee berichtet, sollen nicht nur unabhängige Spezialisten aus dem Bereich des Anti-Korruptions-Kampfes sitzen, etwa von Transparency International, sondern auch Politiker, Richter, Sponsoren, Profivereine, Schiedsrichter, Vertreter aus dem Frauenfußball, von Fangruppen oder auch von den Medien. Gerade die Zusammenarbeit mit Transparency International betonte Blatter gestern mehrmals.

          Die Organisation hatte zuvor ein Papier mit Reformvorschlägen für die Fifa ausgearbeitet. „Diese Leute sind unsere Berater“, sagte Blatter, wogegen sich allerdings später die ebenfalls in Zürich anwesende Sportbeauftragte von Transparency, Sylvia Schenk, ein wenig wehrte. „Wir sind keine Berater, sondern völlig unabhängig und zahlen auch alles selber.“ Diesen Tag bei der Fifa sah Sylvia Schenk dennoch als Gewinn. „Das ist eine gute Basis. Die Fifa hat die Kurve gekratzt, aber die Arbeit geht jetzt erst los.“

          Sylvia Schenk von Transparency International: „Die Fifa hat die Kurve gekratzt, aber die Arbeit geht jetzt erst los“

          Ob das ein Befreiungsschlag mit nachhaltiger Wirkung sein kann, bleibt abzuwarten. Schließlich stehen als Hypothek Jahrzehnte unkontrollierter Misswirtschaft. Die Fifa-Oberen müssen jetzt zeigen, dass ihnen Vergangenheitsbewältigung, Aufklärung, Reformbereitschaft wirklich am Herzen liegen. Dass Blatter vortrug, eine brisante Akte aus der Vergangenheit öffnen zu wollen, sollte gestern seinen eisernen Willen zu Veränderungen deutlich beweisen.

          Es geht um eine geheime Liste, auf der Namen mindestens drei wichtiger Funktionäre aus den eigenen Reihen als Schmiergeld-Empfänger stehen. Es handelt sich um Issa Hayatou, den afrikanischen Fußballpräsidenten, den Brasilianer Ricardo Teixeira, gegen den zu Hause derzeit wegen Geldwäsche und Korruption ermittelt wird, und den Paraguayer Nicolaz Leoz, Chef der südamerikanischen Fußball-Konföderation.

          Diese Mitglieder des Exekutivkomitees sollen jahrelang von der 2001 Pleite gegangenen Agentur ISL/ISMM Geld bekommen haben, damit sie bei der Vergabe von lukrativen Fernseh- und Marketingrechten in eine bestimmte Richtung entschieden.

          Angekündigte Öffnung hat einen Haken

          Die Fifa hatte im Juni 2010 noch veranlasst, dass die hausinternen Schmiergeld-Empfänger als Wiedergutmachung eine Summe von 5,5 Millionen Franken an den Weltverband zurückzahlten, dafür im Gegenzug aber anonym blieben. „Der Fall hat schon viel Unruhe verursacht“, sagte Blatter und weiter: „Das ist eine sehr komplexe Akte mit rechtlichen Auswirkungen.“

          Aber die angekündigte Öffnung hat einen Haken: Die Papiere werden erst einmal nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ende des Jahres sollen nur die Mitglieder des Exekutivkomitees die heiße Ware begutachten und dann urteilen. Danach soll die Liste, auf der viele Topfunktionäre auch aus anderen Verbänden und vom Internationalen Olympischen Komitee stehen sollen, an eine „unabhängige Institution“ übergeben werden, wie der Fifa-Chef ankündigte.

          Fifa-Kongress vergibt WM

          Für Theo Zwanziger, der in Zürich seinen Einstand als Mitglied im Exekutivkomitee gab, kommt nun neben der Führung des Deutschen Fußball-Bundes weitere Arbeit zu. Er soll eine der vier Task-Force-Einheiten anführen, die jetzt eingerichtet worden sind. Seine Gruppe ist vor allem für eine Überarbeitung der Statuten zuständig, welche an die neuen Ansprüche eines sauberen Geschäftsgebarens angepasst werden sollen. Franz Beckenbauer, der zuvor vier Jahre im Exekutivkomitee saß, erhält den Vorsitz in der Fußball-Task-Force, die sich die Aufgabe einer Modernisierung des sportlichen Regelwerks stellt.

          Hier bestätigte Blatter auch nochmals seinen Plan, dass die WM-Ausrichter in Zukunft von den 208 Mitgliedern des großen Fifa-Kongresses gewählt werden sollen. Das Exekutivkomitee, das dies bisher auf so umstrittene Weise getan hatte, würde nur noch die Liste der Kandidaten begrenzen. Darüber hinaus gibt es zwei weitere Task-Force-Gruppen für Transparenz und für Ethik.

          Die umstrittene Ethikkommission, die bisher völlig abhängig war vom Machtapparat der Fifa, soll von einer Anklage- sowie Gerichtskammer „unterstützt“ werden, sagte Blatter. Als wäre in der Vergangenheit nichts gewesen, gab sich der seit 1998 amtierende Fifa-Präsident nach den langen Sitzungen so agil wie eh und je. Die Frage, ob er nicht auch den Weg frei machen wolle für neue Kräfte mit reinem Gewissen, beantwortete er so: „Ich bin doch erst wiedergewählt worden.“

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