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Fifa-Kandidaten : Züricher Puppenkiste

Kein Neuanfang: Gianni Infantino taugt genauso wenig wie Michel Platini für Wandel Bild: AFP

Die große Zahl an Kandidaten für die Fifa-Präsidentschaft gaukelt Reformpotential vor. Tatsächlich bleiben die Seilschaften bestehen. Ein Neuanfang ist damit weiter unwahrscheinlich.

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          Die Kandidatenliste für die Präsidentenwahl beim Internationalen Fußball-Verband (Fifa) ist ein buntes Potpourri. Aus fast allen Ecken dieser Welt kommen die sieben statt der zunächst erwarteten acht Bewerber. Obwohl der frühere Profi David Nakhid aus
          Trinidad und Tobago kurzfristig doch nicht auf der Liste der auftauchte, die die Fifa veröffentliche, sind es so viele wie noch nie. Geboten wird so einiges: vom Verbandsbürokraten über den Abkömmling aus royalem Haus bis zum Freiheitskämpfer gegen die Apartheid.

          Aber nur auf den ersten Blick besticht das personelle Angebot für die Wahl am 26. Februar in Zürich durch seine Vielfalt und das daraus abzuleitende Reformpotential. Realistisch betrachtet gibt es unter den Bewerbern keine wahre Alternative zum alten System der Vetternwirtschaft unter Joseph Blatter. Alles droht beim Alten zu bleiben – eine ernüchternde Erkenntnis vier Monate vor dem Wechsel. Schuld daran sind auch die Wahlregeln des Weltverbandes, die externen Einsteigern keine Chancen bieten. Obwohl gerade das in der jetzigen Krisensituation für eine Selbstreinigung an der Spitze wichtig gewesen wäre.

          Einfluss der Seilschaften bleibt

          Artikel 24 der Fifa-Statuten bestimmt, dass ein Kandidat für die Position des Fifa-Präsidenten während zweier Jahre in den vergangenen fünf Jahren eine aktive Rolle im Verbandsfußball gespielt haben muss, bevor er Kandidat werden kann. Zudem müssen mindestens fünf Nationalverbände eine schriftliche Unterstützung für einen Bewerber abgeben. So ist abzusehen, dass sich am bestehenden Machtgefüge nichts grundlegend ändern wird.

          Der Einfluss der bestehenden Funktionärs-Seilschaften bleibt bestehen. Bei jedem einzelnen Präsidentschaftskandidaten schwingt so die Frage mit, in welche der vielen Affären und Skandale er denn verwickelt sein könnte. Das Netzwerk der Patronage innerhalb des Weltfußballs steht und erfreut sich bester Gesundheit; die Kandidaten erscheinen als Marionetten, während im Hintergrund die Strippen gezogen werden. Das ist keine gute Perspektive.

          Der Schweizer Gianni Infantino gehört seit Jahren als Generalsekretär der europäischen Fußball-Konföderation Uefa zum inzwischen wenig vertrauenswürdigen Establishment. Ein Mann ohne Ecken und Kanten, der von seinen Hinterleuten für den (wahrscheinlichen) Fall positioniert wird, dass Uefa-Chef Michel Platini endgültig wegen Bilanzfälschung oder sogar Bestechlichkeit gesperrt wird. Scheich Salman bin Ibrahim al Khalifa aus Bahrein, asiatischer Fußballchef, wird ganz offen vom mächtigen Multifunktionär Scheich Ahmad al Sabah (Kuweit) ins Wahlrennen geschickt. Zudem gibt es bei Scheich Salman Bedenken, werfen ihm Menschenrechtsgruppen vor, an der Verfolgung und Folterungen von Regimegegnern, unter ihnen Fußballprofis, in der Heimat beteiligt gewesen zu sein.

          Acht Bilder, sieben Kandidaten: David Nakhid (oben links) tritt doch nicht an. Ansonsten bewerben sich o.v.l.n.: Gianni Infantino, Scheich Salman bin Al Khalifa, sowie u.v.l.: Jerome Champagne, Musa Bility Prinz Ali bin al-Hussein, Tokyo Sexwale und Michel Platini

          Zurückhaltend muss auch die Bewerbung des Südafrikaners Tokyo Sexwale bewertet werden. Der frühere Mandela-Mitstreiter sitzt seit 2007 in verschiedenen Gremien des Weltverbandes. Für Misstrauen dürfte zusätzlich sorgen, dass Sexwale von Blatter und Franz Beckenbauer auf die Schienen zur Fifa-Kandidatur gesetzt wurde. Und so steht schon heute fest: Wer auch immer Blatter im nächsten Frühjahr beerben wird – er kann nur schwerlich für einen Neuanfang bei der Fifa stehen.

          Die Kandidaten für die Wahl zum Fifa-Präsidentenwahl am 26. Februar:

          • Michel Platini, derzeit gesperrter Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa)
          • Gianni Infantino, Uefa-Generalsekretär
          • Musa Bility, Präsident des liberianischen Fußballverbands
          • Scheich Salman bin Ibrahim al Khalifa, Präsident der Asiatischen Fußball-Konföderation
          • Prinz Ali bin al Hussein früheres Mitglied der Fifa-Exekutive
          • David Nakhid, früherer Fußball-Profi aus Trinidad und Tobago
          • Jerome Champagne,, früherer Fifa-Generalsekretär
          • Tokyo Sexwale, Fifa-Beobachtungskomitee für Israel und Palästina
          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

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